Sigmund FreudDer Hausherr und das Ich

Als das nervöse 20. Jahrhundert beginnt, kämpft der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud darum, die unruhige Seele zur Vernunft zu bringen von 

Dort also sitzt – endlich Erholung! – Sigmund Freud hoch in den Alpen, auf einem »abseits gelegenen Berg«, »in einer entzückenden Fernsicht versunken«, fern von der Medizin und all den Neurosen der Stadt, fern von der Wiener Zivilisation der Jahrhundertwende, um der Nervosität der Epoche den Rücken zu kehren und einmal tief durchzuatmen. Die junge bäuerliche Frau, Tochter der Wirtin, die nun auf den Herrn Doktor zutritt, tut sich mit dem tiefen Durchatmen seit einiger Zeit schwer. Das Mädchen, Katharina sein Name, leidet an unerklärlichen Attacken von Atemnot. Ob der Herr Doktor ihm kurz seine Aufmerksamkeit schenken könne und Rat wisse?

Er kann, er will und er weiß. Das Zuhören ist seine besondere Gabe, die Bereitschaft, sich Unbekanntem vorbehaltlos zu öffnen, und sei es ratend, ist der Quell seiner Kunst. Das Unbeachtete will er ins Recht setzen, den Widerständen zum Trotz. Aufmerksamkeit, das heißt an diesem Sommertag in den Bergen: »Es interessierte mich, dass Neurosen in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten, ich fragte also weiter.«

Mit den Phänomenen der Hysterie kennt sich der Neurologe seit seiner Arbeit mit dem Pariser Kollegen Jean Martin Charcot aus, und also geht er nun gesprächsweise der Vermutung nach, dass hier ein Ich einen »Bewusstseinsinhalt« »von der Denktätigkeit ausgeschlossen« hatte, der nachträglich zu einem »traumatischen Erlebnis« wurde, das sich im Symptom der Atemnot äußert. Es ist eine individuelle Fallgeschichte vom sexuellem Missbrauch durch den Vater, die Freud so zutage fördert.

Sexueller Missbrauch: Da erlahmt vielleicht die Aufmerksamkeit des Lesers schon, der Freuds vorrangiges Interesse für die Sexualität heute für Triebstau von gestern hält und also wie der Schriftsteller Vladimir Nabokov denkt. »Ich habe meine ältesten Träume nach Aufschlüssen und Fingerzeigen durchwühlt«, schreibt Nabokov in seinen Erinnerungen, »und ich möchte gleich sagen, dass ich die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen und ihren verbitterten Embryos, die von ihrem natürlichen Unterschlupf aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ablehne.«

Nun, Ablehnung war Freuds tägliches Brot, das Attribut »spinnert« hätte ihn nicht überrascht. Aber mittelalterlich ist diese Welt Freuds nicht.

Denn die Geschichte von Katharina, der Bergwirtstochter, führt ins Herz eines Problems, das die wissenschaftliche Welt um 1900 ebenso umtreibt wie die in Unruhe geratenen Gesellschaften in den Metropolen Europas: wer oder was nämlich ein Recht habe, beachtet zu werden; was Aufmerksamkeit sei, wer oder was sie verdiene, wie man sie aufbringen könne – und von welcher Art von Aufmerksamkeit eigentlich zu reden sei. Das Subjekt ist so hellhörig wie verunsichert. Beides, die Subjektivität wie die Subjekte, erfahren und erwirken zu Freuds Lebzeiten einen Umbruch: wissenschaftlich, politisch, sozial, kulturell. Und eben seelisch.

Die Forschung und das Denken kreisen zum ausgehenden 19. Jahrhundert um die Frage, was Wahrnehmung, was der Wille sei. »Immer wieder erleben wir es, dass ein Teil, den wir festhalten wollen und festzuhalten glauben, der Aufmerksamkeit entgleitet und anderes sich an die Stelle setzt«, schreibt als einer von vielen rätselnden Forschern der Psychologe und Ästhetiker Theodor Lipps. Das hohe Gut der Aufmerksamkeit entzieht sich gern der Kontrolle und der Selbstbestimmung, auf denen ein bürgerliches Leben doch ruhen soll.

