Betrug Gauner im Panzerwagen

Das Geldtransport-Unternehmen Heros steht im Verdacht, Kundengeld veruntreut zu haben. In der Branche kursieren schon lange Gerüchte über die Praktiken des Marktführers

Ausgerechnet diese Firma. Als das Geldtransport-Unternehmen Heros am Montag um 14.30 Uhr beim Amtsgericht Hannover für sich und alle 23 Tochterfirmen Insolvenz anmeldete, ging ein Raunen durch die Republik. Verwundert registrierte die Öffentlichkeit, dass eine Firma den Markt für Geld- und Wertdienste zur Hälfte beherrscht, dass daher plötzlich die Versorgung von Bankfilialen und Geldautomaten gefährdet sei. Zugleich vernahm man, dass die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach und das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen gegen leitende Mitarbeiter ermittelten – Mitarbeiter, deren Aufgabe gerade der sichere und zuverlässige Transport von Geld ist. Gegen vier Verantwortliche, darunter den Geschäftsführer Karl-Heinz Weis, wurde wegen des Verdachts der schweren Untreue und des bandenmäßigen Betrugs Haftbefehl erlassen.

Es ist eine mysteriöse Geschichte. Die Geschichte einer Branche, auf die bisher niemand achtete, auf die aber die Bank an der Ecke, das Kaufhaus, der shoppende Kunde angewiesen sind. Und es ist die Geschichte eines mehrere tausend Mitarbeiter starken Unternehmens, das sich offenbar mit unlauteren Mitteln zum Marktführer emporschwang. Den Behörden zufolge sollen die Verhafteten Kundengelder in Höhe von 300 Millionen Euro »im Lauf der letzten Jahre« abgezweigt haben, für sich und »zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes«. Treffen die Vorwürfe zu, erklären sie, worüber Konkurrenten schon lange rätselten.

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Glaubt man der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW), so hat Heros in den vergangenen Jahren die Preise von Wettbewerbern in einer Art unterboten, die »betriebswirtschaftlich nicht zu erklären« war. Bis zu 50 Prozent billiger sei Heros gewesen, so sei der Marktanteil ständig gestiegen. Erst vergangenes Jahr kaufte Heros mehrere Konkurrenten. »Die Gerüchte, dass es bei Heros nicht mit rechten Dingen zugeht, gibt es in der Branche seit acht bis zehn Jahren«, heißt es. »Heros ist der Grund, warum es vielen Geld- und Wertunternehmen in Deutschland derzeit nicht rosig geht«, klagt ein Wettbewerber.

»Wir brauchen Kontrollen. Der Markt allein kann das nicht regeln«

Wem Schaden entstanden ist, wie das Geld abgezweigt wurde, wie viel davon ins Unternehmen floss und wie viel in private Taschen, darüber war am Dienstag noch nichts bekannt. Nach Angaben seines Anwalts hat Geschäftsführer Weis bisher nur »ganz kurz« ausgesagt: »Die richtige Vernehmung beginnt am Donnerstag. Vorher möchte ich zu dem Fall nichts sagen.« Die Behörden wollen derzeit »aus ermittlungstaktischen Gründen« keine weiteren Details verraten. Äußerungen der Staatsanwaltschaft lassen allerdings vermuten, dass es sich um ein Schneeballsystem gehandelt hat, bei dem Geld aus dem Geschäft mit immer neuen, durch immer niedrigere Preise gewonnenen Kunden alte Löcher in der Finanzdecke des Unternehmens stopfte – solange es ging. Ende 2005 etwa beendete angeblich der Discounter Lidl die Zusammenarbeit mit Heros. Auch andere Handelshäuser sollen jüngst als Kunden abgesprungen sein. KarstadtQuelle berichtete von »Auffälligkeiten«, seit Montag arbeite man nicht mehr mit Heros.

