Buch im Gespräch Die Vogelfreien
Die Wachhunde von Guantánamo leben in klimatisierten Hütten. Die Häftlinge dürfen stundenlang im heißen Sand knien oder in Kältezellen frieren. »Exposure to extreme temperatures« werden solche Verhörmethoden im US -Army Field Manual genannt. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat das persönlich autorisiert. Gefangene wurden nackt ausgezogen, nächtens mit Rap beschallt oder ständig aufgeweckt – »um ihnen Unbehagen zu bereiten«, wie es im Manual heißt. Soldaten schnitten den Muslimen auf höchste Weisung die heiligen Bärte ab – und verbaten ihnen zugleich das religiös vorgeschriebene Rasieren der Schamhaare. Wer aus Protest gegen diese Erniedrigung die Nahrung verweigerte, dem wurden Schläuche für Nährlösungen in die Nasenlöcher gerammt.
Wie erlebten die Vogelfreien des 21. Jahrhunderts, die Gefangenen von Guantánamo, ihre Jahre im rechtlichen Niemandsland? Wir wissen wenig darüber. Mit den Häftlingen selbst durften ja nicht einmal jene fünf UN-Inspektoren reden, die vergangene Woche ihren vernichtenden Bericht über das Lager vorlegten. Doch auch über das Leben der 264 entlassenen Häftlinge erfährt man erstaunlich wenig. »Über Guantánamo ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen haben«, schreibt der Publizist und amnesty-international-Sonderbotschafter Roger Willemsen im Vorwort seines Interview-Buches Hier spricht Guantánamo. Willemsen hat fünf Häftlinge aufgesucht und ihnen, nur ihnen, das Wort erteilt. Er hat sie über ihr Leben vor, während und nach der Haft befragt. Er hat die Gespräche nicht journalistisch gegengecheckt, sondern nur dokumentiert. Oral history aus dem rechtlichen Niemandsland.
Da kommt ein Gewürzhändler zu Wort, dem Soldaten vorwarfen, durch Honigverkauf die al-Qaida unterstützt zu haben. Es berichten Ingenieure, Lehrer und ein Exbotschafter der Taliban, der von Willemsen in Kabul aufgesucht wurde. Sie alle erzählen auch über ihr Vorleben, über ihre Verhaftungen durch Pakistanis, das Kopfgeld, das für ihre Übergabe an die USA bezahlt worden sein soll – und über Massaker, die noch viele Historiker beschäftigen werden.
Kann man all den Aussagen trauen? Erklärte die US-Regierung nicht, al-Qaida weise ihre Kämpfer an, Foltervorwürfe gegen US-Wachen zu erheben. »Infam« nennt Willemsen diesen Einwand. Die US-Regierung habe den Häftlingen zwar keine Verbindung zur al-Qaida nachweisen können, aber jetzt sollen die Foltervorwürfe auf ihr Terrornetzwerk zurückgehen? Auffallend ist: Die Häftlinge, die er zu Wort kommen lässt, reiten trotz ihrer Erfahrungen keine Tiraden gegen die USA, sondern sie beschreiben minutiös den Alltag im Lager. Nicht alle wurden gefoltert, manche erzählen nur über Demütigungen, über Kollektivstrafen, über die Einsamkeit in der Isolationshaft, die gemeinsamen Hungerstreiks oder den wochenlangen Entzug von Zahnbürsten.
Besonders stark werden die Gespräche, wenn die Gefangenen über das Leben nach der Entlassung sprechen: über die Stigmatisierung in den Dörfern, die Überwachung durch lokale Behörden, die Aggressionen gegenüber den eigenen Familien, die körperlichen Gebrechen.
Nur selten lässt Willemsen die Distanz des neutralen Zuhörers missen. Manchmal stellt er unnötige Suggestivfragen, die ihn aber höchstens als Menschenrechtsaktivisten, nicht als Antiamerikaner verraten. Ein Dokument der Zeitgeschichte, eine Mahnung, wie schnell Rechtsstaatlichkeit und somit auch menschliche Würde demontiert werden kann, hat er aber allemal vorgelegt.
- Datum 23.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
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