Sprache Do you play English?
Wissenschaftler debattieren darüber, wann das kindliche Gehirn reif für eine Fremdsprache ist. Jürgen M. Meisel forscht an der Universität Hamburg über die Sprachentwicklung bei Kindern und Elsbeth Stern untersucht unter anderem das Lernen in der frühen Kindheit am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
DIE ZEIT: Kinder werden heutzutage immer früher mit fremden Sprachen konfrontiert. Mehrsprachigkeit gilt als wichtiger Schlüssel beruflichen Erfolgs – im Fall vieler Migranten jedoch geradezu als Hindernis. Herr Meisel, wie viele Sprachen kann ein Kind erlernen?
JürgenMeisel: Das hat niemand wissenschaftlich getestet. Unzweifelhaft jedoch hat der Mensch eine Anlage zur Mehrsprachigkeit. Wer nur einsprachig aufwächst, lebt im Grunde in einem verarmten Umfeld: Er nutzt seine natürlichen Möglichkeiten nicht aus.
ElsbethStern: Beim Thema Sprachenlernen geht vieles in der Diskussion durcheinander. Man muss unterscheiden zwischen einem natürlichen Erwerb von mehr als einer Sprache in Familie oder Nachbarschaft – und dem organisierten Lernen einer Sprache etwa im Unterricht, mit Hilfe eines Lehrers. Wieder etwas anderes sind bilinguale Kindergärten oder Schulen. Immer haben wir es mit anderen Lernvorgängen zu tun, insbesondere was die Effektivität des Sprachenlernens angeht.
ZEIT: Allgemein gefragt: Welches ist der optimale Zeitpunkt zum Sprachenlernen?
Meisel: Da gilt das Prinzip »Je früher, desto besser«. Darüber sind sich mittlerweile alle Forscher einig. Entscheidend sind, denke ich, die ersten drei bis vier Lebensjahre. In dieser Zeit kann der Mensch eine weitere Sprache wie eine Muttersprache lernen. Danach beginnt sich das Sprachenlernen zu verändern. Andere Forscher setzen den Wendepunkt später an. Mit zehn Jahren jedoch ist es mit dieser Art des Erwerbs definitiv vorbei.
ZEIT: …da fangen die meisten erst an.
Meisel: Das heißt ja nicht, dass man später nicht mehr Englisch oder Chinesisch lernen kann. Ich habe alle meine Sprachen später gelernt. Die Qualität des Lernens ist jedoch eine andere.
ZEIT: Was bedeutet das?
Meisel: Alle Kinder erwerben ihre Muttersprachen im grammatischen Bereich komplett und relativ rasch. Ungefähr mit zwei beginnen sie Subjekt und Verb korrekt zu benutzen. Sie sagen »du gehst« und niemals »er gehst« oder »ich gehst«. Sie machen alle möglichen Fehler, aber diese nicht. Ebenso lernen sie die richtige Wortstellung im Satz, gebrauchen also »da liegt er« und nicht »da er liegt«. Diese grammatische Perfektion erreichen sie auch für eine weitere Sprache, die sie in den ersten Lebensjahren lernen – und zwar unabhängig von ihrer Intelligenz. Beim Zweitsprachenerwerb dagegen gibt es riesige individuelle Unterschiede. Man schätzt, dass nur zwischen fünf und zehn Prozent der Menschen fähig sind, eine fremde Sprache »perfekt« zu lernen. Ich kenne nichtdeutsche Professorenkollegen, die Jahrzehnte hier leben und immer noch sagen: »Morgen wir schreiben eine Klausur.«
ZEIT: Woran liegt das?
Meisel: Die Gründe dafür haben mit der Reifung des Gehirns zu tun. Von einem bestimmten Alter an verarbeitet das menschliche Gehirn die Informationen beim Sprachenlernen anders. Gemeinsam mit Neurologen vergleichen wir in Hamburg gerade zwei Gruppen: Franzosen und Deutsche, die im Laufe ihres Lebens die jeweils andere Sprache gelernt haben, mit Personen, die beide Sprachen als Kleinkinder simultan erworben haben. Wenn die erste Gruppe Französisch oder Deutsch spricht, werden jeweils leicht andere Sprachareale im Gehirn aktiviert, und die typischen Areale werden in der später gelernten Sprache stärker aktiviert. Bei den Bilingualen dagegen zeigen sich keine unterschiedlichen Bilder.
