Kino Wir gegen die

Neue Bilder vom Kampf der Kulturen: Filme wie Detlev Bucks »Knallhart« oder der türkische Reißer »Tal der Wölfe« treffen ins Herz der deutschen Furcht vor den Fremden

Bilder haben im Kampf um die Weltdeutung inzwischen die Reichweite von Interkontinentalraketen: von Jylland ins Hinterland von Nigeria, von Abu Ghraib nach Washington. Anfang März werden in den deutschen Kinos neue Bilder zu sehen sein, die geeignet sein könnten, die Debatte um das Mit- oder Gegeneinander von zwei Kulturen auf bundesdeutschem Boden anzuheizen wie ein Brandbeschleuniger. Die Bilder zeigen Erol, eine Hauptfigur in Detlev Bucks neuem Film Knallhart. Der Titel ist für diesen türkischen Albtraum aller Integrationsbeauftragten Programm. Ein menschlicher Pitbull im Ballonseidentrainingsanzug. Noch schulpflichtig und schon Vater von Zwillingen. Unter der Zöpfchen-Frisur amerikanischer Gangsta-Rapper grinst sein kariöses Unterschichtsgebiss bösartig hervor. Sein liebstes Schimpfwort ist »du Opfer«, was er häufig gebrauchen kann, weil er davon viele produziert. Michael zum Beispiel, den netten blonden deutschen Jungen, den ein ungünstiges Geschick aus dem feinen Zehlendorf in Erols Revier verschlagen hat, nach Neukölln, der neuen Frontstadt der deutschen Kulturkämpfe. Von 305000 Bewohnern sind 55000 arbeitslos, auf 1000 Einwohner kommen 137 Bedarfsgemeinschaften nach Hartz IV – das ist Landesrekord. In manchen Teilen des Berliner Bezirks sind 75 Prozent der Grundschüler ausländischer Herkunft.

Bald seid ihr nur noch Minderheit, rufen die Apokalyptiker uns zu

Anzeige

Erols bedingungslose Gewalttätigkeit fährt dem Kinobesucher wie eine Faust in den Bauch. Einmal spielt er »Topfschlagen« mit dem milchgesichtigen Michael, der gefesselt auf einem Stuhl sitzt, einen Blecheimer auf dem Kopf, während sein Peiniger mit verbundenen Augen, einen Baseballschläger in der Hand, knüppelschwingend nach ihm sucht und ihn schließlich vom Stuhl haut. Erol begreift sich zwar nicht als Kämpfer in einem heiligen Krieg, er will nur klarstellen, dass hier unten, am Bodensatz der Gesellschaft, einer immer oben ist: er. Und doch ist die Konstellation, die noch vor ein paar Wochen nichts als ein bisschen Berliner Milieu gewesen wäre, plötzlich hoch brisant: der türkische Abschaum gegen den schwächlichen Deutschen.

Und es hilft nicht, dass Michael zunächst Schutz findet bei Hamal, dem netten Araber, der den Sohn einer alleinerziehenden Mutter in seine intakte Großfamilie einführt. Denn Hamal ist der skrupellose Rauschgiftpate des Viertels und Michaels Rettung zum Untergang: Er macht den 15Jährigen zum Drogenkurier. Der Araber, für den nur der neueste Porsche gut genug ist, verdirbt unsere Kinder – niemand unterstellt dem Regisseur Detlev Buck, eine solche Botschaft verfilmt haben zu wollen. Aber ist er noch Herr der Bilder, die er vor Monaten nach einem Jugendbuch aus dem Jahr 2004 gedreht hat? Schon hat der Bürgermeister von Neukölln dem Film die Absolution erteilt – alles authentisch, nur »dramaturgisch etwas aufgemuskelt«: »Wir haben es zu einem großen Teil mit Menschen zu tun, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder in eine Gesellschaft Mitteleuropas zu begleiten, weil sie selbst das Werkzeug nicht haben.« Das ist die Botschaft aus der Hauptstadt: Unsere christliche Wohlstandsgesellschaft wird nicht mehr nur belagert, sie wird von innen unterwandert und zersetzt.