Auch politisch erlebt der Kampf um Aufmerksamkeit eine neue Phase: Die Arbeiterschaft dieser Jahrzehnte kämpft in den verelendenden Städten darum, ins Recht gesetzt zu werden. Im Wien des Fin de Siècle, in dem jeder zwanzigste Mensch kein Dach über dem Kopf hat, macht nun Bürgermeister Lueger sowohl gegen die Sozialdemokratie demagogisch Stimmung als auch gegen die Juden, die in den liberalen sechziger Jahren die vollen Bürgerrechte erlangt hatten. Die Frauen erkennen ihre Rechte als Akteurinnen der Geschichte, nicht zuletzt das weibliche Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Und im Gedränge der Städte bringt die Vielzahl neuer Reizquellen, Informationen und Techniken die irritierende Nervosität hervor, wie sich das von Zerstreuung bedrohte Individuum festigen und sich zugleich bemerkbar machen könne.

Die Angst um das Selbst regiert die Jahrhundertwende ebenso wie das Ringen um individuelle Freiheit und die Neugier auf ein Leben in Selbstbestimmung. Kurz: Sigmund Freud entfaltet sein Denken mitten in einem schwirrenden Wespennest. Sein Satz, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, wird nicht umsonst legendär. Und so ist es kein Zufall, dass dieser Freud der Epoche ein Geschenk zumutet, das zu ihr passt: eine feinsinnige Technik der Aufmerksamkeit nämlich, die helfen soll, Zerstreutes einzusammeln und zu deuten, um den Menschen von Selbsttäuschung zu befreien, ihm seine Geschichte plausibel werden zu lassen und ihn zu stärken: die Psychoanalyse.

Dreierlei soll diese Psychoanalyse in den Augen ihres Erfinders sein: ein Verfahren, um verborgene seelische Vorgänge zu untersuchen, eine Behandlungsmethode für seelische Störungen und schließlich eine Sammlung von Erkenntnissen, die sich zu einer Wissenschaft zusammenfügen würden. Zusammengenommen hat diese dreifache Kunst der Psychoanalyse das Menschenbild des 20. Jahrhunderts vom nervösen Kopf auf die rätselhafte Seele gestellt, um diese, gegen alle Widerstände, so gut als möglich zur Vernunft zu bringen.

Aber wie kommt ein Sigmund Freud dazu, sich dieses Geschenk, diese Zumutung auszudenken? Was ist das für ein Mensch, der zunächst sich selbst zum Forschungsobjekt macht und sich lebenslang einer Entdeckungsreise verschreibt, die Leben und Werk ineinander verschlingt, weil er es für sein Schicksal hält, »am Schlaf der Welt zu rütteln«?

Selbsteroberung, Selbstbeherrschung, Selbstrechtfertigung: Diese drei Motive hat Freuds Biograf Peter Gay in seiner brillanten Entzifferung der Person als treibende Kräfte in der Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse erkennbar gemacht. Die ersten Bausteine dieses Lebens sind schnell in Erinnerung gerufen: Als Sohn eines jüdischen Wollhändlers und seiner um zwanzig Jahre jüngeren schönen Frau wird Sigmund Freud 1856 im böhmischen Freiberg geboren, als Ältester von achten, in dem die Eltern von Anbeginn ein künftiges Genie sehen. Als die Familie in eine winzige Wohnung nach Wien umzieht, erhält der grenzenlos wissbegierige Sohn als Einziger ein eigenes Zimmer.

Im liberalen Wien der Gründerjahre wird Freud zu einem selbstbewussten religionsfernen Juden, der dem seit den 1880er Jahren wuchernden Antisemitismus mit Verachtung begegnet und dabei die Taufe als Flucht ebenso ablehnt wie die Unterwürfigkeit, die er am eigenen Vater beobachtet. Freud will und wird ein Bürger sein, stets untadlig in der Erscheinung, stets Herr im Haus. Er will sich selbst nicht im Wege stehen, andere sollen es ebenso wenig tun. Seine Frau Martha Bernays, die er 1886 nach vierjähriger Brautzeit endlich heiraten kann, Mutter seiner sechs Kinder, wird dem Hausherrn zeitlebens den Rücken freihalten und eine ungestörte Arbeit ermöglichen.