Der Handel ist es auch, der nun nach der Insolvenzanmeldung von Heros vor den größten Problemen steht. Laut BDGW hatte das Unternehmen einen Marktanteil von 60 bis 70 Prozent, wenn es darum ging, die Tageseinnahmen von Handelsketten abzuholen, zu zählen, bei Kreditinstituten abzuliefern und gutzuschreiben. Daher könne es dort zu Verzögerungen kommen, sagte BDGW-Hauptgeschäftsführer Harald Olschok. Die gut 160 Mitgliedsfirmen des Branchenverbands würden aber ihre Kapazitäten »bis zur Grenze der Belastbarkeit« zur Verfügung stellen. »Bei uns geht es rund«, war denn auch bei einem Wettbewerber zu hören, »wir müssen das retten, was Heros kaputtgemacht hat.«

Auf Alternativen zurückgreifen müssen auch die Banken. Bei ihnen geht es um die Geldtransporte zwischen Landeszentralbanken und Banken, die Transporte zwischen den Filialen sowie um die Bestückung der Geldautomaten. Je nach Stückelung der Scheine kann ein Automat 200000 bis 300000 Euro enthalten. Das klingt nach viel, aber im Zentrum einer Großstadt kann die Summe binnen eines Tages ausgezahlt sein. Regelmäßiger Nachschub ist daher unabdingbar. Deutschlandweit soll Heros zwar nur gut zehn Prozent aller Automaten versorgt haben. Bei der Commerzbank etwa fuhr Heros aber 500 der insgesamt 1100 Geldautomaten regelmäßig an. Man sei dabei, heißt es bei der Bank jetzt, Kontakt zu anderen Dienstleistern aufzunehmen, und bereite sich auch darauf vor, Geldtransporte selbst zu organisieren. »In wenigen Tagen wird sich das eingerenkt haben«, so ein Sprecher.

Leser-Kommentare
  1. Ist es journalistisches Unvermögen oder gewollte Verdrehung der Tatsachen? Sind wirklich die jenigen die Gauner, die nachts für Billiglohn die Millionen im Panzerwagen transportiert, dabei nicht selten Gesundheit oder Leben auf's Spiel gesetzt haben und nun in Richtung Harz 4 unterwegs sind?
    Nach meinem Informationsstand sind die sogen. Gauner doch eher in den Chefetagen denn hinterm Lenkrad zu suchen, oder?
    Aber abgesehen davon: das Heros Prinzip ist in allen Branchen oberster Grundsatz: möglichst früh Kassieren - möglichst spät zahlen. Und für die Zwischenzeit gibt es Termin- und Tagegelder satt!

  2. Interessanterweise wird von der Wirtschaft nur dann nach Kontrolle gerufen, wenn eigenes Geld in Gefahr ist. Wenn es um das Geld der Konsumenten geht, ist man sehr wohl der Meinung, daß das "der Markt schon selber regeln" werde.

  3. Jeder Revisor weiß, daß besonders Bar-Geld eine große Magnetwirkung ausübt. Und, um in die Kasse zu greifen, ergeben sich immer dringende Notwendigkeiten. Aus jeder dritten Kasse wird regelmäßig Geld 'entwendet'. Häufig will es niemand auf der Chef-Etage wissen. Die Tricks sind bekannt. Die Methoden eher amtateurhaft. € 300 Mio. sind immerhin noch keine Milliarde.

  4. Wie schon so lange: Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste. (Wir haben leider keine freie Marktwirtschaft).

    Schadenfreude ist nicht angebracht. Leider müssen wir als Bürger indirekt wieder für die Verluste aufkommen, sorry. Bei so leuchtenden Vorbildern in Politik und Topmanagement fast schon „peanuts“. Wann wird der einfache Bürger zum Nachahmer?

    Wir brauchen wenn, dann Transparenz für alle: Der gläserne Bürger, der gläserne Manager und der gläserne Politiker. Wer will den Anfang machen?

    Diese ganze Trickserei spaltet sonst die Gesellschaft!

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