Nachkriegs-Generation
Die Fünfundvierziger
Wie es der ersten Nachkriegs-Generation junger Journalisten gelang, in der Bundesrepublik eine kritische Öffentlichkeit zu etablieren
Der erste Medienkanzler hieß nicht Schröder, er hieß Adenauer. Das Bundespresseamt verbreitete Fotos des Alten als Rosenzüchter und Urlaubsreisender. Um die Homestory komplett zu machen, ließ der Fotograf ihn am Rhöndorfer Küchenherd einen Pfannkuchen wenden. Das Bild des Kanzlers in der Küchenschürze entsprach den Harmonie-Sehnsüchten der von Zusammenbruch und Aufbaustress gebeutelten Deutschen. Die offizielle Pressepolitik der Bundesregierung sorgte für Ruhe an allen Fronten. Gegen das von den Alliierten propagierte Frage-und-Antwort-Spiel lebendiger Pressekonferenzen setzte der Kanzler die gepflegte Teestunde, zu der er ihm gewogene Journalisten einlud. Ihnen legte er seine Weltsicht dar und erwartete, dass die Geladenen, geschmeichelt von so viel Vertrauen, seine Gedankengänge in Bericht und Kommentar als ihre eigenen ausgaben. Und der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes pries als »Kardinaltugenden« des Journalismus »Demut und Tapferkeit«, »Entsagung und Opferfähigkeit«. Das hatte der Berufsstand in der Nazi-Zeit gelernt. Dem Alten von Rhöndorf war das nicht unrecht. Aber die Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung währte nicht lange.
Die am Queen Mary College der University of London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg beschreibt in einem spannungs- und faktenreichen Buch, wie dieses Harmonie-Modell mit dem beruflichen Aufstieg einer jungen Journalisten-Generation – den 45ern – nach und nach in die Brüche ging. Die Jungen schufen mit bewussten Normverletzungen die Grundlage für ein neues kritisches Verhältnis von Medien und Politik. Systematisch ergänzt die Autorin die tradierte und – was die Quellenerschließung angeht – bequeme Konzentration auf die gedruckte Presse um eine ausführliche Analyse der elektronischen Medien und meldet – gestützt auf eine Fülle neuer Materialien – einige begründete Widersprüche gegen gern gepflegte Legenden der jüngeren Mediengeschichte an. Mit ihrem Erklärungsmuster der Generationsabfolge – »Ein bislang unterbelichteter, wichtiger Faktor für den Wandel der westdeutschen Öffentlichkeit seit 1945« – nimmt sie den 68ern die Gloriole einer durch sie bewirkten revolutionären Veränderung des öffentlichen Bewusstseins.
Sie kämpften gegen autoritäre Gängelungsversuche
Als die 68er-Generation antrat, waren die konservative Presse und ihr Protagonist, der Springer-Verlag, schon geschwächt, die Pressefreiheit war im Kampf gegen autoritäre Gängelungsversuche gesichert, und das Interesse für Normverstöße und gesellschaftliche Umbrüche war vorhanden. Nur auf dieser Basis konnte die 68er-Bewegung überhaupt öffentliche Bedeutung gewinnen und zum Medienphänomen werden. Die 68er nutzten also eine bereits vorhandene kritische Öffentlichkeit und erweiterten sie, aber sie haben sie nicht selbst kreiert.