Man kann sich leicht ausmalen, wie dieser beklemmende Film zum Holzhammerargument wird in der Debatte um Parallelgesellschaften und die problematische Integration muslimischer Migranten. Da kann Detlev Buck in Interviews noch so oft beteuern, dass er Neukölln eigentlich so cool und hip wie New York findet – Knallhart liefert die symbolischen Bilder für die Angst des friedlichen Deutschen vor dem muslimischen Macho, der ihn unter sein Gesetz zwingen will. Sie passen perfekt zum gerne verbreiteten Eindruck, Zwangsheiraten und Ehrenmorde seien bei unseren türkischen Mitbürgern die liebsten Freizeitbeschäftigungen. Mühsam versuchen sogar die Interessenvertreter der Migrantinnen selbst diesen Pauschalisierungen zu entkommen. Doch im Kulturkampfklima will das keiner mehr hören.

Schon die türkische Begeisterung für den nationalistischen Actionfilm Tal der Wölfe – Irak (ZEIT Nr. 08/06, siehe auch Seite 46) hat Teile der deutschen Öffentlichkeit so erregt, dass sie mobilmachen zur Entscheidungsschlacht um unsere heiligen Werte. Edmund Stoiber und andere Unions-Politiker fordern die Kinobetreiber auf, den Film abzusetzen. Scharenweise brechen die Journalisten nun auf in die Kinos von Neukölln und anderen türkisch dominierten Stadtvierteln, um Frontberichte zu liefern: wie sie als Deutsche allein unter lauter Türken in der Schlange an der Kasse stehen, wie das Publikum den Tod des amerikanischen Bösewichts bejubelt und mitunter sogar »Allah ist groß« skandiert. In den Berichten wird der Kinoabend zum Vorschein einer Zukunft, in der die Deutschen selbst ein Integrationsproblem haben werden – weil sie in einer muslimisch geprägten Gesellschaft keinen Platz mehr finden.

Leser-Kommentare
  1. Auf den Punkt! Auf eine so treffende Analyse im "Bilder-Streit" habe ich schon länger gewartet.

    Höchstens eins noch: Die Aufgeregheit im vermeintlichen "Kulturkampfklima" ist doch in erster Linie ein Medienphänomen und steigert sich in einem ewigen Medienkreislauf. Die "Lust an der Totalkonfrontation" oder "Angstlust" - egal ob jetzt in Bezug auf den Karrikaturenstreit, "Tal der Wölfe" oder "Knallhart" - ist schließlich hauptsächlich inszeniert.

    Ob daher nach den staatlich verordneten Gewaltreaktionen im Karrikaturenstreit jetzt auch schon hierzulande besagte "Lust" tatsächlich um sich greift, hoffe ich bezweifeln zu dürfen.

    Wenn Christof Siemes eine wachsende Angst oder Angstmache vor Migranten kritisiert, trifft das ja auch nur wieder reißerische Medienmache. Wie es in realiter um die "wahre Liberalität" und Toleranz unserer Gesellschaft bestellt ist (für mich ist jedenfalls noch ein Unterschied), dazu haben die Medien in der Diskussion meiner Meinung nach völlig den Bezug verloren - die Berichterstattung dreht sich meiner Meinung nach hauptsächlich um sich selbst.

    Aber wirklich ein guter Artikel!

    Viele Grüße,
    Tobias Schormann

  2. Der Artikel von Herrn Siemens lebt von der Vorstellung, dass nur zwei Optionen offen stehen: entweder bedingunslose Toleranz für alles, oder eben Aufschrei, Verbot und rechtliches Vorgehen gegen "unliebsame" Meinungen.
    Diese Naivität teile ich ganz und gar nicht, dafür aber die Überzeugung, dass Grundwerte wie Religions- und Meinungsfreiheit unangetastet bleiben müssen. Die Boykottrufe vieler Politiker gegen Filme wie "Tal der Wölfe" zeugen eher von einer aufgeklärten Mitte zwischen Verantwortung für die freiheitlich-rechtliche Grundordnung in der BRD, und einer westlichen Wertgebundenheit, die eben auch vermittelt und deutlich gemacht werden muss. Merke: keiner hat nach einem Verbot des Films (Tal d.W.) geschrien; es sollte lediglich deutlich gemacht werden, dass die Handlung auf Vorstellungen basiert (Antisemitismus), die in Deutschland eben nichts zu suchen haben. Keiner kann das verbieten, und keiner darf das verbieten dürfen! Aber im öffentlichen Diskurs muss deutlich gesagt werden, dass das so hier nicht geht! Man kann alles tolerieren, ausser Intoleranz. Und die Problematik im Irak, ein Krieg an dem sich Deutschland klugerweise und aus denselben Gründen nicht beteiligt hat, mit der Einwanderungsproblematik in Verbindung zu bringen ist nur ein weiteres fadenscheiniges Argument, "nichts dagegen zu haben", wenn jüdischen Ärzte infamerweise unterstellt wird, Organe zu entnehmen und in alle Welt zu verschicken. Eine Demokratie lebt von der öffentlichen Diskussion der eigenen Werte, und deutlich Stimmung gegen dieses antisemitisches Machwerk zu machen, ist Teil davon. Ein Verbot wäre das Gegenteil.

