Im Winter schweigen die Zikaden. Regensatte Stürme rütteln an der Küste, rupfen den Federschmuck der Palmen, peitschen die Zipfelmützen der Zypressen, zerwühlen Strand und Meer. Nur Bormes-les-Mimosas schwebt auf einer Wolke aus Millionen kleinen Sonnen. Im Schutz des Massif des Maures bricht der Frühling schon im Februar aus und bettet das Dorf, das wie ein Balkon mit Meeresblick am Gebirge klebt, in einen Blumenkranz. Acacia dealbata – die Akazie aus der Familie der Mimosaceae, die der Volksmund kurz und falsch Mimose nennt – triumphiert. BILD

Aus silbrig gefiedertem Blätterwerk wachsen Myriaden von Blütenpompons, flauschig wie Osterküken, gelb wie Eidotter. Ein Hauch von Bernsteinzimmer umflort den Ort im Hang, und 14 Gemeindegärtner hegen das Terrain, damit das Naturschauspiel Jahr um Jahr eine spektakuläre Neuauflage erfährt. Bis Mitte März blühen mehr als 60 Akazienarten, die mal als kompakte Büsche, mal als filigrane Bäumchen vorkommen, aber auch bis zu zehn Metern himmelwärts aufschießen können. Wenn über den Kaminen an der Côte d’Azur noch Rauchsäulen stehen, liegt in Bormes schon Honigduft in der Luft. Die Mimosen-Akazie treibt den Winter aus.

Ende Januar dämmert der gelbe Planet im südfranzösischen Département Var noch vor sich hin. Abweisend wirken die verschlossenen Fensterläden in Blassblau und Lindgrün – gesenkte, zart geschminkte Augenlider. Das Heer der Sommerresidenten, das die Einwohnerzahl von 4000 auf 60000 anschwellen lässt, ist noch nicht eingefallen. Mit dem Rücken zur Welt ruht das Dorf in seinem Mimosennest wie in den dreißiger Jahren, als Erika und Klaus Mann in ihrem Buch von der Riviera notierten: »An der Hauptstraße sieht man, wenn man Chance hat, ein altes Weiblein, das in der Gegend hochberühmt ist, weil es allen Bauersleuten die Regenschirme flickt. Sie tut’s mit zauberischer Geschicklichkeit und hat etwas von einer nützlichen alten Hexe.«

Heute flickt natürlich niemand mehr Regenschirme in der Rue Carnot. Weder Souvenirshop-Besitzer noch Galeristen öffnen an diesem zaghaften Vorfrühlingstag die Scherengitter. Nur ein paar nasse Katzen schleichen vorbei, um sogleich rechts und links durch das Labyrinth der mittelalterlichen Treppen- und Gängeviertel zu streunen, unter den Torbögen hindurch bis zu einer Lichtung – der Place Lou Poulid Cantoun. Der »Platz im schönen Winkel« mit seiner lila Bougainvillea-Herrlichkeit im Natursteinidyll zählt zu den beliebtesten Postkartenmotiven zwischen Marseille und Nizza. Dort steht die Tür zum Atelier des alteingesessenen Malers Robert Chiazzo offen, der auf seiner Leinwand gerade Mohn- und Sonnenblumenfelder zum Leuchten bringt. »Die mehr als achtzig brüllend heißen Sommer meines Lebens waren lang genug, um an trüberen Tagen intensive Farben aus der Erinnerung zu mischen«, sagt der Freund des prallen Kolorits.

Die Mondscheinakazie ist eine etwas prüde Spätzünderin

Eine Gassenecke weiter rüstet ein anderer Zauberer zur Wiedereröffnung seines Ladens nach der Winterpause: Roland Del Monte, einer von Frankreichs höchstdekorierten Konditormeistern, dessen Sorbet-Kreationen aus Mandarinen, Pampelmuse und Basilikum bis nach Saint-Tropez Furore machen. Doch zum Auftakt der Saison heißt das Motto »Alles Mimose«. Mimosensirup, Mimosenbonbons, Mimosenkonfitüre. Auf dieses Naschwerk schwören die ersten Touristen des Jahres, die den Frühling schmecken wollen. Nur 138 Meter tiefer flirrt das zarte Bleu des wahren Meeresspiegels. Oh, Méditerranée!

