Föderalismus Die kalte Revolution

Der Machthunger reicher Bundesländer treibt die Föderalismusreform voran

Angela Merkel und ihr Vize Franz Müntefering sind zuversichtlich: Im Föderalismus-Projekt der Koalitionsregierung verberge sich »die größte Verfassungsreform seit 1949«. Geplant war eine »Beschleunigung« des politischen Prozesses zwischen Bund und Ländern, geklärt werden sollte die Verantwortung für die Hochschulen, für Umwelt- undKatastrophenschutz, für das Heer der Beamten und für die Stabilitätspakt-Strafzahlungen an die Europäische Union (die so unvermeidbar scheinen, dass sie jetzt schon Teil der Verfassung werden). »Ein wuchtiger Schritt«, findet Edmund Stoiber, und doch wäre es vor allem ein Tritt – ins Kartenhaus des politischen Systems. Noch so einer (im Namen des »Wettbewerbsföderalismus«), und die Republik wäre nicht wiederzuerkennen.

Übrig bliebe eine Föderation armer und reicher Kleinstaaten mit höchst unterschiedlichen Universitäten, Umweltrechten und ganz verschiedenen Strafvollzugsregelungen. Willkommen auf dem Flickenteppich der deutschen Reichsvergangenheit? Keineswegs. Das ist die Zukunft der Republik. Die Entmachtung des Bundes geht weiter: Seine europäische Repräsentanz auf den Feldern der Kultur- und Medienpolitik soll übergehen auf »le lender«, wie man in Brüssel die deutsche Provinzposse beim Namen nennt. Bayern hat sich dort bereits ein Schlösschen gekauft und hält Hof.

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Umfang und Wucht der monumentalen Föderalismusreform betreffen nicht weniger als 20Grundgesetz-Artikel. Sie geht mit 16 zusätzlichen Gesetzesänderungen einher, die alle am 10. März ins Parlament eingebracht werden sollen. Der Bundestag wäre ein Jahr lang beschäftigt– es sei denn, er pariert als großkoalitionäres Vollzugsorgan der Exekutive.

Doch das ist nicht zu erwarten. Eine Reihe sozialdemokratischer Abgeordneter, unter ihnen Jörg Tauss, Andrea Nahles und die jungen »Netzwerker«, etwa 40 an der Zahl, sind aufgewacht wie einige FDP- und Unionsparlamentarier auch und lehnen den Holterdiepolter-Kurs der Regierung ab.

Die Bildungs- und Forschungspolitiker protestieren gegen den geplanten, international beispiellosen Rückzug des Bundes aus den Bildungsbereichen. Und siehe da – plötzlich hat auch der Fraktionsvorsitzende Peter Struck Orientierungsbedarf: Man könne ja »bis in den Herbst hinein diskutieren«. Vielleicht kann er bis dahin erklären, was das groteske Kooperationsverbot aus dem Besteckkasten des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch in der Verfassung zu suchen hätte: »Durch Bundesgesetze dürfen Gemeinden und Gemeindeverbänden Aufgaben nicht übertragen werden.« Sollte der Bund noch einmal feststellen, dass es in Deutschland zu wenig Ganztagsschulen gibt, dann könnte er zwar, wie geschehen, den Gemeinden vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen – aber sie dürften das zweckgebundene Geld nicht mehr annehmen.

Würden sich die Fraktionsführer dennoch durchsetzen, wie es der Koalitionsvertrag gebietet, dann hätten sie in einer Art kalten Revolution eine andere Demokratie etabliert – unter stiller Preisgabe des sozialen Kronjuwels der Verfassung (Artikel 72), nämlich des Auftrags an den Bund, »gleichwertige Lebensverhältnisse« im Lande »herzustellen«: Solche Gleichwertigkeit müsste sich endlich im Abbau des skandalösen Sozialgefälles im Bildungsbereich manifestieren. Nur die Mittelstandskinder kommen durch.

Leser-Kommentare
    • etiam
    • 28.04.2006 um 7:43 Uhr

    Es fällt sehr schwer einzusehen, warum beispielsweise NRW oder Bayern, die jeweils mehr Einwohner haben, als jedes der skandinavischen Länder, keine eigenständigen Regierungen haben sollten, mit denen Sie beispielsweise auch in der EU vertreten sind. Es gibt sicher eine kritische Masse, unterhalb derer eine Eigenstaatlichkeit keinen Sinn macht (Stadtstaaten, Saarland, MeckPomm) grundsätzlich sehen wir aber am Bund, dass es auch eine Größe gibt, die der politischen Reformfähigkeit entgegensteht. Für mich als Steuerzahler ist aber das größte Problem, dass ich mir den europäischen und Bundesföderalismus zugleich nicht leisten will, da ja schon ein einstufiger Föderalismus ausreicht (zumal wenn es eine europäische Verfassung geben wird), um den ehrenwerten postnationalsozialistischen Gedanken der gegenseitigen Kontrolle zweier legislativer Instanzen belebt zu halten. Faktisch gibt es ja schon viele Bereiche, wo weder Bund noch Land nach EU-Recht noch verbleibende eigene Restlegislativkompetenz hätten.
    Eine klare Aufteilung der Kompetenz entweder zu 100% an die Länder (mit EU Vertretungsrecht soweit nötig) oder zu 100% an den Bund mit einer Doppelvertretung allein bei Verfassungsfragen, wäre ein Schritt in Richtung Abschaffung von Doppelföderalismus - dies mit markigen Begriffen aus der deutschen Vergangenheit zu verunglimpfen ist ja wohl nicht sachgerecht!