    • iceman
    • 25.02.2006 um 5:11 Uhr

    Der Artikel war nicht schlecht, Probleme dieser Grössenordnung sollten klar und deutlich benannt werden.
    Das hat Siemes geschafft.
    Nur fehlt leider die zweite Hälfte des Artikels - wie löst man die Probleme?
    Es ist ungenügend, diese Verhältnisse als kulturelles Phänomen zu betrachten, etwa so, wie ein Insektenforscher einen seltenen Schmetterling unter die Lupe nimmt.

    Wo bleibt der autoritäre Staat, der die Kinder- und Jugenderziehung stärker in die Hand nimmt, wo sie doch so vielen Eltern offensichtlich entglitten ist?
    Jeder vernünftige Mensch kann sich doch ausmalen wohin die Entwicklung führt, wenn nicht gehandelt wird.
    Dass der Bevölkerungsanteil der Migranten stagniert glaube ich nicht, jeder Einkaufsbummel durch die Innenstadt beweist das Gegenteil.

    Scheinbar ist beiden Seiten der Gesellschaft noch nicht ausreichend klar, dass wir alle im selben Boot sitzen (sprich im selben Sozialsystem).
    Es fehlen die Antworten.
    Volkspädagogisch motivierte Exkulpationsrhetorik und Problemnegierungen gab es schon genug.

    Die rhetorische Frage nach Kastrierungen wurde gestellt. Klar, wenn wir so weitermachen, dann wird das so sein.
    Es wird dann eine "Beschneidung" geben, nur eben nicht physisch, sondern materiell, sozusagen in Form der ökonomischen "vakuumierten Eintütung" der Migranten.

    Kann das der Anspruch sein???

    Sollen die Ghetto-Türken irgendwann in Verhältnissen leben, die denen von rumänischen Sinti und Roma gleichen? Ich glaube nicht, dass das eine wünschenswerte Konstellation wäre.
    Vom humanitären Anspruch ganz zu schweigen.
    Oder gibt es den etwa auch nicht mehr?
    Meine Meinung: Wer KEINE Visionen hat, der soll zum Arzt gehen!

    Ginge man an die Migrationsprobleme mit der gleichen Energie ran, mit der nach dem Krieg das Land wiederaufgebaut wurde, dann würde man es schaffen.
    Aufklären bedeutet nicht nur Anklagen, sondern auch Entwürfe zu liefern für konkrete Massnahmen.
    Und zwar brauchbare Massnahmen, kein hilfloses Herumgestochere im Salat.
    In der Welt war letzte Woche zu lesen, dass Neuköllner Sozialpädagogen mit den unterschiedlichsten Methoden arbeiten:
    Die einen halten am gescheiterten Versuch der bilingualen Erziehung fest, andere wollen das Bilinguale so umgestalten, dass das Deutsch durch Chinesisch ersetzt wird (kein Witz!), weil man sich dadurch einen künftigen Wissensvorsprung der Türken erhofft (aha, interessante Idee!!), und dann gibt es welche, die die deutsch-sprachliche Kompetenzvermittlung ganz einfach ersetzen durch die Förderung künstlerischen Ausdrucksvermögens (die malen die ganze Zeit nur Bilder!!).

    Wann wird solchen ideologischen Geisterfahrern endlich das Steuer aus den Händen gerissen?

    Wieso versucht man es nicht einfach mal mit etwas autoritären, alt-preussischen Erziehungsmethoden - das heisst mit einer kompromisslosen, sauberen und nachhaltigen Vermittlung der deutschen Sprache in einer Ganztagsschule (das geht, auch ohne Rohrstock).
    Jedem Küchenpsychologen müsste doch einleuchten, dass diese Kinder eine klare Struktur dankbar entgegen nehmen, weil sie (bzw. ihre Eltern) sich alleine nicht mehr ausreichend zurechtfinden.
    Könnte man ein solch aussergewöhnliches Projekt nicht wenigstens mal in einer Art "Modellversuch" starten, und schauen, ob es vielleicht (wirklich nur vielleicht) irgend etwas bringt?

    Was mit den Kindern der Migranten veranstaltet wird ist unverantwortlich. Das ist eine verdammte Schweinerei.
    Da werden massenweise Zukunftspotentiale vernichtet durch sozialpädagogische Zivilversager, die regelrecht entrückt sind im spirituellem Nebel.

    Diese Leute müssen dringend gestoppt werden!

  3. @iceman:
    Nicht übelnehmen, aber Dein Beitrag mißfällt mir sehr. Ich stehe an Deck der Titanic und rufe: da kommt ein Eisberg! Die meisten Leute hören einfach nicht hin. Und dann gibt es noch solche wie Dich, die sagen: stimmt, aber wir rammen ihn so oder so. Also wozu am Steuerrad herumdrehen?

    Dieser Art von Fatalismus begegne ich häufig. Motto: die Probleme sind doch eh unlösbar, also ändern wir -- gar nichts. Sorry, ich halte das für eine bequeme Ausrede. Mit einer vernünftigen Politik könnte man binnen weniger Jahre die Geburtenzahlen nachhaltig beeinflussen. Vorschläge dazu habe ich gemacht. Unterstützt Du eine solche Politik? Es gibt kleine Parteien und diverse Vereine, die sich dafür einsetzen. Klein sind sie deshalb, weil kaum jemand sie unterstützt (sie leiden vor allem an Geldmangel). Ist doch eh alles hoffnungslos...?

    NEIN! Es stimmmt: dem Eisberg können wir nicht mehr entgehen. Aber die Härte der Kollision könnten wir noch beeinflussen. Wenn wir rasch und entschlossen handeln, wir das Schiff ein Leck bekommen, aber es wird nicht absaufen. Die historische Titanic hat zu spät gegengesteuert und ging unter - aber immerhin: es dauerte ein paar Stunden, und die Hälfte der Menschen konnte sich in die Boote retten. Hätte man gar nicht gegengesteuert, dann wäre das Leck vielleicht doppelt so groß gewesen, und alle wären ertrunken.

    Replik zu den einzelnen Punkten:

    - Die neuen EU-Länder haben ähnliche demographische Probleme wie wir. Im Gegenteil: sie werden als erste betroffen sein. Ihre guten Leute werden noch eher auswandern als unsere - gut möglich, daß Deutschland davon sogar eine Zeitlang profitieren kann, genau wie die alten Bundesländer heute von den jungen Binnenwanderern aus den neuen Bundesländern profitieren. Es wird eine Dreiklassengesellschaft geben: die Spitzenkräfte aus Deutschland (und Osteuropa) gehen in die USA. Die zweite Garnitur aus Osteuropa geht nach Westeuropa. Der Osten blutet aus.

    - Das Bundesverfassungsgericht hat niemals ein Kindergeld gefordert. Verlangt wurde vielmehr die Steuerfreistellung des Existenzminimums von Kindern! Das ist heute formal erreicht (man kann zwischen Kindergeld und Freibetrag "wählen). Das bedeutet: man könnte das Kindergeld von jezt auf nachher abschaffen. Schon nach dem heute geltenden Steuerrecht würden die meisten Eltern sofort erheblich weniger Steuern bezahlen müssen! Heute wird dieser Betrag mit dem sog. Kindergeld einfach verrechnet. Deshalb, und weil sich ohne Kindergeld die Sozialhilfe verteuert, würde man bei Abschaffen des Kindergeldes (das nominell 30 Milliarden im Jahr ausmacht) auch nur 7 Milliarden Euro sparen.

