Dies ist die kurze Geschichte einer Entgrenzung. Hat es sich endlich hinreichend herumgesprochen, dass der Irak, ja auch Iran oder Afghanistan in unserer Nähe sind, Nachbarn unseres Nachbarn Türkei? Dass ein "Gottesstaat" in Bagdad, ein vom verschärften Bürgerkrieg zerrissenes Land, ja sogar ein einigermaßen demokratisches Regime ein gewaltiges europäisches Problem bleiben werden noch lange, wenn die USA sich einmal zurückgezogen haben sollten?

Offenbar nicht, wenn der Vorwurf ernst gemeint ist, Angela Merkel verplempere ihre Zeit, weil sie draußen in der Welt bella figura machen wolle, während zu Hause wer weiß was anbrennt. Auch ihrem Vorgänger wurde gern nachgesagt, er flüchte auf die internationale Bühne, weil er sich dort so wunderbar frei entfalten könne. Beinahe unmerklich und doch radikal hat sich die Prioritätenskala verändert.

Wie hoch Polens Präsident Kaczyºski beim Besuch in Paris die "nationalen Interessen" hält und ob er endgültig das Weimarer Dreieck in den Mülleimer fegt, ob die Gaspipeline durch die Ostsee von einem Putin-Schröder-Projekt in eine konzertierte Energie-Aktion mit den Anrainern eingebettet werden kann, ob Moskau und Peking gegenüber Irans Ahmadineschad konsequent in der Frage des Kontrollregimes über das Uran bleiben – das sind längst keine Fragen einer "klassischen" Außenpolitik mehr. Es wirkt zurück, nicht zuletzt, aber auch nicht nur wegen der Öl- und Gaspreise. Doch über dem Reichstag liegt immer noch ein Hauch Provinzialismus.

Irgendwann, wenn neben Trauer und Wut wieder Luft bleibe für anderes, müsse "der Westen auch die Kraft zur Selbstkritik aufbringen", drängte knappe drei Tage nach dem 11. September Dieter Thomä (Süddeutsche Zeitung vom 14. September unter dem Titel Das Ende des Global Village). Der Terroranschlag, monierte der Philosophieprofessor, habe das globale Dorf zu Geiseln eines "kollektiven Differenzierungsverbots" gemacht.

Der 11. September war für sich eine gewaltige Zäsur, keine Frage. Aber der große Paradigmenwechsel ging bereits auf das Ende der Blocksysteme 1989 zurück. Und auf die gelobte, verpönte "Globalisierung". Es folgten die Auflösungskriege auf dem Balkan, parallel dazu aber auch Maastricht 1992, der Euro, die Jahrhundertentscheidung im Jahr 2000, acht Nachbarn im Osten (plus Zypern und Malta) aufzunehmen. Europa verlor seine Grenzen und erschrak denn auch über das hohe Tempo, in dem dies geschah. Die ironische, bittere Pointe: Ausgerechnet dort, wo dem Auseinanderdriftenden ein neuer Rahmen gegeben werden sollte, mit der Verfassung nämlich, bremsten Franzosen und Holländer im Frühsommer 2005. "Entgrenzung" nannte das Ulrich Beck treffend. Verschwunden ist nicht einfach die klassische Außenpolitik, verschwunden ist deren klassisches Sujet.

Tatsächlich war hinter den Kulissen in der Ära Schröder von der viel beschworenen "Berliner Republik" herzlich wenig zu erkennen, ja sie ist wohl die letzte Formel für eine nationale Fiktion. Mit seiner Beobachtung, Außen- und Innenpolitik seien nicht länger strikt zu trennen, traf Frank-Walter Steinmeier den Nagel also exakt auf den Kopf. Nur: Mit dem Drehen von Stellschrauben, sagt er, habe man im Kanzleramt doch wenigstens Einfluss auf manches nehmen können, im Auswärtigen Amt lasse sich auf die vielfach verflochtenen Prozesse ungleich schwieriger einwirken.