Mitte Februar versinkt beim Blumenkorso der Dorfplatz in einem schwefelgelben Meer aus daunenweichen Blütenkugeln. Dieses Fest hat Tradition. Den Landschaftsgärtner Gérard Cavatore beflügelte es vor mehr als 20 Jahren, ganz und gar auf die Akazie zu setzen. Durch Veredelung der robusten Acacia dealbata und ihrer Artgenossen entwickelte er 180 Spielarten des anmutigen Frühblühers und avancierte zum Mimosenprimus der Nation. »Wohlgemerkt, wenn wir von Mimosen reden, meinen wir immer Acacia mimosaceae. Die echte Mimose, Mimosa pudica aus Brasilien, ist ein tropisches Gewächs, das bei uns nicht kultiviert wird. Sie hat rosa Blütenbällchen, zieht bei Berührung ihre Blätter ein. So empfindlich sind meine Kandidatinnen nicht.« Cavatore, mit 54 Lebensjahren die graue Eminenz inmitten seiner 8000 duftigen Grazien, doziert. Über James Cook, der die Pflanze im 18. Jahr hundert von Australien ans Mittelmeer zu den ersten lichthungrigen englischen Wintergästen an die Riviera brachte. Über das Hegemonialstreben der wild wachsenden Acacia dealbata, der außer Eukalyptusbäumen nichts gewachsen ist: »Meine veredelten Exemplare gebärden sich bescheidener. Man kann sie getrost im Garten halten, ohne dass sie Oleander und Bleiwurz verdrängen.«

Wenn Cavatore nicht doziert, telefoniert er, nimmt Bestellungen aus ganz Europa auf, erklärt mit der Geduld, die eines Mimosenkönigs würdig ist, dass auch die widerstandsfähigsten Gewächse bei Außentemperaturen unter minus acht Grad in den Wintergarten gehören: »Nein, da gibt es keinen Verhandlungsspielraum, Madame.« Im Schicksalsjahr 1985 zählte er selbst zu den Frostgeschädigten, nicht einer seiner Zöglinge überlebte die Januarkälte. Mit Setzlingen aus Italien wagte er den Neustart. Eine geglückte Renaissance angesichts des Artenreichtums im Treibhaus. Der Züchter schreitet die Reihen ab: hier die Silberblättrigen, Dornigen, doppelt Gefiederten, dort die Hochgewachsenen mit den lang gestreckten Phyllodien, die dem Laub des Eukalyptus ähneln, gleich nebenan ein Trauerpflänzchen mit überhängenden Zweigen. Eine Streicheleinheit gebührt der so genannten Mondscheinakazie: »Acacia howittii, meine Favoritin, auch im Alter biegsam wie in Jugendtagen. Sie ist eine etwas prüde Spätzünderin. Doch ab März wird sie zum Blütentraum und Geruchswunder. Honig, Veilchen, Jasmin – in ihr steckt der Duft der halben Provence

Wer es auf den ganzen Duftkreis der windempfindlichen Sonnenanbeterinnen abgesehen hat, muss Bormes-les-Mimosas irgendwann verlassen – trotz König Cavatore und der Behauptung mancher seiner Gefolgsleute: Wir sind Mimosenhauptstadt. Nein, hier beginnt die Straße der Mimosen doch erst, schlängelt sich über 130 Kilometer fast immer an der Küste entlang ins Département Alpes-Maritimes hinein bis zur Endstation Grasse, wo die Lehrlinge der Parfümeure Gerüche in Flaschen abfüllen. Und Hauptstadtansprüche in Mimosenangelegenheiten werden unterwegs fast überall gestellt. Der Badeort Sainte-Maxime wählt Miss Mimosa. Saint-Raphaël feiert seine gelbe Woche mit Sambarhythmen an Karneval – ein Nizza en miniature, familienfreundliches Seebad der moderaten Art. Englische Rentner spannen Pudel und Pinscher an, die Einheimischen geben sich schon wieder die Boulekugel. »Was an Saint-Raphaël so sehr hübsch ist, scheint uns aber seine Umgebung zu sein«, schrieben die Geschwister Mann.

Zum Beispiel das Massif de l’Estérel, bei dessen Anblick selbst in Malermuffeln Expressionistenlaune aufsteigt. So rot glüht das bizarre Porphyrgestein im Abendsonnenschein. So blau setzen sich Himmel und Meer gegen die Felsen ab. So gelb entflammt auf der erloschenen Lava das Blütenkleid von Acacia dealbata. Deren ungebremster Fortpflanzungsdrang wird allerdings von den Botanikern des Naturschutzgebiets argwöhnisch überwacht. Denn auch Korkeichen und Erdbeerbäume sollen leben, Mastixsträucher und Zistrosen. Und natürlich Lavandula stoechas, der Schopf-Lavendel mit dem graufilzigen Blattwerk, der im Gegensatz zum Echten Lavendel der Haute-Provence schon jetzt mit der Entfaltung erster lila Blütenkronen auftrumpft. Zur Rettung der Artenvielfalt und der biologischen Balance im Estérel bremst Menschenhand den Wildwuchs der Mimosen. Sonst bliebe für Hirsch und Wildschwein kein besterntes Plätzchen mehr, um sich bonne nuit zu sagen. Und der Wanderer sähe vor lauter Bäumen nicht die Feuerzeichen der Abendsonne in der liebesapfelroten Wand des Estérel.

»Mimosiste« Gilbert Vial leuchtet die Heiterkeit aus dem Gesicht

Keine Angst vor Acacia dealbata. Das propagiert man weiter östlich, bei Kilometer 108 der Mimosenstraße. Wo die Ausläufer des dünn besiedelten Tanneron-Gebirges den Badeort Mandelieu-La-Napoule gegen den gefräßigen Großraum Nizza abschotten, bekommt die Hauptstadtfrage neuen Schwung. »Wenn überhaupt eine Mimosen-Metropole existiert, dann bei uns. Nirgendwo sonst heißt eine Kirche Nôtre-Dame-des-Mimosas«, behauptet Maurice Muller, Mimosenbeauftragter im Rathaus von Mandelieu, Organisator von Festen und Exkursionen im Dienst der Winterblüher. Schon bevor der stadtbekannte »Monsieur Mimosas« ins Rentenalter kam, war seine Lieblingsfarbe Gelb. Landeinwärts, in den Bergen des Tanneron, übte er den Beruf des mimosiste aus, erntete von November bis März seine Felder ab und belieferte die Blumenläden. Ein wundervolles Open-Air-Metier im Gelobten Land der durchlässigen, stickstoffhaltigen Erde, wo die Mimosen ausnahmsweise wild und frei wuchern dürfen.

Doch Maurice Mullers Zunft stirbt aus. Die Nachfrage nach den gelben Blumen sinkt, weil das Mimosengebinde bei vielen Franzosen als Grabschmuck in Verruf geraten ist. Und noch bevor der Winterblüher aus der Mode kam, hatte der Frostwinter 1985 zur Masseninsolvenz im Gewerbe geführt. 25 Anbaubetriebe – weniger als ein Viertel des früheren Bestands – blieben übrig in Europas größtem Mimosenwald, dem Tanneron. Unter ihnen der Hof der Familie Vial. Der thront über einem schäumenden Meer phosphoreszierender Akazienblüten. Panoramablick vom Dach der Provence: rechter Hand die Wälder des Var und gegenüber… oh, Méditerranée! Links die Ferienhochburgen der Nackten und Schönen und im Nacken der kalte Atem der verschneiten Alpen.

Hier oben regieren die Vials über zehn Hektar Land und verkaufen alles, was nach Gold aussieht: Honig, Olivenöl, Mimosen. Seniorchef Gilbert Vial hat in 76 Lebensjahren an 72 Ernten teilgenommen. Keine Zeit für Eskapaden. »Meine Weltreisen endeten in Marseille oder Manosque. Denn dort spricht man noch meine Sprache, das Provenzalische«, sagt der mimosiste, dem die Heiterkeit aus dem Gesicht leuchtet. Um tropisches Klima zu atmen, braucht er nur nach nebenan ins Treibhaus zu gehen. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit stehen die vorzeitig abgeernteten Zweige mit ihren noch grünen Blütenbällchen in steinernen Becken. Die Waschküchenwärme beschleunigt den Reifungsprozess, und innerhalb von ein paar Stunden changiert Acacia dealbata ins Gelbliche. So überlisten die Vials die Natur. Sie beliefern ihre Kunden schon mit leuchtenden Blütendolden, wenn der Mimosenwald sich noch in Unscheinbarkeit hüllt. An dem langen Tisch im Packhaus wiegt Sohn Bertrand die Ware in 250-Gramm-Bündeln ab. Mimosen werden nämlich nicht stückweise, sondern nach Gewicht verkauft – wie vor 150 Jahren, als sie noch der Augenstern der englischen Kurgäste waren. »An unserem Handwerk ist die Zeit spurlos vorübergegangen«, sagt Bertrand Vial und blickt hinunter in die Ebene, wo die versiegelten Betonlandschaften bis nach Italien reichen.

