Sigmund Freud Die Seele gehört nicht mirSeite 4/4
Roth: Auf grobem Niveau geht das. Man findet zum Beispiel bei Depressiven eine Überaktivität der Amygdala und eine Unterfunktion von Teilen des Stirnhirns. Diese Patienten verlieren also das Interesse an der Umwelt. Bei Angstpatienten ist es genau umgekehrt. Diese leiden unter einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Bedrohliche, und entsprechend ist die Aktivität des Stirnhirns erhöht. Und man kann in Ausnahmefällen zeigen, dass sich nach einer erfolgreichen Therapie ein Gleichgewicht zwischen den Zentren wieder einstellt. Aber noch wissen wir nicht, was das Patient-Therapeuten-Verhältnis im Gehirn bewirkt. Ich denke, in zehn, zwanzig Jahren wird man das genauer erklären können.
ZEIT: Käme man soweit, dass man jemanden vor einer Psychotherapie in einen Kernspintomografen schiebt und feststellt: Der braucht jene Art von Therapie oder Hilfestellung?
Roth: Das wird in wenigen Jahren möglich sein. Man sieht ja immer mehr, dass verschiedene psychische Erkrankungen verschiedene Therapien brauchen. Und das wird man abschätzen können. Die Therapie selbst wird dies niemals abschaffen.
Welzer: Ich würde die Diskussion gern noch einmal von einer anderen Seite her angehen. Was Sie eben skizziert haben, ist die Heilungsutopie. Aber gibt es nicht auch Möglichkeiten auf der sozialen Ebene, dafür zu sorgen, dass psychische Störungen gar nicht erst entstehen? Das wäre ebenfalls eine Schlussfolgerung aus der Erkenntnis, dass das Gehirn plastisch ist. Denn es ist ja klar, dass bestimmte Lebenslagen für die Mütter eine gelingende Bindung zum Kleinkind erschweren oder erleichtern. Doch das wird schnell vergessen, wenn wir über künftige Therapiemöglichkeiten und individuelle Medizin reden. Man kann das Bad ja erst einmal einlaufen lassen, bevor man das Kind ausschüttet.
ZEIT: Fürchten Sie, der neurobiologische Ansatz verdrängt die soziale Betrachtung?
Welzer: Die Forscher, die sich mit solchen Dingen beschäftigen, sind sich meist des Potenzials und der Probleme ihrer Arbeit sehr bewusst. Doch wenn diese Forschung dann über die Medien vermittelt wird, kommt oft etwas anderes dabei heraus. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Vorträge vor Erzieherinnen über frühkindliche Bildung gehalten. Diese beklagen oft einen ungeheuren Druck, aufgrund der neuen neurobiologischen Erkenntnisse die Erziehung zu optimieren. So breitet sich die Hybris der Beeinflussbarkeit aus. Die Neurobiologen werden dabei Opfer ihres eigenen Erfolgs: Der erzeugt in der Gesellschaft gewisse Omnipotenzfantasien, aber auch Angst, Kritik und Skepsis. Dabei muss man deutlich sagen: Man weiß zwar viel übers Gehirn – aber längst nicht genug, um das Denken von Menschen beeinflussen zu können.
Roth: Das ist richtig. Man weiß viel mehr, als viele Philosophen meinen, aber viel weniger, als die breite Bevölkerung annimmt. Ich höre mir das, was Sie sagen, Herr Welzer, mit Begeisterung an, weil es bisher wenig Bereitschaft von Emotionspsychologen und Sozialwissenschaftlern gab, aufeinander zuzugehen. Ich glaube, die große Herausforderung ist es, die Hirnforschung zumindest in Teilen als Sozialwissenschaft zu sehen. Ich habe mit vielen Sozialwissenschaftlern gesprochen, die nur mit den Achseln zuckten und sagten: Gehirn hat mit Gesellschaft nichts zu tun. Dabei geht die Gesellschaft mitten durch das Gehirn.
ZEIT: Wie steht es denn aufseiten der Neurobiologie mit der Bereitschaft, sich darauf einzulassen?
Roth: Es gibt bisher nur eine Hand voll Hirnforscher in Deutschland, die überhaupt eine rudimentäre Ahnung von Sozialwissenschaft haben – und die auch wissen, was man mit Kernspintomografie an sozialen Prozessen überhaupt untersuchen kann. Aber das ist die große Herausforderung, eine Art social neuroscience zu entwickeln.
ZEIT: Dass Sigmund Freud kein Optimist war, hängt ja auch mit seiner Bildung zusammen, mit seiner Kenntnis von Gesellschaft und Geschichte. Ist das historisch überholt? Unterliegen wir heute alle einem optimistischen Machbarkeitsglauben? Oder sind gebildete Wissenschaftler auch heute skeptisch, vorsichtig, vielleicht sogar eher pessimistisch?