Seit Mitte der fünfziger Jahre hatte die von britischen und amerikanischen Presseoffizieren gezielt geförderte neue Journalisten-Generation an Selbstbewusstsein und Einfluss gewonnen. Ihr Berufsbild: Objektivität, strenge Trennung von Fakten und Kommentar, Offenheit für andere geistige Strömungen und kritischer Umgang mit Staat und Parteien. Das ging in den Redaktionen nicht ohne Konflikte ab. Nach den ersten alliierten Entnazifizierungsaktionen hatten Altvordern aus Ribbentrops Presseabteilung, von der NS-Kulturzeitschrift Das Reich und verwandten Organen wieder Zugang zu den Redaktionen gefunden. In der ZEIT protestierten der aus dem Exil heimgekehrte Ernst Friedlaender, die junge Marion Gräfin Dönhoff und Josef Müller-Marein gegen »Nazi-Bonzen« und »Nihilisten mit Bügelfalten«. Durch demonstrativen Austritt aus der Redaktion gelang es ihnen, den Chefredakteur Richard Tüngel, der stramme Nationalisten als Autoren verpflichtet hatte, zum Rücktritt zu zwingen und der ZEIT auf Dauer ein liberales Profil zu geben. (Siehe auch Zeitläufte, Seite 92)
Der angelsächsische Journalismus diente als Vorbild
Wer immer die heutigen Scharmützel zwischen Medien und Politik für aufregend hält, wird bei der Lektüre dieses Buches eines Besseren belehrt. Dieses Stück wurde schon mal spannender und inhaltsreicher gegeben. Die neue Journalisten-Generation setzte in den Fünfzigern bis in die sechziger Jahre hinein gegen den erbitterten Widerstand der Exekutive heute selbstverständliche Medienrechte durch. Im Kampf für das Zeugnisverweigerungsrecht saß der Lüneburger Lokaljournalist Wolfgang Stiller sechs Monate lang in Beugehaft. Der Versuch Adenauers, einen regierungsfrommen Fernsehkanal zu gründen, schlug fehl. Erkämpft wurde das Recht, über Bundeswehr, Verfassungsschutz und ausländische Staatsoberhäupter (»Lex Soraya«) frei zu berichten. Ein von der Bundesregierung geplantes Presserechtsrahmengesetz, das Zeitungs- und Berufsverbote, Haftstrafen für Journalisten und Verlagsschließungen vorsah, wurde nach heftigem journalistischen Widerstand vom Bundesverfassungsgericht endgültig ad acta gelegt. In diesem sich über Jahre erstreckenden Befreiungsprozess der westdeutschen Medien bleibt die Spiegel- Affäre von 1962 ein zwar wichtiges Datum mit hoher Mobilisierungswirkung, aber der Urknall für die Bewusstwerdung der Öffentlichkeit war sie nicht. Zu viele hatten schon vorher die Autoritäten mit Erfolg attackiert. Auch die Spiegel- Legende bröckelt.
Die Reaktionen staatlicher Institutionen gegen selbstbewusste Journalisten waren häufig kabarettreif. In ganz Deutschland schwärmten Polizisten aus, um auf Anweisung der Staatsanwaltschaft an den Zeitungskiosken die Seiten einer Reportage über den Bau eines Regierungsbunkers aus den gerade angelieferten Exemplaren der Quick zu reißen. Die hohe Generalität ordnete eine abendliche Alarmübung an, um die Bundeswehr am Fernsehen zu hindern. Eine Dokumentation des NDR über Stalingrad hatte den Sinn der nationalsozialistischen Durchhalteparolen infrage gestellt. Es waren vor allem die Illustrierten Quick und stern, aber auch das noch nicht von der Gremienvorsicht ergriffene öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen, die konsequent die Linie einer aufklärerischen und konfliktbereiten Berichterstattung verfolgten.
Der Begriff der »Verwestlichung« der Medien, den die Historikerin für diesen Emanzipationsprozess prägt, ist aus der historischen Situation und der damaligen Orientierung an einem angloamerikanischen Journalismus-Ideal verständlich; als übergreifende medienwissenschaftliche Kategorie eignet er sich nicht, denn als »westlich« gelten inzwischen auch ideologisches Eiferertum (USA), hemmungslose Boulevardisierung (Großbritannien) und die Verdrängung unabhängiger Verlegerpersönlichkeiten durch anonyme Medienbeteiligungsgesellschaften. Erst wenn sich das von den Alliierten gewollte und von der journalistischen Nachkriegsgeneration erkämpfte deutsche Medienmodell gegen diese rein kommerziellen Trends als langfristig resistent erweist, hat es seine historische Bewährungsprobe bestanden.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
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Seltsam, die Rezension eines sicher wichtigen historischen Werkes zur Deutschen Nachkriegsmediengeschichte mit pauschalen Bemerkungen über den gelungenen Start der "45er" Journalistengeneration und Abwertungen der Leistungen der 68er zu verknüpfen. Seltsam vor allem darum, weil ausser den internen, von der ZEIT zum 60.Geburtstag selbst berichteten Geschehnissen, kaum etwas mit Namen und Zahlen belegt wird.
Ursache könnte sein, dass es mit dem von Elitz beschworenen kritischen und selbstkritischen Journalismus bis weit in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein, kaum so ruhmreich aussah, wie man nach der Lektüre seiner Rezension vielleicht annehmen könnte und die "68er" genauso wenig plötzlich auftauchten, wie jene 45er Generation, die weiterschrieb und weiterleitete, selbst wenn alles in Scherben lag.