Aber noch steckt die in den Anfängen. Dass er die Medizin, nicht die Rechtswissenschaft, als Studienfach wählt, schreibt Freud dem Einfluss des Fragments Die Natur zu, vermeintlich von Goethe verfasst, einer Hymne auf die schöpferische, alles umarmende Mutter Natur. Doch mit Peter Gay darf man annehmen, dass dieses empirisch exakte Studium viel eher dazu angetan war, sich die mütterliche Natur stets »auf Armeslänge entfernt zu halten«: »Die Medizin war ein Teil der Selbsteroberung Freuds«. Er will der Überlegene sein, auch den eigenen Fantasien, den inneren Spannungen, dem Leiden überlegen. Bis zuletzt, denn nach einem 13 jährigen grausamen Krebsleiden wird er, im Einvernehmen mit dem Arzt und der Familie, an einer Überdosis Morphium sterben, um dem Leiden selbstbestimmt ein Ende zu machen.

Als Student und junger Arzt aber navigiert Freud noch ins Unbestimmte. Wenn einer auf seinem beruflichen Weg die Geschlechtsdrüsen von Aalen sucht, Nervenzellen von Krebsen studiert, den Philosophen Feuerbach als Zerstörer von Illusionen schätzen lernt, an einer Neuronen-Theorie bastelt, durch die Philosophie der Romantik streunt, nach akademischen Vätern sucht, eine schlechte Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus annimmt, eine Arbeit über Kokain schreibt, schließlich irgendwie eine Privatpraxis gründen will, um eine Familie ernähren zu können – dann kann man nicht von der einen leitenden wissenschaftlichen Frage sprechen, die diesen Freud vorantriebe. Berühmt will er werden, das ist der Antrieb, und endlich heiraten. Vier mühsame Jahre des Wartens, der Enthaltsamkeit dauert es, bis er den Hausstand gründen und heiraten kann. Man möchte fast sagen: zum Glück. Während er wartet, liest er: Cervantes, Goethe, Lessing, Shakespeare, Lichtenberg, Rabelais, die Antike. Er liest nicht einfach, er lässt sich prägen von den Zeugnissen menschlicher Kreativität, mit denen er ein lebenslanges Gespräch unterhalten wird, als gelte es, alles aufzuheben, was Bedeutung trägt. Sein Arbeitszimmer wird eines Tages wie ein mit Büchern, Statuen, Bildern voll gestopftes Arsenal von Bedeutungsträgern wirken: Keinen Baustein in der Archäologie der Seele gibt dieser Menschenerkunder verloren. Sigmund Freud interessiert sich seit seiner Schülerzeit für so vieles, dass er bald der Zerstreuung durch die Konzentration auf eine Synthese entgegentreten wird. »Alltag, Liebe, Krieg und Tod, das Unbewusste und Bewusste, Trieb und Verdrängung, Wünsche und Ängste, Normalität und Neurosen, Kunst, Literatur, Mythos, Märchen, Religion, Gesellschaft, Kultur«, so reiht die Psychoanalytikerin Cordelia Schmidt-Hellerau in einem der schönsten neuen Bücher zu Freud, einem Lesebuch, auf, was diesen Mann interessierte. Kurz: fast alles.

Als er 1885 mit einem Stipendium bei Jean Martin Charcot in Paris landet, beginnt sich Freuds Interesse zu konturieren. Die Technik der Hypnose und die Phänomene der so genannten Hysterie lenken Freuds Aufmerksamkeit auf die Mechanismen des »seelischen Apparats«, wie er ihn als Kind des Industriezeitalters nennt. Sein Blick schärft sich für die Konflikte der Seele, die offenkundig zwischen dem Bewusstsein und anderen seelischen Sphären machtvolle Vorstellungen hin und her schiebt. In der Hypnose, aus der heraus Freud über Jahrzehnte hinweg die Psychoanalyse entwickeln wird, zeigt sich, dass sich in den Patientinnen sperrige Wünsche zu Wort melden – Freud nennt sie zunächst »peinliche Kontrastvorstellungen« – und beeinflussen lassen. Mit unterdrückten Wünschen hat der wartende Bräutigam in diesen Jahren Erfahrung.

Geleitet von der Frage, was es mit diesen Bedürfnissen, die eigenwillig ins Bewusstsein hineinspuken, auf sich hat, macht sich Freud nach dem Tod seines Vaters 1896 in seiner legendären Selbstanalyse auf den Weg in die eigene Kindheit. Und wen es heute langweilt, dass er dabei die Verliebtheit in die Mutter, die Eifersucht auf den Vater als ödipales Muster erkennt, der möge nachlesen, wie Freud bald darauf, in der Traumdeutung, den König Ödipus des Sophokles, den Hamlet Shakespeares, auch Kellers Grünen Heinrich deutend erschließt, um die Seelengeschichte des kleinen Jungen in das »tiefste und ewige Wesen der Menschheit« einzubetten. Ödipus hin oder her, Forscher, die dergestalt lesen wollen, hat es seither nicht viele gegeben.

Das Gespräch, zumeist in Briefen, mit dem Freund Wilhelm Fließ wird zum Katalysator der Erkundung des Freudschen Lebens und die Sprache fortan zum Medium der Psychoanalyse. Die stetige Aufmerksamkeit für den anderen, wie die Freunde sie in den Briefen in mittlerer Distanz zum Gegenüber aufbringen, wird künftig zum Verfahren, mit dessen Hilfe der Analytiker dem Patienten ermöglicht, sich erzählend seinen Einfällen hinzugeben, um sein Leben entdecken zu können. Eine Patientin, Anna O., die spätere Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, macht es mit ihrer Beredsamkeit vor: »Redekur« nennt sie das neue Verfahren. Das Sprechen von sich selbst, geschützt und entlastet, kann heilen, indem es dem Leben eine spürbar bessere Richtung gibt – was auch immer an Freud fragwürdig blieb, diese Erkenntnis bestreitet fast keiner. Das Zeitalter, das mit der Aufmerksamkeit ringt, bekommt so von Freud eine geniale Kur verpasst: Was das Bewusstsein des Einzelnen umtreibt und stört, soll nun durch die ärztliche Aufmerksamkeit fürs Zerstreute ans Licht geholt werden. Fortan wird das Verfahren, das um Anerkennung des Unbeachteten kämpft, selbst um Anerkennung durch die Fachwelt kämpfen müssen. Je mehr Patientinnen aber – es sind vor allem Oberschichtsdamen aus Wien, aus England und aus Amerika – sich Freud anvertrauen, desto mehr wächst dessen Sammlung an Erzeugnissen der Seele, an Träumen, Versprechern, Fehlleistungen und desto fester wird dessen Überzeugung, dass Menschen sich unglaublich viel einfallen lassen, um die Befriedigung, die ihnen die Realität bisher versagt, durch die Umgestaltung von Spannungen hinterrücks zu ergaunern. Das Ich will loswerden, was es schmerzt, und so geht es – wahrnehmend, deutend, handelnd – auf die Wirklichkeit los. Unlust vermeiden: Dies erkennt Freud als den eigentlichen Antrieb der seelischen Ökonomie.

