Glosse
Kinderkrankheiten
Wo ist sie nur geblieben: Die gute alte Schreibhemmung?
Was ist nicht alles schon verschwunden in unserem Leben. An die schweren Verluste, die Jugend, die Mauer, das schöne alte West-Berlin, erinnern wir uns natürlich. Wir haben sie zu Grabe getragen und gebührend betrauert. Aber wie viel scheinbar Unwichtiges, wie viele Requisiten der alten Zeit sind ganz unbemerkt zugrunde gegangen? Der kleidsame Künstler-Schlapphut, der heute nur noch ein spukhaftes Nachleben auf dem Haupt von Burkhard Spinnen führt, ist ganz aus dem literarischen Leben verschwunden. Desgleichen die Reiseschreibmaschine (mit der alten Ben-Witter-Reiseschreibmaschine spielen meine Kinder Schriftsteller) oder Franz Xaver Kroetz (der in diesen Tagen 60 Jahre alt wird und beherzt aus seinem Vorruhestand auf Teneriffa zurückkehrt, Gratulation!).
Die Erzählungen, die Kroetz anlässlich seines Comebacks im Rotbuch Verlag vorlegt, erinnern an eine ebenfalls vergessene Kuriosität der alten literarischen Welt: die Schreibhemmung. Denn um (beinahe) nichts anderes geht es in diesen sympathischen, selbstironischen und naturgemäß kurzen Prosastücken: um das Zähneklappern des Autors vor dem leeren Bildschirm, das verzweifelte Sich-in-Stimmung-Trinken, den großen Traum vom wilden Schreiben und dem Scheitern an den maßlosen Ansprüchen, die auf anderes, vielleicht auch Größeres zielen als den lesenden Kunden und die perfekte Story.
Wir erinnern uns: Was waren das für Zeiten, als den Schriftstellern das Schreiben noch schwer fiel! Als sie manchmal jahrzehntelang gar nicht schreiben konnten (Uwe Johnson). Als sie ihren Verleger nicht in jeder dritten Saison mit einem 2000-Seiter bedrängten, der dann mühsam auf verträgliche 1000 herunterlektoriert werden musste. Als sie ihn im Gegenteil mit sibyllinischen Ausreden brieflich in Schach hielten, ohne den versprochenen Roman je zu liefern (Wolfgang Koeppen). Ach, was waren das für Zeiten, als die Verschriftlichung der Welt offenbar noch eine Schwierigkeit darstellte, mit der nicht jeder spielend fertig wurde.
Die Schreibhemmung, so sehr sie die von ihr Befallenenen auch gequält hat, war ein Zeichen von Respekt. Sie galt der literarischen Form, der Sprache, die nicht fließen wollte, sondern stockte. Sie galt dem Stil, der sich nicht von selbst und schon gar nicht aus »dem Stoff« ergab.
Heute leben wir in der Epoche eines komfortablen Realismus, der uns zuverlässig mit gut gelaunten, gebildeten, gut recherchierten, gut formulierten und in jedem Fall umfangreichen Romanen die Zeit angenehm verkürzt. Von Schreibhemmung weit und breit keine Spur, eine Kinderkrankheit, lange vorbei. Übersichtlich präsentieren sich uns in jeder Saison überwältigende literarische Stoffmassen; kostbare Bildungsgüter, ganze historische Epochen und Horizonte entrollen sich wie ein Badelaken am Meeresstrand.
Soll man so viel Wohllesen etwa bedauern? Der Wohlstand wächst. Auch in der Literatur. Hinweise darauf, wozu wir so viel Wohlstand eigentlich brauchen, werden gerne entgegengenommen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
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