Welzer: Da müssen wir verschiedene Ebenen unterscheiden. Die Psychoanalyse selbst tritt ja mit dem optimistischen Anspruch der Emanzipation, der Selbstaufklärung an. Freuds Unbehagen in der Kultur und seine eigene persönliche Einstellung liegen auf einer anderen Ebene. Die spannende Frage aber scheint mir, ob wir nicht vielleicht aus der Begegnung von Neurobiologie und Sozialwissenschaften einen emanzipatorischen Funken schlagen könnten. Denn wenn wir dieses Denken in Übereinstimmung bringen, werden wir vieles an Ballast los – die Natur/Kultur-Dichotomie, den Streit um Anlage oder Umwelt und so weiter. Es entsteht ein Raum, in dem wir konzeptionell neu denken können. Insofern wäre ich optimistisch. Aber die Blockade zwischen den Fächern ist bislang noch unglaublich stark.
ZEIT: Ist die Borniertheit der Disziplinen größer oder kleiner als zu Freuds Zeiten?
Roth: Die hat sich nicht verändert. Ich finde aber, dass wir gemeinsam neue Modelle entwickeln können. Selbst wenn uns unsere genetische Ausrüstung unsere Psyche zu 50 Prozent determinieren mag und die frühkindliche Erfahrung zu 30 Prozent – dann bleiben immer noch 20 Prozent, die sich im Laufe des Lebens verändern. Das ist sehr viel. Das kann leicht den Unterschied zwischen einem leicht beschränkten Schüler und einem einigermaßen intelligenten Abiturienten ausmachen. Das erklärt, weshalb Sozialisierung so einen Einfluss hat. Und wenn man das durchdekliniert, dann werden viele Fragen, wie Herr Welzer schon sagte, obsolet.
Das Gespräch führten Ulrich Schnabel und Elisabeth von Thadden
- Datum 16.03.2007 - 04:34 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Sind die Psychoanlasyse und ihre Verwandten vielleicht nur Ablenkung/ Verdrängung vom täglich Bewussten, weil es "das Unbewusste" in NORMALfall gar nicht gibt?
Ich behaupte, dass von der Perspektive, dem Startpunkt der Betrachtung/ Besinnung abhängig ist, ob es Verdrängung überhaupt gibt. Starte ich bei einem gesunden Menschen, wo immer dieser auch zu finden sei, so verhält es sich doch natürlicherweise so, dass das "Unbewusste" alles wahrnimmt, bewertet, speichert. Das Ich steht im Dialog/ Austausch mit dem ES und dem Über-Ich. Dabei muss es aber nicht alles bewusst haben. Es arbeitet effizient und ruft eine Konferenz nur im Problemfall/ Ungleichgewicht ein. Wir können dies an uns selbst überprüfen, wenn wir auf verschiedenste Akrivitäten blicken: Ob das Laufen, Greifen, Fangen, kompetenter Umgang mit Essbesteck oder das Autofahren - ich denke nicht darüber nach, wie schnell ich fahre und sehe dann etwas, dass ich als Kurve bewerte und denke, dass ich gleich erst ein wenig, dann mehr einlenke und wie ich meine Arm-, Hand- oder sonstwelche Muskulatur steuere und dann noch, ob und wann ich die rechte Hand vom Lenkrad löse und in Richtung Schalthebel ziele, zugreife und einen Gang runter schalte.... Kurz: Ich steuere und registriere nicht jede Wahrnehmung, Interpretation, Muskelbewegung bewusst. Erst wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr erfolgreich genug autofahren kann, werde ich eine Konferenz einberufen.
So verhält es sich stetig bei der Reifung von Kind an. Ich lerne zu greifen, zu laufen, zu schreiben. Sobald ich eine Tätigkeit jedoch erfolgreich beherrsche, muss sich mein Bewusstsein nicht mehr mit diesen Aufgaben beschäftigen und kann sich den nächsten widmen.
Auf diese Theorie kam ich durch Anna Freud, die in Psychoanalyse für Pädagogen (oder mindestens so ähnlich) schrieb, dass Kinder sich nicht an ihre frühe Kindheit erinnern könnten. Sie würden diese Verdrängen, da der Konflikt zwischen Kind und Eltern/ Umwelt so schmerzhaft sei, da die Wünsche von Eltern und Kindern zu gegensätzlich sein...
Dies finde ich (als Mutter und Erzieherin) absolut nachvollziehbar. Ich stelle mir also vor, dass das Kind im beispielsweisen Alter von drei Jahren seine schmerzhafte Kindheit resümiert und da es weiss, dass es dennoch abhängig von seinen Eltern ist, einen Neustart vollzieht. Es hilft nunmal nichts, den ewigen Schmerz ungestillten Verlangens, mangelnder Liebe und Wertschätzung, inkongruenter unrealistischer Dogmen... und die Schuldgefühle ewig present zu haben. Diese sind nicht sinnvoll/ hilfreich für das ewige Bestreben einer effektiven Nutzung seiner Ressourcen. So kann es diese gerne verdrängen und damit "resetten".
