60 Jahre DIE ZEIT - Alle Artikel und Filme zum Jubiläum hier BILD Der Poet und Mediziner Gottfried Benn hat es auf die prägnante Formel gebracht: Die Ehe ist »eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes«. Der Ehebruch aber – einzige Möglichkeit, die Lähmung zu verhindern – wird in der Phrase verdammt, per Gesetz geahndet, und die Gesellschaft findet das richtig. Nach einer Infratest-Umfrage befürworten 52 Prozent aller Bundesbürger die strafrechtliche Verfolgung des Ehebruchs.

»Liebe außerhalb der Ehe«, konstatiert stern- Kolumnist Sebastian Haffner, »ist heute die größte Eheverfehlung geworden.« Sie zeitigt konsequente Folgen. »Nach wie vor ist die Untreue des Ehemannes«, wie das Stuttgarter Institut für Psychotherapie und Tiefenpsychologie erklärt, »der weitaus häufigste Anlaß zur Ehekrise« und zum Abbruch der Beziehungen: Wegen erwiesener Untreue werden jährlich in der Bundesrepublik 50000 Ehen geschieden.

Es gibt eine schwelende Dumpfheit des Herdendaseins, die den Verstand betäubt. Der Verstand sagt jedem halbwegs denkenden Menschen, daß im Urteil über den Ehebruch noch immer das Postulat der strengen Einehe verfochten wird, ein Postulat, dem die Menschheit längst entwachsen ist, übrigens auch nie gewachsen war, und das sie folglich bis auf den heutigen Tag nicht verwirklicht hat.

Das Ideal der eisernen Monogamie hat sich nicht durchgesetzt

Für die älteste Institution der Welt war die sexuelle Treue nie eine conditio sine qua non. Die Spezies homo sapiens hielt der Ehe stets die Treue, ohne die eheliche Treue zu halten. Letzteres nämlich ist, wie es scheint, dem freien männlichen Menschen unmöglich.

Der Mann, Geschöpf seiner Zeit und Trieberbe seiner Anthropoidenahnen, »mit einem Fuß in der Wildnis und dem anderen auf der Hauptstraße zur ewigen Zivilisation« (Ingeborg Bachmann), zur Monogamie so wenig geneigt wie vollkommen unbegabt, in seiner Lust ein Nomade geblieben – er hat sich zu allen Zeiten und stets mit Erfolg dem Treuegebot widersetzt. Endgültig verlassen mochte er die Wildnis nie. Kein Bannspruch, keine Bulle, kein herrscherliches Machtwort, keine Todesdrohung haben ihn je von seinen polygamen Neigungen kuriert. Für ein allem Männlichen in Sympathie ergebenes Gemüt ist kaum ein Kapitel in der Historie der Erdenbürger aufschlußreicher als die Annalen der Fluchtversuche aus der erotischen Versklavung. So fleißig sich auch Staatsmänner, Kirchenväter und Ehefrauen in vereinter Freisex-Gegnerschaft bemühten – das Ideal der in eiserner Monogamie lebenden Gesellschaft hat sich nicht durchgesetzt.

Und doch wettern sie in ihren Kirchen und Kanzleien, drohen mit Paragraphen, diffamieren Professoren (wie Herzverpflanzer Bernard), feuern Politiker (wie Hamburgs Bürgermeister Nevermann), strafen und verdammen, sobald ruchbar wird, daß einer auch nur andeutungsweise dem Ideal nicht huldigt. Woher es stammt, zu welchem Zweck es ausgeschrieben wurde, ob es das menschliche Glück irgend fördern kann und ob sich die Menschheit mittlerweile von manchem Moralerbe nicht fortentwickelt hat, danach wird nicht gefragt. Die fraglose Erfüllung einer überholten Forderung gilt bis heute als Maßstab für die Scheidung von Spreu und Weizen.