    • rohwer
    • 07.03.2006 um 16:35 Uhr

    in nicht einmal zehn jahren wird die geschichte diese veraenderung als karikatur im foerderalismus brandmarken. diese kleinliche kleinstaaterei hilft kurzsichtig den nur auf ihr territorium fixierten duodezfuersten. was bezweckt denn einer mit der staerkung der region? das volk als ganzes, haben diese herren doch laengst abgeschrieben. das mittelalter kehrt zurueck: teile und herrsche!

    • rawe64
    • 07.03.2006 um 14:20 Uhr

    Das aktuelle Bildungsgefälle in einen Zusammenhang mit "dem sozialen Kronjuwel" der Verfassung zu bringen, ist schlichtweg falsch argumentiert. Bildungspolitik ist bislang in erster Linie Ländersache gewesen. Und damit auch deren Ergebnis.

  1. Leider versaeumt es Herr Naumann zu erklaeren, was genau der Nachteil davon ist, wenn einzelne Felder, wie etwa der Bildungs- und Forschungsbereich, in die alleinige Zustaendigkeit der Laender gelangen bzw. dort verbleiben. Er erklaert eine Foederalisierung einfach pauschal fuer schlecht. Auch scheint sich Herr Naumann mit der Systematik der deutschen Verfassung nicht beschaeftigt zu haben: Das Grundgesetz geht nicht von einem Zentralstaat sondern von einem Zusammenschluss einzelner souveraener Laender aus. Die Zustaendigkeit des Bundes ist die systematische Ausnahme, das heisst es bedarf gewichtiger Gruende einen Bereich der Zustaendigkeit des Bundes zu uebertragen. Liegen diese nicht zweifellos vor, ist den Laendern die Zustaendigkeit zu belassen. Anfangs stimmte auch die Realitaet mit dieser Systematik ueberein. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Gewicht aber immer weiter in Richtung Bund verschoben. Diesen Prozess wieder umzukehren und die Verfassungswirklichkeit wieder vom Kopf auf die Fuesse zu stellen, halte ich fuer unabdingbar.

  2. Auch hier gefallen sich einige Kommentatoren in der Attitüde, alle Substantive kleinzuschreiben. Nun, jedem das Seine. Aber, liebe Kleinschreiber: ihr solltet Euch bewußt sein, daß Eure Texte dadurch weniger gelesen, schlechter verstanden und weniger ernstgenommen werden.

    Der Hauptgrund: Kleinschrieb stört den Lesefluß. Mir jedenfalls geht es so, und mehrere wissenschaftliche Studien belegen es (es gibt sogar eine, derzufolge selbst englische Muttersprachler einen englischen (!) Text mit Substantivgroßschreibung schneller lesen und besser rezipieren). Ich habe es mir daher zur Gewohnheit gemacht, Texte in Kleinschrieb grundsätzlich zu ignorieren, und ich vermute, daß ich da nicht der Einzige bin. Kleinschrieb ist eine Belästigung des Lesers - wie, sagen wir mal, Nuscheln am Telefon.

    Kleinschreiber setzten sich außerdem einem bestimmten Verdacht aus. Ungefähr wie ein Autofahrer, der auf der Autobahn notorisch mit 70 dahinzockelt, um für ein generelles Tempolimit zu demonstrieren. Solche Leute halten sich für ungeheuer fortschrittlich und merken nicht, daß sie sich einfach nur spießig benehmen -- indem sie ihre absolut gesetzten Überzeugungen unbedingt anderen Leuten aus Auge drücken wollen oder einfach eine skurrile Protzerei betreiben. Seht, wie intellektuell ich bin! Mag der Eindruck täuschen oder nicht: er ist da, und er wird dazu führen, daß so mancher Leser - selbst wenn er das Geschreibsel überfliegt - von vornherein eine Abwehrhaltung einnimmt.

    Psychologe wissen: niemand läßt sich gern ungefragt belehren. Jüngsten Zahlen zufolge lehnen über 90% der Bevölkerung selbst die (viel geringfügigeren) Korrekturen durch die sog. Rechtschreibreform ab. Wenn Eure Kommentare hier einen Sinn haben sollen, dann, liebe Kleinschreiber, verstehe ich nicht, warum ihr diesen 90% Eurer potentiellen Leser erst mal auf den Nerven herumtrampeln müßt.

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