Da diese Daten nicht sinnvoll sind, brauchen wir sie aber nicht durch Psychoanalyse oder sonstwas wieder ausgraben. ( Stark traumatisierte Menschen sind ein anderer Fall, ich beziehe mich hier auf den "normalen", zivilisierten Menschen.) Wenn ich an mir bemerke, dass ich mich und andere zu wenig liebe und schätze, dass ich keine befriedigenden Beziehungen leben, dass ich häufig "Entspannung" brauche oder einen Krankenschein und lieber fernsehe als aktiv zu sein oder was auch immer, mich an mir unglücklich macht, dann reicht mir die Information, dass es fundamental an meiner pre- und postnatalen Kindheit liegt (wie auch bei meinem Chef und meinen Nachbarn...). Jedoch ist es nicht NOTwendig, die genauen Details zu bergen.
Weiterhin ist uns, so behaupte ich, viel mehr WICHTIGES bewusst, was uns Probleme oder Angst macht, als wir uns und anderen gegenüber zugeben.
So halte ich die Psychoanalyse und ihre Verwandten durchaus nicht für sinnlos, jedoch, wenn ich ERNSTHAFT etwas für mich ändern und erkennen will, lenken mich diese Zeitvertreibungen eher ab. Ich spüre täglich, dass ich mich belüge und so könnte ich auch meine Zeit und Energie darauf verwenden, mich zu ertappen und, wenn ich die Umwelt mit einbeziehe, mich ertappen zu lassen. Indem wir sehr häufig sagen, dass wir etwas, ja, ganz unbewusst getan haben, arbeiten wir fleissig an der Aufrechterhaltung dieser Lüge weiter und wie schön ist es, dass "das Unbewusste" so schön gesellschaftlich anerkannt ist. Ich halte es für Zeitverschwendung, die wir uns in den meisten Fällen nicht leisten können, das spannende Ergebnis einer Psychoanlyse abzuwarten, während ich DADURCH meine täglichen vermeintlich unbewussten Lügen immer mehr etabliere.
Ich kann nicht garantieren, dass es jemandem, ausser mir, damit besser gehen wird und da ich es wohl nie erforschen können werde ist das vielleicht sehr vermessen von mir kleinen Frau. Jedoch forciere ich arrogant Eigenverantwortung.
Aber ich fordere nicht nur, sondern habe auch noch ein Bonbon: Was hält uns denn täglich davon ab, uns mit unseren Bewussten, Wichtigem zu befassen bzw. seine Existenz endlich nicht mehr zu leugnen? Eckardt Schiffer schrieb den entfremdeten Hunger, ich nenne meinen Punkt die entfremdete Angst. (Nebenbei was ist bei uns nicht (zweck-) entfremdet? Angst ist sinnvoll, Ekel ebenso, aber wovor haben wir Angst, ekeln wir uns?)
Mir hat zwar mal jemand gesagt, man könne nicht alles mit Angst erklären, aber, tut mir leid, ich komme immer wieder zu diesem Punkt:
Warum hören wir nicht auf uns? Weil wir Angst haben, eine schlechte Mutter zu sein? Weil wir nicht für zu egozentrisch, nicht stark und liebesfähig genug gehalten werden wollen? Weil wir nicht wollen, dass wir und andere erkennen, dass wir in Aussehen und Werk nie genügen . Wovor auch immer . Mit welcher Begründung?
1. Welcher starke, gesunde Mensch würde uns ernsthaften
Schaden zufügen wollen und können, wenn er dies
entdeckte?
2. Wenn nur ebenso schwache oder noch schwächere
Menschen auf Verletzungen zielen, warum ängstigen
wir uns dann? Sie sind doch mindestens genau so arm
dran wie wir.
3. Sind wir doch nicht böse weil wir schwach sind.
Wir haben (leider) alle ein ähnliches Fundament
durch unsere Kindheit erhalten und unsere Eltern
ebenso und deren Eltern auch Hier ein Zitat von
Jean Liedloff: Was könnte erschütternderer sein als
die Situation, in der ein Kind aus Verlangen nach
mütterlicher Zuwendung weint und die Mutter es
schlägt, weil es IHR Sehnen nicht mit mütterlicher
Zuwendung beantwortet?
Bei einem solchen Spiel gibt es keinen Gewinner;
und niemand ist der Schurke.
Von Horizont zu Horizont erblickt man nichts als
die Opfer von Opfern."
ALSO sind wir nicht schuldig!!! Aber fangen wir doch bitte JETZT endlich an, diesen Kreis zu durchbrechen und unseren Kindern, Freunden, Mitlebewesen UNSER Leid zu ersparen!
Daher und immerhin hoffe ich darauf, dass diese Argumentation vielleicht jemandem einleuchtet oder diskutiert gerne mit mir und belehrt mich eines Besseren.
Ich habe mich diszipliniert, diese Erklärung kurz zu halten...
Narzisska
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren