Föderalismus Die kalte RevolutionSeite 2/2

Genau hier soll der Bund auf Verbesserungskompetenzen verzichten – mehr noch, alle diesbezüglichen Gesetze unterlägen fortan dem Nachbesserungsrecht jedes einzelnen Landes. »Hat der Bund von seiner Gesetzgebungsbefugnis Gebrauch gemacht, können die Länder durch Gesetz hiervon abweichende Regelungen« auf dem Gebiet »Hochschulzulassung und Hochschulabschlüsse« treffen. Auf ein Bundesgesetz könnte also ein widersprechendes Landesgesetz folgen – und so weiter. Diese »Reform« dürfte unter dem Titel »Kulturhoheitliches Hü-hott-Gebot« in die Verfassungsgeschichte von Schilda eingehen.

Womit hätten sich die Länder diesen politischen Machtzuwachs verdient? Auch Franz Müntefering, der noch vor einem Jahr von einem System bundesweit geförderter Elite-Unis träumte, wird seiner verdutzten Fraktion einiges erklären müssen. Die Länder, so sein bekanntes Argument, wollen im Gegenzug auf mehr als 60 Prozent ihres bisherigen Einspruchsrechts im Bundesrat verzichten. Donnerwetter! Doch was steckt dahinter? Drei Legislaturperioden lang hatten nicht etwa institutionelle Sachzwänge, sondern parteipolitisches Kalkül beider Volksparteien mit einer betonharten Blockadepolitik im Bundesrat ganz normale Reformgesetze blockiert, bis sich zuletzt in aller Welt der Eindruck festsetzte, der Wirtschaftsriese Deutschland sei stecken geblieben im Morast seines vergreisten Föderalismus.

Korrekt war die Diagnose durchaus, nicht aber die Benennung der Ursachen: Machiavellistische Strategien der Lafontaines, der Stoibers und Kochs hatten dem Bundesrat eine Bremserrolle zugebilligt, die von den Verfassungsvätern nicht vorgesehen war. Über den Stillstand aller Reformgesetzgebung sollte der Weg der Opposition ins Kanzleramt geebnet werden. Und es funktionierte jedes Mal. Mit dem Verlust der Mehrheit im Vermittlungsausschuss nach der SPD-Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 musste auch Gerhard Schröder das Handtuch werfen.

Natürlich muss das intransparente System der Republik an die neuen Verhältnisse der Europäischen Gemeinschaft und an die Erfordernisse der Globalisierung angepasst werden. Doch das Föderalismus-Projekt der Großen Koalition hat andere Motive, und nicht alle sind geprägt von der hehren Absicht, im Namen demokratischer Legitimität die politischen Entscheidungsabläufe durchsichtiger für die Bürger zu machen, die Landesparlamente aus ihrer Rolle überbezahlter Stammtische zu befreien oder die Entscheidungsschwäche des Bundes zu therapieren. Es geht, wie anders, vor allem um Macht. Das ist keine Schande. Nur sollte man es wissen.

Wer die Ministerpräsidenten in ihrem »landesväterlichen« Alltag beobachtet, heißen sie Stoiber, Koch, Beck oder ehedem Biedenkopf, der erlebt verspätete Kostüm-Auftritte deutscher Duodezfürsten und einen grundlosen Stolz der Klein-premiers, die eigentlichen Herrscher Deutschlands zu sein. Dass ihre Parlamente nicht viel zu sagen haben, stört sie nicht sonderlich. Im Gegenteil. Fadenscheinig ist ihr Argument, mit den vielen Grundgesetz-Änderungen die Bürger wieder näher an den politischen Prozess zu führen – nachdem Hunderttausende Freizeitpolitiker vor drei Jahrzehnten im Zuge der Gebiets-, Regional- und Funktionalreform aus ihren Dorf- und Gemeinde-Parlamenten vertrieben worden waren.

Die Föderalismusreform ist die typische Frucht von Kommissionsgelehrten und unverblümtem Landesegoismus. Stoibers Enthusiasmus sollte Berlin als Warnung dienen: Der Mann, der in der Hauptstadt keine Machtperspektive sah, würde sie allzu gern nach München verlagern. Dem sollten die Abgeordneten des Bundestags entgegentreten– mit »wuchtigen Schritten«. Das Land hat andere Probleme. Die Schuld an fünf Millionen Arbeitslosen ist nicht der Verfassung anzulasten. Es kommt darauf an, sie zu verschonen.

 
Leser-Kommentare
    • etiam
    • 28.04.2006 um 7:43 Uhr

    Es fällt sehr schwer einzusehen, warum beispielsweise NRW oder Bayern, die jeweils mehr Einwohner haben, als jedes der skandinavischen Länder, keine eigenständigen Regierungen haben sollten, mit denen Sie beispielsweise auch in der EU vertreten sind. Es gibt sicher eine kritische Masse, unterhalb derer eine Eigenstaatlichkeit keinen Sinn macht (Stadtstaaten, Saarland, MeckPomm) grundsätzlich sehen wir aber am Bund, dass es auch eine Größe gibt, die der politischen Reformfähigkeit entgegensteht. Für mich als Steuerzahler ist aber das größte Problem, dass ich mir den europäischen und Bundesföderalismus zugleich nicht leisten will, da ja schon ein einstufiger Föderalismus ausreicht (zumal wenn es eine europäische Verfassung geben wird), um den ehrenwerten postnationalsozialistischen Gedanken der gegenseitigen Kontrolle zweier legislativer Instanzen belebt zu halten. Faktisch gibt es ja schon viele Bereiche, wo weder Bund noch Land nach EU-Recht noch verbleibende eigene Restlegislativkompetenz hätten.
    Eine klare Aufteilung der Kompetenz entweder zu 100% an die Länder (mit EU Vertretungsrecht soweit nötig) oder zu 100% an den Bund mit einer Doppelvertretung allein bei Verfassungsfragen, wäre ein Schritt in Richtung Abschaffung von Doppelföderalismus - dies mit markigen Begriffen aus der deutschen Vergangenheit zu verunglimpfen ist ja wohl nicht sachgerecht!

    • rohwer
    • 07.03.2006 um 16:35 Uhr

    in nicht einmal zehn jahren wird die geschichte diese veraenderung als karikatur im foerderalismus brandmarken. diese kleinliche kleinstaaterei hilft kurzsichtig den nur auf ihr territorium fixierten duodezfuersten. was bezweckt denn einer mit der staerkung der region? das volk als ganzes, haben diese herren doch laengst abgeschrieben. das mittelalter kehrt zurueck: teile und herrsche!

    • rawe64
    • 07.03.2006 um 14:20 Uhr

    Das aktuelle Bildungsgefälle in einen Zusammenhang mit "dem sozialen Kronjuwel" der Verfassung zu bringen, ist schlichtweg falsch argumentiert. Bildungspolitik ist bislang in erster Linie Ländersache gewesen. Und damit auch deren Ergebnis.

  1. Leider versaeumt es Herr Naumann zu erklaeren, was genau der Nachteil davon ist, wenn einzelne Felder, wie etwa der Bildungs- und Forschungsbereich, in die alleinige Zustaendigkeit der Laender gelangen bzw. dort verbleiben. Er erklaert eine Foederalisierung einfach pauschal fuer schlecht. Auch scheint sich Herr Naumann mit der Systematik der deutschen Verfassung nicht beschaeftigt zu haben: Das Grundgesetz geht nicht von einem Zentralstaat sondern von einem Zusammenschluss einzelner souveraener Laender aus. Die Zustaendigkeit des Bundes ist die systematische Ausnahme, das heisst es bedarf gewichtiger Gruende einen Bereich der Zustaendigkeit des Bundes zu uebertragen. Liegen diese nicht zweifellos vor, ist den Laendern die Zustaendigkeit zu belassen. Anfangs stimmte auch die Realitaet mit dieser Systematik ueberein. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Gewicht aber immer weiter in Richtung Bund verschoben. Diesen Prozess wieder umzukehren und die Verfassungswirklichkeit wieder vom Kopf auf die Fuesse zu stellen, halte ich fuer unabdingbar.

  2. Auch hier gefallen sich einige Kommentatoren in der Attitüde, alle Substantive kleinzuschreiben. Nun, jedem das Seine. Aber, liebe Kleinschreiber: ihr solltet Euch bewußt sein, daß Eure Texte dadurch weniger gelesen, schlechter verstanden und weniger ernstgenommen werden.

    Der Hauptgrund: Kleinschrieb stört den Lesefluß. Mir jedenfalls geht es so, und mehrere wissenschaftliche Studien belegen es (es gibt sogar eine, derzufolge selbst englische Muttersprachler einen englischen (!) Text mit Substantivgroßschreibung schneller lesen und besser rezipieren). Ich habe es mir daher zur Gewohnheit gemacht, Texte in Kleinschrieb grundsätzlich zu ignorieren, und ich vermute, daß ich da nicht der Einzige bin. Kleinschrieb ist eine Belästigung des Lesers - wie, sagen wir mal, Nuscheln am Telefon.

    Kleinschreiber setzten sich außerdem einem bestimmten Verdacht aus. Ungefähr wie ein Autofahrer, der auf der Autobahn notorisch mit 70 dahinzockelt, um für ein generelles Tempolimit zu demonstrieren. Solche Leute halten sich für ungeheuer fortschrittlich und merken nicht, daß sie sich einfach nur spießig benehmen -- indem sie ihre absolut gesetzten Überzeugungen unbedingt anderen Leuten aus Auge drücken wollen oder einfach eine skurrile Protzerei betreiben. Seht, wie intellektuell ich bin! Mag der Eindruck täuschen oder nicht: er ist da, und er wird dazu führen, daß so mancher Leser - selbst wenn er das Geschreibsel überfliegt - von vornherein eine Abwehrhaltung einnimmt.

    Psychologe wissen: niemand läßt sich gern ungefragt belehren. Jüngsten Zahlen zufolge lehnen über 90% der Bevölkerung selbst die (viel geringfügigeren) Korrekturen durch die sog. Rechtschreibreform ab. Wenn Eure Kommentare hier einen Sinn haben sollen, dann, liebe Kleinschreiber, verstehe ich nicht, warum ihr diesen 90% Eurer potentiellen Leser erst mal auf den Nerven herumtrampeln müßt.

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