Als das Jahrhundert sich dem Ende zuneigt, hat Freud in den Träumen den wichtigsten Tummelplatz der Seele gefunden. Mag die Traumdeutung mit ihrer faszinierenden Darstellung der Künste des Verdrängens, Verschiebens, Verdichtens auch das bekannteste Werk Freuds sein – seine eigene Kunst erweist sich nun auch in weniger bekannten Werken, dem Motiv der Kästchenwahl, dem Wunderblock und in Trauer und Melancholie. Sie alle gehören zu einem wissenschaftlich-literarischen Kosmos, der Pädagogen ebenso angeht wie Sprachforscher, Biologen ebenso wie Entwicklungspsychologen, Antikenkenner ebenso wie Literaturexperten und Theologen. In einem Aufsatz des Jahres 1913 hat Freud mit erkennbarem Stolz die Psychoanalyse in die weite Landschaft der benachbarten Wissenschaften eingepflanzt, die er zum Umdenken einlädt.

Der Konflikt zwischen Freud, dem avantgardistischen Eroberer der »unentdeckten Provinzen des Seelenlebens«, und Freud, dem Bürger des 19. Jahrhunderts, der sich für die Kunst seiner Gegenwart nicht erwärmen kann und täglich pünktlich um eins zum Essen erscheint, bringt ein Werk hervor, das zwischen den Skandalen des Intimsten, der Biologie und der Kulturgeschichte der Menschheit eine weit ausgreifende Synthese zu bilden versucht.

Er durchforscht die zeitgenössischen Theorien der Anthropologie, um in Totem und Tabu zu vermuten, dass die mit Schuldgefühlen behaftete Ermordung des Urvaters kulturprägend sei. Er reagiert auf den Ersten Weltkrieg, tief enttäuscht über den Zusammenbruch der Zivilisation und doch realistisch genug, um die schwache Kraft der Kultur gegenüber einer elementaren Aggressivität zu diagnostizieren, auch dies ein Beitrag zur Zerstörung der Illusionen. Er bleibt, wie er sich nannte, ein »gottloser Mediziner«, der in der Religion eine Art universeller Zwangsneurose sieht und doch ahnt, dass auch der Atheismus eine Abwehr sein kann. Er wird schließlich in seinem Werk Das Unbehagen an der Kultur begründen, warum die Kultur, dieser schmerzliche Kompromiss mit den Wünschen, den Menschen nicht glücklich mache.

Nach 47 Jahren, die Freud in der Wiener Berggasse 19 gelebt und gearbeitet hat, wird er 1938 als 82-Jähriger in die Emigration nach London gezwungen. Dort stirbt er im Jahr 1939, am 23. September, drei Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, während ein totalitäres Regime nicht nur das bürgerlich kultivierte Individuum gewaltsam zu Grabe trägt. Der Mann, der sich selbst rätselhaft war und der verhinderten Selbstbestimmung seine Aufmerksamkeit schenkte, ist tot.

Tot? In der Kirche S. Pietro in Vincoli zu Rom ist die Marmorstatue des Moses zu sehen, die Michelangelo dort aufgestellt hat. Freud hat sie oft aufgesucht und ihr in seinem Aufsatz Der Moses des Michelangelo 1914 ein Denkmal gesetzt. Dort heißt es: »Wie oft bin ich die steile Treppe vom unschönen Corso Cavour hinaufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich-zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraums geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann, das nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat.«

Viele haben sich seit Freuds Tod aus dem Halbdunkel geschlichen. Sätze wie diese haben seither nicht viele Forscher geschrieben. Und wie viele haben einem Kunstwerk, das ihr Leben infrage stellt, ihre Aufmerksamkeit geschenkt? »Durch die Art, wie er den Dingen Aufmerksamkeit schenkt, trifft jeder von uns eine Wahl, welche Art Welt es sein soll, in der er leben will«, hatte William James dem kommenden 20. Jahrhundert ins Notizbuch geschrieben. Freud hat eine Wahl getroffen: Er wollte die Natur des Menschen aufklären, anstatt ihn der Macht der Biologie preiszugeben. Er wollte dem Einzelnen zu einem individuellen Leben in Gesellschaft verhelfen, anstatt ihn im Halbdunkel der Götzendiener verharren zu lassen. Kurz: Er wollte, dass es heller wird in der Wirklichkeit.

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  • Schlagworte Sigmund Freud | Vladimir Nabokov | Hypnose | Michelangelo | Psychoanalyse | Seele
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