Direkt nach dem Kriege schrieben, publizierten und leiteten
eine beträchtliche Anzahl von Journalisten und Publizisten die
öffentlichen Medien, die ihr Berufsethos und ihr Handwerk nahtlos aus der dunklen Vorzeit übernahmen. Historiker schätzen, ca.40%. Gesprochen wurde darüber, wenn überhaupt, nur hinter geschlossenen Türen. - Vor allem weil diese Journalisten die entsprechende Leitungsfunktionen ausübten und bei der Wiederaufbauphase die Nähe zu den
entsprechenden entscheidenden politischen Kräften nicht mieden.
Bei Medienanalysen fällt doch auf, dass gerade bis in die 60er Jahre, beim Aufbau der Tages- und Lokalpresse, in Leitungspositionen, bei den neuen Medien (Rundfunk und Fernsehen) und bei der wissenschaftlichen Erforschung der Medien und der öffentlichen Meinung, Kontinuität eine sehr grosse Rolle spielte. Zu den Hintergründen läßt sich Erhellenderes anfügen, als die Rezension preisgeben möchte.
Paradigmatisch kann man sich den herausragenden Einfluss an
einem Namen vor Augen führen. Der brilliant vortragende und persönlich sicher beeindruckende Emil Dofivat, Gründungsmitglied der CDU, der nicht nur als Professor in Berlin an einem der drei damals wichtigen Forschungs- und Ausbildungsinstitute weitermachte, sondern auch bei der Neuordnung der Rundfunklandschaft (NWDR und SFB) eine gewichtige Rolle einnahm, schrieb seine, noch aus der Weimarer Zeit stammende Zeitungslehre, ein Standardwerk noch bis in die 70er Jahre, zunächst 1937 so um, dass sie den Ton völlig traf. Nach dem Kriege erfolgte dann eine erneute Überarbeitung, passend zur neuen Zeit. Die vorgetragenen und publizierten Gedanken zur "Schriftleitung", zum Berufsethos des "Gesinnungsjournalisten", zur Rolle und Beziehung der Medien zum Staat, zur Politik und die Stellung zur Öffentlichkeit veränderten sich nur an den Stellen, die allzu deutlich an die NS-Zeit erinnerten.
An den beiden anderen Instituten in München und Münster übernahmen ebenfalls altbekannte Gesichter die, damals noch wesentlich wichtigeren Ordinariate.
Bei der Tagespresse und den Druckmedien bot zunächst die Lizenzierung eine gewisse Hürde. Aber schon bald gab es zwei
Verlegerverbände für die Lizenzpresse und die sog. Altverleger und, mit Bezug auf die innere Pressefreiheit, drohte die nahtlose Übernahme des Gesetzes von 1937.
Der Urgrund für soviel Kontinuität und die doch weitgehend kritiklos begleitete und sogar bewusst gestützte Politik der Adenauerjahre war, der Doppelcharakter dessen, was die Nationalsozialisten, neben der Gleichschaltung und der ideologischen Überformung, den meist wertkonservativen
und auffällig häufig dem katholischen Zentrum nahestehenden Medienexperten und Journalisten anbieten konnten.
Modernität im Einsatz der wirksamsten Mittel zur Beschreibung
Befragung und Beeinflussung der Öffentlichkeit und Bindung an ein vorgeblich dem Volke dienendes Ziel.
Hier kommt die zweite Seite des kaum selbstkritisch auftretenden Expertentums ins Spiel. Bezogen auf die technische Leistungsfähigkeit und die theoretischen Überlegungen gab esschon zur NS-Zeit ein ausgeprägtes Interesse an der Übernahme vor allem amerikanischer publizistischer Praktiken und deren systematischer Aufarbeitung für Forschung und Ausbildung. An der Entwicklung der Meinungsforschung und Befragungstechnik, an der Steuerung der Presse durch klug gewählte Meinungsführer, war man auch in Deutschland sehr interessiert.
Propaganda, Reklame und Schriftleitung verbanden sich leicht mit public opinion survey, gate-keeping und polling und dem
allgemeinen Wunsch, der Macht nahe zu sein, politische "Beratung" zu leisten.
Zu den "jungen Journalisten" zählte in der ZEIT auch Christoph Graf Dönhoff, seit 1935 Mitglied der NSDAP, von 1942 bis 1944 Leiter der Rechtsabteilung der Auslandsorganisation der NSDAP im besetzten Paris. Dort war er für die Rückführung Reichsdeutscher ins Reich zuständig, während seine jüngere Schwester Marion mit dem Widerstand gegen das NS-Regime sympathisierte.
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