Mitten im Gewimmel, landeinwärts hinter Cannes, liegt die letzte Etappe der Mimosenstraße. Kilometer 130: Grasse. »Die Stadt selbst ist schön und alt, fast nur ohne Auto zu besehen«, schrieben Erika und Klaus Mann über die »Heimat des französischen Wohlgeruchs«. Das trifft bis heute für den mittelalterlichen, italienisch anmutenden Stadtkern zu. Drum herum kurvt das Geschwader der Reisebusse auf dem Weg zu Parfümmuseen und Produktionsstätten. Benzinabgase verpesten die Luft. Kein Hauch von Veilchen, kein Flair von Tuberose entweicht den stillgelegten Schloten, aus denen einst die Destillationsrückstande abgeleitet wurden. Auch bei Galimard, einer der ältesten Parfümfabriken und ersten Touristenattraktionen am Ort, werden die meisten Wässerchen aus vorwiegend synthetischen Substanzen hergestellt. Dort sitzt der Parfümeur Jacques Maurel an seiner Duftorgel wie vor dem Halbrund eines antiken Spielzeugtheaters, auf dessen Rängen Hunderte von braunen Fläschchen aufgereiht sind. Das ist die ganze Palette der Essenzen, die fruchtig, blumig, würzig oder animalisch riechen – von grauem Amber bis Bibergeil, von Sandelholz bis Juchtenleder.

Und wo geht’s hier zur Mimose, bitte? Maurel bedauert: »Im Moment sind die floralen Noten out. Und erst recht alles, was an Mimosen und den Gesichtspuder alter Jungfern erinnert.« Als eine von weltweit 150 »Nasen« übt er seinen Beruf seit 42 Jahren aus und hat annähernd 2000 Geruchsnoten in seinem olfaktorischen Gedächtnis gespeichert. Doch weder l’absolu mimosa, der Extrakt der kleinen gelben Blütensonnen, noch dessen synthetischen Ersatzstoff mischt der Maître seinen Kreationen bei, seit die Mode mehr zum Fruchtig-Süßlichen tendiert. Pfirsich, Aprikose, Zuckerwatte, Karamell liegen im Trend. Hélas! Immerhin lehrt die Erfahrung des Monsieur Maurel, der in den sechziger Jahren »Badedas« erfand, dass alles irgendwann mal wiederkommt. Auch die Sehnsucht nach dem Gestrigen und die Lust auf eine Nase voll Gesichtspuderduft. Nur für die Flüchtigkeit des Augenblicks steht fest: Grasse geht auf Distanz in der Mimosenhauptstadtfrage. BILD

INFORMATION

Anreise: Mit dba (Tel. 01805-359322, www. flydba.com) zum Beispiel täglich von Hamburg, Stuttgart, Berlin, München nach Nizza

Besichtigungen: Mimosenzüchter Gérard Cavatore (Le Mas du Ginget, 488 Chemin de Bénat, Bormes-les-Mimosas, www.pepinierescavatore.com). Mimosenbauernhof Vial (Les Carreiros, Tanneron, www.vial-tanneron.com). Parfümfabrik Galimard, 5 route de Pégomas, Grasse, www.galimard.com

Unterkunft: Hotel Excelsior (Saint-Raphaël, Tel. 0033/494950242, www.excelsior-hotel.com), Erinnerungen an die Belle Époque, Doppelzimmer ab 125 Euro. Komfortabel ausgestattete Gästezimmer in der Villa Barbarine (Bormes-les-Mimosas, Tel. 0033/609582441, http://villabarbarine. free.fr), Doppelzimmer ab 120 Euro. Bastide Lou Pantaïl (25 Chemin du Santon, Le Plan de Grasse, Tel./Fax 0033-493/707162, www.lou-pantail. com), Doppelzimmer mit Frühstück ab 65 Euro

Restaurant: La Bastide Saint Antoine (48 Avenue Henri Dunant, Grasse, Tel. 0033-493/709494, www.jacques-chibois.com), zwei Michelin-Sterne

Auskunft: Maison de la France, Tel. 09001/ 570025, www.franceguide.com, www.bormeslesmimosas.com, www.saint-raphael.com, www.grasse.fr, www.ot-mandelieu.fr