Flach? Aber mit Methode!

HÖRBUCH: Elfriede Jelineks Bambiland als warholbuntes Hörspiel

Vergessen wir den Nobelpreis mal, für den kann Elfriede Jelinek schließlich nichts. Im Vorwort zu Bambiland dankt sie Aischylos, Der Rest ist aber auch nicht von mir. Er ist von schlechten Eltern. Er ist von den Medien. Bei ihnen, bei CNN und den Bild- und Kronen-Zeitungen dieser Welt hat Jelinek das Bambi-Material zusammengeklaubt: den Meinungsdreck, den Politkitsch und Statement-Müll zum Irak-Krieg. Was von Horror, Helden, Öl und Religion in unseren Wohnzimmern ankommt, davon handelt dieser Text, wobei Jesus W. Bush freilich auch nur ein phrasaler Pappkamerad ist. Klar, denn von nichts kommt nichts: Bambiland ist Trash. Aber Trash im emphatischen Sinne.

Jelinek hat den medialen Primärdreck hochpoliert und aufgebläht, bis zum Platzen.

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Das Stück hat keine Handlung, keine Figuren, keine Bilder. Die sind eh überall sonst, deshalb knöpft sich Bambiland ihr sprachliches Begleitrauschen vor. Für dieses raumlose Wortgebinde ist jeder Guckkasten zwangsläufig überdimensioniert, sogar das Burgtheater, wo der Skandalclown Schlingensief Bambiland 2003 uraufgedonnert hatte. Ganz anders wirkt nun das Hörstück, das Karl Bruckmaier aus dem Text macht: als sei Bambiland so und nicht anders gemeint. Den personenlosen Satzfluss liest der Regisseur als Partitur, die er mit vier konstrastierenden Stimmen instrumentiert, und die legen sich derart ins Zeug, dass fast schon chargenhafte Typen entstehen. Als Allround-Stand-up: Ilja Richter - der Austroproll mit Herz: Lukas Resetarits - Mutti, Tussi und die anderen Frauen: Marion Breckwoldt - als special guest, mit Aischylos-Worten wie aus einer anderen Welt: Helmut Stange, der den panoramaweiten Ton auch mal blitzartig zerbröseln lässt.

Dieses Spitzenquartett teilt sich die Sätze und Phrasen auf, liest im raschen, dauernd überraschenden Wechsel, als ob sie seit Jahren miteinander improvisieren. Und siehe da: Jelineks wuchernde Satzserien erhärten zu facettenblitzenden Miniszenen, verwandeln sich in eine böse und sehr lustige Geisterbahnfahrt durch die Kulissen zeitgenössischer Propaganda, die Jelinek dichterisch, also assoziativ, kalauernd analysiert: Weh mir, wie leidvoll, erster Bote sein des Leids! / u. s. w., u. s. f. / Niemand hat sowas Schreckliches je gesehen / Deswegen seh i es jetzt aa ned. Flach? Und wie!

Und mit Methode! In der warholbunten Oberfläche bleibt Bambiland seinem Thema treu und trifft dessen hohles Herz vielleicht besser als das Pathos Michael Moores. Die Band FSK besorgt die Musik dazu: Als passend Velvet-Underground-hafte, depressive Verführung ins Paradies der Beliebigkeit hat sie Jelineks Babel-Monologe vertont: Margit sagt / Am allerliebsten wäre sie ein schwuler Mann. / Ja manchen gefällt die Welt / Und manchen bricht das Herz entzwei / Und wir sagen Ja zur modernen Welt.

Nein, neu ist Jelineks Methode, das Hohle tönen zu lassen, nicht. Aber vorsicht - ned moralisch nervös werden! Diese 160 wohltuend abseitigen Hörminuten entfalten in ihren bösen Späßen durchaus kathartische Wirkung, und das auf lockere, sehr unterhaltende Weise. Kürzlich sah der Rezensent Elfriede Jelinek in der Münchner Innenstadt in einem Elektromarkt. Mediale Recherchen? Oder hey, vielleicht sieht Jelinek die Dinge ja viel entspannter ... Und wir sagen ja zur modernen Welt!

Elfriede Jelinek: Bambiland

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