Kino Die Freude der Zwerge
»Tal der Wölfe – Irak« I: Kaum ein prominenter Deutschtürke will den nationalistischen Film verurteilen. Stattdessen wird die vermeintliche Doppelmoral des Westens attackiert
Noch nie war prominenten Deutschtürken ein türkischer Erfolg so peinlich wie dieser: Je besser der Film Tal der Wölfe in den hiesigen Kinos läuft, umso klammer werden die Kommentare einflussreicher Sprecher. Man nennt den Film zwar »dumm«, »naiv«, »kommerziell«, »ungeschickt« und »geschmacklos«. Doch zu einer klaren Verurteilung will sich niemand durchringen – außer dem grünen Europa-Abgeordneten Cem Özdemir, der hier wieder einmal auf einsamem Posten gegen den türkischen Nationalismus Stellung bezieht wie schon letztes Jahr beim Streit um den Völkermord an den Armeniern.
Angesichts der immensen Popularität des Films kostet es einigen Mut, sich kritisch zu positionieren. Die nationalistische Tageszeitung Türkiye weiß in ihrer Deutschland-Ausgabe zu berichten, dass die Schauspieler auch bei der dritten Deutschland-Premiere in Sindelfingen (nach Köln und Mannheim) »mit Standing Ovations« empfangen wurden. Zuvor hatte schon das konservative Boulevardblatt Hürriyet von der Kölner Premiere berichtet, die Schaulustigen hätten den Akteuren zugerufen: »Die Türkei ist stolz auf euch!«
Die patriotischen Kinogänger hierzulande können sich auf allerhöchste Patronage aus der Türkei berufen. Die gesamte türkische Staatsspitze hat nach der Premierenfeier in Ankara Anfang Februar ihre Neigung zur Filmkritik entdeckt. Der Parlamentspräsident hielt dort in Anwesenheit des Minsterpräsidenten, des Präsidenten des Verfassungsgerichts und führender Wirschaftsgrößen eine Lobrede auf den Film. Der höchste Richter des Landes, Hasim Kilic, gab dem Wirtschaftsblatt Dünya zu Protokoll, Tal der Wölfe spiegele »gewisse Realitäten im Land«.
Über den Antisemitismus regt sich niemand auf
Der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, ärgert sich zwar über diese Äußerungen, die er »mit Befremden zur Kenntnis« nimmt. Doch seine Reaktion auf den manifesten Antisemitismus der Szenen, in denen ein jüdischer Arzt Organe aus den Körpern von Muslimen entnimmt, um sie nach Tel Aviv, London und New York zu schicken, ist auch recht befremdlich. »Sowohl in der Türkei als auch in Indien werden ja tatsächlich Organe entnommen, die Menschen in reichen Ländern zugute kommen«, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Im Film beschwert sich der jüdische Arzt bei dem amerikanischen Bösewicht Sam Marshall, er brauche die Muslime lebend, tot könne er sie nicht ausweiden. Faruk Sen: »Das hat im Kino keinen aufgeregt.«
Ebendies gibt Grund zur Sorge: Der Film ist gerade durch die Beiläufigkeit, mit der er antisemitische Szenen in den Action-Plot einwebt, ein Ausdruck eines neuen türkischen Antisemitismus, der nicht mehr nur im Halbdunkel agiert. Mein Kampf hat es im letzten Jahr in der Türkei auf die Bestsellerlisten geschafft, und auch die verschwörungstheoretischen Bücher des Autors Soner Yalcin, der die Türkei von jüdischen Konvertiten zum Islam unterwandert sieht, sind hoch populär. Yalcin ist übrigens ein Berater des Regisseurs Serdar Akar, und seine antijüdische Paranoia infiziert die gesamte Filmhandlung.
Es blieb Cem Özdemir vorbehalten, auf die dunklen Seiten des Films hinzuweisen. »So wie ich der dänischen Zeitung Jyllands-Posten unterstelle, die Mohammed-Karikaturen ganz bewusst veröffentlicht zu haben, um zu provozieren und Gräben zu vertiefen, gilt das Gleiche für die Personen, die hinter Tal der Wölfe stehen«, schreibt Özdemir in Spiegel Online. »Hier geht es nicht darum, berechtigte Kritik an den USA zu üben (…) oder gar aufklärerisch tätig zu sein. Man könnte den Film nicht weiter beachten, ihn als die übliche Action-Klischee-Nummer abtun und es gut sein lassen. Aber wer einen solchen Film produziert, der will nicht einfach unterhalten, sondern rechnet damit, dass er rassistische Einstellungen bedient und verstärkt und den Dialog erschwert.«
- Datum 23.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
- Kommentare 17
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diesen Film. Solange er nicht klar gegen Gesetze verstößt, und das scheint mir nicht der Fall zu sein, laßt diesen Film um Gottes Willen laufen.
Wir (der Westen) sind doch viel zu souverän, uns über einen Film aufzuregen, der vermutlich von cleveren Geschäftemachern in Auftrag gegeben wurde, um immer noch von osmanischer Allmacht träumenden türkischen Politikern und komplex-beladenen, purbertierenden Testosteron-Halbstarken eine Freude zu machen.
Die Begeisterung von Hundertausenden über diesen Film disqualifiziert diese doch vielmehr in beeindruckender Weise selbst.
Es lebe die Meinungs- und Kunstfreiheit, diese schützt auch den schlechten Geschmack!
Sie schreiben: "Da ist das Temperament und das Gefühl mit Leib und Seele dabei zu sein etwas stärker ausgeprägt."
Ja. Und weil manche Deutschen beim Fussball leicht mal ueber die Straenge schlagen, haben *alle* Fussballfans einen schlechten Ruf und werden am Stadioneingang von der Polizei auf Waffen hin untersucht. Nicht ganz grundlos, leider. Und wenn Fans verschiedener Gruppen aufeinander losgehen, merkt man ihnen den Realitaetsverlust auch deutlich genug an.
Welchen Ruf hofft jemand zu haben, der sich von seinem Temperament und seinem Gefuehl leiten laesst - und damit endet, Fiktion und Wahrheit nicht mehr sauber unterscheiden zu koennen? Wenn Kinder von 6 bis 10 Jahren das nicht irgendwann schaffen, lassen die Eltern sich was einfallen; wenn sie gar keine bessere Idee haben, muss man die Kleinen eben zum Psychiater bringen, wohin ja auch ein Grossteil rabiater Fussballfans gehoeren wuerden... und nicht nur sie, vielleicht.
um es noch glimpflich zu formulieren, Ihre Überschrift ist schon geschmaklos...
...die Rede- und Kunstfreiheit, die für Karikaturen - in denen alle Menschen jener Glaubensrichtung als Terroristen suggeriert werden - gilt als hohes Gut, für einen Kinofilm gilt dies nicht. Dies ist PURE Doppelmoral. antisemitisch ... ja..wenn ein Politiker einer grossen Volkspartei ein Volk als Tätervolk bezeichnet und sich TROTZDESSEN noch lange auf der politischen Bühne halten kann...ja das ist nicht nur antisemitisch, sondern auch rassitisch und abstößend und peinlich...aber der Film ist wegen dieser einen Szene nicht durchweg antisemetisch und Türken, die sich den Film ansehen keine Antisemiten...wenn ein Türke in einem Film DEMONSTRATIV als Terrorist, Folterer oder Mörder dargestellt wird, muss man das ja auch aushalten können!!!!...daher ist die Absetzung des Films nicht nur PURE Doppelmoral...sondern auch diskrimmierend, weil man die Deutschlandtürken WIEDER mal als unmündig dahinstellen und die Freiheit der anderer nur bis hier hin gilt.
Danke schön.
meine güte,
warum sollten sich deutschtürken (prominent oder nicht) zu dem film kritisch äussern bzw. diesen als antimarikanisch oder antijüdisch aburteilen?
hää, wenn ein cem özdemir sich kritisch dazu äusserst bitteschön. jedem das seine.
es wurden hier keine grenzen verletzt, die antisemitisch wären oder antiwestlich.
hier werden tatsachen mit fiktion vermischt und weg damit. zudem ist die türkei einer der wichtigsten "islamischen" handels- / und militärpartner israels.
die israelis regen sich auch nicht so auf wie die deutschen oder die moralapostel vom zentralrat.
bevor ich hier als antisemit gesehen werde: bin selbst zur hälfte jüdisch, also locker bleiben)
der film ist dämlich und spitzt alles zu, na und, das ist die beste gelegenheit, mit den jugenldichen türken darüber zu diskutieren und die wahrheit herauszuarbeiten.
punkt aus.
wenn der wesetn jetzt locker diesen film zur kenntnis genommen hätte, dann wäre ich geneigt zu sagen: sehr schön, der westen ist auf jeden fall weiter als die islamischen steinzeitländer,
aber zwischendurch fällt der westen auch in einen komischen zustand mit hilfe der cdu/csu!!
die sind viel gefährlicher als jeder kinofilm!!!
also, auch hier ruhig bleiben und sich nicht durch einen blöden film aus der ruhe bringen lassen.
die westl. zivilisation steht nicht am abgrund, wenn dann durch die schuld der usa und seiner verbündeten im irak.
Stellen wir uns mal vor, ein deutscher Bundeskanzler und seine Frau sowie ein Haufen Spitzenpolitiker aller Parteien würden begeistert und voll des Lobes aus einer Kino-Premiere von "Rambo" kommen.
Sie würden schlichtweg nicht mehr ernstgenommen.
Deswegen nochmal: Tiefer hängen. Meistens disqualifizieren sich Menschen selbst.
Premier Erdogan, seine Frau und andere haben der türkischen Sache einen Bärendienst erwiesen.
ein Amerikanischer Präsident seiner Zeit gesagt hat, er würde sich s vorm Kamin gemütlich machen und den Midnight Express anschauen!!!...was natürlich die Äußerungen einiger türkischer Politiker trotzdem nicht ins bessere Licht rückt!
Habe den Film 2 Mal gesehen, habe immer noch nichts rassistisches und antisemitisches feststellen können.
Im Tiefen sprechen Sie und die Cem Özdermis usw. mit der
Psychologie des weissen Mannes, egal auf welcher politischen Seite Sie stehen!
Bitte einmal die treffende Krtik des Filmexperten unten
lesen:
Als überzogen und unverantwortlich hat der katholische Filmexperte Josef Lederle die Diskussion um den türkischen Film "Tal der Wölfe - Irak" bezeichnet. "Der Film mag anti-amerikanisch sein wie unsere Actionfilme anti-russisch oder anti-arabisch sind. Aber er ist nicht anti-zionistisch und nicht volksverhetzend", sagte der Redakteur der Zeitschrift "film-dienst" gegenüber der Nachrichtenagentur KNA. Die Diskussion sei unverantwortlich und offensichtlich eine Revanche für den Karikaturen-Streit. Hier meldeten sich "Leute zu Wort, die weder mit dem Genre noch mit dem spezifischen Film vertraut" seien
Wer von den Deutschen meckert denn, wenn der Film "Midnight Express" im deutschen Fernsehen gezeigt wird????
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