    Frau Zypries dürfte das wissen, wirft aber die üblichen Nebelkerzen - einmal mehr soll verschleiert werden, daß das Kindergeld überwiegend eine Scheinleistung ist. Der echte Förderanteil kommt fast ausschließlich einkommensschwachen Familien zugute. Noch krasser beim Erziehungsgeld: eine Sozialhilfeempfängerin mit 7 Kindern kann 14 Jahre lang 300 EUR zusätzlich ausgeben, Monat für Monat. Das ist für jemand, der sonst keine Perspektive hat, ein echter Anreiz.

    - Du schreibst: Kinderkriegen kann man niemand verbieten. Zum Glück! Aber man kann aufhören, es - dort, wo es der Gesellschaft nicht nützt - mit Subventionen interessant zu machen. Umgekehrt: man kann die Pille nicht abschaffen. So what? Früher gab es drei Gründe, Kinder zu haben: biologische (es passiert halt), wirtschaftliche (Alterssicherung) und idealistische. Den ersten können wir nicht wieder herstellen, wohl aber den zweiten. Denn noch immer ist die Gesellschaft als Ganze auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen. Leider kommt dieser Vorteil derzeit nicht nur denen zugute, die dafür Zeit und Geld investiert haben: den Eltern - sondern im Gegenteil: Kinderlose erhalten die höheren Renten! Wir haben ein System geschaffen, in dem es für den Einzelnen - außer, er ist Sozialhilfeemfpänger - ökonomisch unsinnig ist, Kinder in die Welt zu setzen.

    - Beim Familiennachzug gäbe es ebenfalls eine Reihe von Möglichkeiten: Sprachkenntnisse der einzubürgernden Ehefrauen einfordern zum Beispiel, und verbindliche Integrationskurse in der Heimatsprache der nachziehenden Ehepartner abhalten, in denen sie über die hiesigen Verhältnisse aufgeklärt werden und einen festen Ansprechpartner außerhalb der Familie erhalten.

    - "Wir haben kein Geld": oh, wir haben noch immer sehr viel Geld! Es ist nur falsch verteilt. Wenn Kinderlose (damit sind eingeschränkt auch Personen mit nur einem Kind gemeint) derselbe persönlichen Lebensstandard wie Eltern zugemutet würde (und sie den Rest an den Staat abführen müßten), wäre mehr als genug Kohle da, um ein nachhaltiges Bildungssystem zu finanzieren. Übrigens würden Familien auch indirekt entlastet. Die Mieten in Deutschland sind deswegen so hoch, weil die große Nachfrage gutverdienender, kinderloser Haushalte nach immer mehr Wohnfläche seit Jahrzehnten die Grundstückspreise nach oben treibt.

    **********

    Textverdreher: in meinem vorigen Beitrag gab es eine Textverschiebung. Richtig muß es heißen:

    .. Es ist schlichtweg falsch, wenn immer wieder behauptet wird, das Geburtenverhalten könne nicht beeinflußt werden. Nur ein Beispiel: die DDR hatte es in den letzen Jahren ihrer Geschichte geschafft, den oben genannten Zusammenhang umzudrehen - jetzt hatten dort Akademiker die meisten Kinder (der Arbeitsmarkt im Westen profitiert heute davon). Das wäre auch bei uns möglich. Jedoch: es würde viele Leute viel Geld kosten...

    • iceman
    • 27.02.2006 um 4:41 Uhr

    Dein Kommentar hat mir sehr gefallen, alles richtig, alles schön zusammengefasst und gewichtet. Du hast es kapiert.

    Das Problem ist nur, dass die Politiker selber nicht mehr handlungsfähig sind.
    Justizministerin Zypries hat letztens gemeint, sie würde das Kindergeld am liebsten ganz abschaffen, und dafür voll in die Kinderbetreuung investieren, dass man das aber nicht machen kann, weil das Bundesverfassungsgericht dies verhindern würde.

    Ein ähnliches Problem findest du beim Familiennachzug.
    Den kann man aus rechtlichen Gründen nicht nach Bildungshintergrund oder ethnisch-religiösem Hintergrund gestalten (so gerne man sich auch darauf beschränken würde, nur die japanische Pharmakologin aufzunehmen, die den deutschen Firmenchef heiratet, um in seiner Firma zu arbeiten).

