Porträt Jetzt soll es dir gut gehen!
Was macht ein großer Komponist, wenn er 80 wird? Er reist in seine Heimat und probt, bis außer ihm keiner mehr kann. Ein Besuch bei György Kurtág in Budapest.
Es schneit an der Donau. Im schwarzen Wasser treiben Eisschollen nach Süden, über die Lagymányosi-Brücke donnern Lkw. Dicht daneben, hinter einer hohen, glatten Fassade, hört man ganz andere Töne. Es geht um Liebe. Budapester Kulturpalast, sechster Stock, Probensaal. »Fieber, Fieber, Fieber«, singt die Sopranistin auf Russisch, »ich habe Durst nach dir wie nach dem Wasser des Lebens.« Sie kreist drängend um A und Gis, dann erweitert sie den Tonraum über feinem Glühen von Bratsche und Horn, die Klarinette übernimmt … und vorsichtig wird die Tür geöffnet. Der Dirigent bricht ab und lächelt dem alten Herrn zu, der da eintritt. Nicht groß, leicht gebeugt, Stoppelhaare und helles Hemd unterm grauen Pullover. Das ist György Kurtág.
»Macht weiter«, sagt er auf Deutsch mit sanft knarrendem Bariton, »ich will gar nicht viel sagen.« Er stellt sich neben den Dirigenten und späht neugierig in die Partitur, den Kopf mit der großen Brille vorgereckt wie ein Bussard. Es ist ein berühmtes Werk. Die Botschaften der entschlafenen R. V. Trusova. Ein Zyklus zum Verlust der Liebe, 21 Gedichte der russischen Lyrikerin Rimma Dalos. Vor dreißig Jahren hat Kurtág sie vertont für Sängerin und Kammerensemble – eine von konzentrierter Leidenschaft leuchtende, hoch sensible, undogmatisch klare Musik, die bei ihrer Pariser Uraufführung für eine Sensation sorgte. Da war der ungarische Komponist Mitte fünfzig und im Westen noch fast unbekannt. Jetzt ist er achtzig und zählt weltweit zu den bedeutendsten Komponisten.
Kurtág, der Schwierige, bringt die Musiker zur Verzweiflung
Seinen Geburtstag feiert er in Budapest. Genauer: Er probt. Schon vor Wochen ist er aus seiner Wahlheimat bei Bordeaux gekommen, um ein Festival mit seinen Stücken vorzubereiten, hier draußen am Stadtrand, im nagelneuen, monströs schicken Kulturpalast. Mehrere Proben laufen zugleich. Man weiß nie, wann er zu welcher kommt. Nur, dass er kommt. Und dass dann alles ganz anders wird. »Dein Kuss erlöst mich nicht, er vergiftet«, singt Maria Husmann. Da bricht Kurtág auch schon ab, und Dirigent Andrea Pestalozza lässt die Hände sinken. »Wenn ein Kuss dich vergiftet, geht es dir gut oder schlecht?« »Kommt drauf an«, sagt sie etwas ratlos. »Jetzt soll es dir gut gehen«, meint der Komponist, »eine glückliche Isolde!« Er lacht kurz und wie erleichtert. Jetzt!
Es geht nicht um Detailabsprachen für eine Aufführung in zwei Tagen, sondern um die Wahrheit in diesem Moment. Die kostet den Hornisten viel Kraft. Fünf Töne spielt er, wunderschön, ein Kernmotiv im ersten Stück. In der Partitur sind sie akribisch mit Akzenten, mit ganzen und gestrichelten Bindebögen versehen, aber diese Hinweise erfassen kaum, was Kurtág will. Verbundener! Aber nicht ganz legato. Und eine Linie darin. Er singt vor, gestaltet mit den Händen. Noch mal das Horn. Ja, fast … Kurtág geht zur Celesta, greift mit links, zeigt mit rechts, singt dazu. Noch mal. Nuancen, die nicht notierbar sind. Er nimmt sich Zeit, als komponiere er, und er probt auch so: Bis ins Kleinste zerlegt er die Klänge, damit sie zusammenwachsen können, an ihren Nervenenden gleichsam. Das bringt manche Mitarbeiter ans Ende ihrer Nerven, denn Kurtág komponiert auch die Programme. Laszlo Göz, der Organisator, sitzt in einem provisorischen Büro sechs Etagen tiefer und sagt so erschöpft wie respektvoll: »Er kann sehr schwierig sein. Dauernd trifft er Entscheidungen in letzter Minute.« Der Komponist ändert gern Programmfolgen und streicht auch schon mal ein bereits geprobtes Stück ganz aus dem Festival.
Das Budapester Kurtág-Fest ist keine glanzvoll ausgestattete Geburtstags-Hommage. Der Etat aus öffentlichen Geldern reicht nicht mal für ein Programmheft, nur für eine DIN-A4-Pappe, auf der kommentarlos die Stücke und Interpreten verzeichnet sind. Plakate sieht man kaum in der Stadt. »In Frankreich und Deutschland wird Kurtág gefeiert«, sagt Göz, »hier ist er ein ungarischer Komponist ohne Aufträge. Darum ist er weggezogen. Das Land behandelt seine Großen nicht, wie es sollte.« Und dabei hat Ungarn mit seinen 10 Millionen Einwohnern so viele große Zeitgenossen. Die Komponisten Ligeti und Eötvös, die Schriftsteller Esterházy und Kertész, den Nobelpreisträger … »Und jeder kennt jeden!«, ruft Göz, »ein ganz enger Zirkel! Esterházy und Eötvös haben heute beide schon angerufen!« Lächelnd hält er ein Blatt hoch: »Ligeti hat vorhin ein Fax geschickt!« Das kulturelle Ungarn, das eine so starke Ausstrahlung auf Westeuropa hat, wirkt, von Budapest aus betrachtet, sehr familiär. Sie halten alle zusammen, seit langem schon. Auch die gemeinsame Geschichte von Ligeti und Kurtág begann in dieser Stadt, 1945, sieben Straßenbahnkilometer nördlich von hier in der Stadtmitte.
Die Musikakademie am Lisztplatz ist ein gewaltiges Eckgebäude, aus dem Gesang dringt. Durch Kellerfenster erblickt man die Flügel, die dort repariert werden. Der Haupteingang ist verschlossen wie ein Festungstor. Von der Seite kommt man aber ganz leicht hinein – in einen Märchentraum aus Jugendstilarchitektur. Um an der Musikakademie aufgenommen zu werden, wanderte der 19-jährige Kurtág illegal über die Grenze zwischen Rumänien und Ungarn. Während drei Viertel von Budapest in Trümmern lagen, war die Akademie unversehrt. Auf ihr wehte eine schwarze Fahne. Denn soeben war in New York Béla Bartók gestorben – der Mann, bei dem Kurtág hatte studieren wollen. Erschüttert war auch ein anderer, der neben ihm die Prüfung erwartete. Der hieß György Ligeti.
- Datum 23.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
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