    Und das Kinderkriegen kann man auch niemandem verbieten.

    Und die Pille kann man auch nicht einfach abschaffen.

    Und flächendeckend Kinderhorte und Ganztagsschulen kann man auch nicht finanzieren, weil der Sozialetat bereits durch die jetzigen Leistungsempfänger so stark belastet ist (zumal diese Investitionen auch nicht das human-genetische IQ-Potential erhöhen würden).

    Wir sind an unsere Grenzen gestossen, mit demokratischen Mitteln kommen wir nicht weiter. Und die Demokratie kann man auch nicht einfach abschaffen.
    Und deswegen machen wir voll den Abflug, egal was die in ihren Artikeln schreiben. Logische Prozesse kann niemand ausser Kraft setzen.

    Hinzu kommt, dass die Probleme sich gegenseitig potenzieren werden (meiner Einschätzung nach wird es eine massive Abwanderung von Akademikern ab spätestens 2015 geben; im Zuge dessen auch eine allmähliche Verlagerung von Produktionsstandorten).
    Der Schrott bleibt hier.

    Vermutlich werden sich sogar die neuen EU-Mitgliedsländer langfristig aus der EU herauslösen, da sie keine Lust haben werden, in einigen Jahrzehnten den Nettozahler für ein ökonomisch degeneriertes Westeuropa zu spielen.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang die Meldung, die ich letzte Woche in der faz oder in der welt gelesen habe. Darin haben sich der polnische und der tschechische Ministerpräsident bei ihrem Treffen dafür ausgesprochen, dass die Kompetenzen der EU-Länder stärker bei den einzelnen Ländern verbleiben sollen, und auch, dass die Grenzen Europas definiert werden sollten.
    Ist das schon das erste kleine Schrittchen zum Austritt aus der EU, der vielleicht erst in 25 Jahren erfolgen wird?

    Fest steht:
    Die Skandinavier waren schlauer, die Osteuropäer blieben verschont, und Westeuropa geht unter (weil man ja so vieles "nicht machen kann").

  4. Guter Artikel! Allerdings muss die Gesellschaft auch solche Filme, wie den von Buck verkraften. Schön wäre es, wenn eine Bereitschaft zur Diskussion einhergehen würde, ob und in wie fern "Authenzität" vorliegt.

    Die jugendlichen Migranten, die in ihren Bezirken das von der Unterdrückung zurückgeben, was Sie woanders von der Gesellschaft erfahren, gibt es. Umso wichtiger ist es die Ursachen richtig zuzuordnen, und den Anteil "jenseits" von der fremden Herkunft vom sozialen Rang herzuleiten. Natürlich interagiert Herkunft und sozialer Rang oft, aber diese Gewaltneinung hat es eben schon immer gegeben. Früher waren die "Chefs" eben Mannis und Uwes. Nun sind unter den Verlierern die Migranten in der unterzahl.

    Es ist außerdem gut einen Vorgeschmack zu bekommen, welches Potential aus dem Ghetto heraus zurückschlagen könnte, wenn man die weiter so vernachlässigt, wie man es bisher getan hat.

    • OttoN
    • 28.02.2006 um 9:58 Uhr

    Die Frage ist nicht, ob man geht, die Frage ist nur noch WOHIN! Und da wird es schwierig... (nicht zu spät anfangen, drüber nachzudenken!)

  5. Herr Siemes hätte sich den Artikel von Wolfgang Sofsky "Mob der Frommen" in der Welt etwas besser durchlesen sollen.
    Wolfgang Sofsky selbst schreibt, dass es sich bei den Schlägern vor den Botschaften (hier am Beispiel der Botschaft von Jakarta)um "ein paar hundert islamische Aktivisten handelt". Sofsky geht vielmehr der interessanten Frage nach, wie sich Angehörige solcher Religionen verhalten, die quasi nur noch aus Geboten, Zeremonien, Lehrsätzen und Leitsprüchen bestehen.
    Der Vorwurf, Sofsky hetze gegen Muslime und würde das Verhalten einiger hundert gewaltätiger Islamisten auf alle Muslime verallgemeinern, geht am Inhalt des Artikels vorbei.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service