Stern: Ich bezweifle, dass es ein genetisches Programm gibt und dass sich in einem bestimmten Alter das Entwicklungsfenster schließt, weil das Gehirn an Plastizität verliert. Als Lernpsychologin vertrete ich eine andere These: Was ich lerne, hängt davon ab, was ich bereits kann.
ZEIT: Was heißt das für unsere Frage?
Stern: Dass das Fremdsprachenlernen mit zunehmendem Alter deshalb schwieriger wird, weil der Unterschied zur Muttersprache gewachsen ist. Thomas Mann hatte es da natürlich sehr schwer. Als der in die USA emigrierte, konnte er seine Romane auch nach Jahren nicht auf Englisch schreiben. Die Differenz zwischen seiner Sprachmächtigkeit im Deutschen und dem Englischen ließ sich nicht mehr aufholen. Ein Sechsjähriger dagegen, der in ein fremdes Land kommt, erreicht schnell das Niveau seiner Alterskameraden, weil diese ebenfalls noch nicht übermäßig eloquent sind. Er braucht nicht so viel aufzuholen.
ZEIT: Herr Meisel, Sie sagen, die Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit sei angeboren. Dennoch sind Eltern aus binationalen Ehen oft unsicher, ob sie ihrem Kind schaden, wenn sie es zweisprachig aufwachsen lassen. Zu Unrecht?
Meisel: Ich berate Eltern seit Jahren, und die Sorgen haben sich in der Tat kaum verändert. Gerade in Deutschland war man lange Zeit skeptisch gegenüber der Mehrsprachigkeit. Das Motto »Ein Volk, eine Sprache, ein Geist« wirkte hier lange nach 1945 noch fort. Die Wissenschaft jedoch hat seit langem schon eine eindeutige Antwort: Wer mit zwei oder drei Sprachen aufwächst, lernt diese wie andere Kinder, die nur mit einer Sprache konfrontiert werden. Ich spreche deshalb auch vom multiplen Erstsprachenerwerb. Zwar gibt es Hinweise dafür, dass Mehrsprachige leicht verzögert sprechen lernen. Doch das wächst sich lange vor der Schule aus. Kurzum: Zweisprachig aufwachsende Kinder haben keinerlei Nachteile.
Stern: Im Gegenteil. Es kann sogar über die Kenntnis zweier Sprachen hinaus stimulierend für Kinder sein. Meine Kollegin Ellen Bialystok aus Toronto hat gezeigt, dass Kinder, die zwei Sprachen gleichzeitig in der Familie lernen, kognitiv etwas weiter sind und auch beim Schriftspracherwerb Vorteile haben.
ZEIT: Aber gilt die Muttersprachlichkeit dann tatsächlich für beide Sprachen gleichzeitig?
Meisel: Für das Verstehen und den korrekten Gebrauch der Grammatik in jedem Fall. Bei dem Vokabular verhält es sich etwas anders. Da haben Kinder, die nur deutsch sprechen, einen größeren Wortschatz als solche, die zweisprachig aufgewachsen sind. Das liegt daran, dass das Kind nicht in allen Lebenssituationen beide Sprachen spricht. Wenn das Kind immer mit dem englischsprachigen Papa in den Zoo geht, wird es mehr Tiere auf Englisch benennen können als auf Deutsch.
ZEIT: Wie verhält es sich mit deutschen Eltern, die sehr gut eine andere Sprache sprechen und diese gern an ihre Kinder weitergeben möchten: Kann das funktionieren?
Meisel: Prinzipiell spricht nichts dagegen.
Stern: Ich würde es trotzdem nicht machen. Besonders für Kinder ist Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern Teil der Persönlichkeit. Wenn eine Mutter also mit dem Kind spanisch sprechen möchte, muss sie alles in dieser Sprache ausdrücken, auch spontane Gefühle wie Zärtlichkeit oder Zorn, und es darf nicht nur eine Idee sein, die man mal zwei Jahre macht und dann wieder lässt.
Meisel: Das heißt aber nicht – was man lange Zeit dachte –, dass in binationalen Familien ein Partner nur die eine Sprache gebrauchen darf und auf keinen Fall die andere, um das Kind nicht zu verwirren. Kinder verstehen ohne Probleme, dass der schwedischsprachige Vater Deutsch spricht, wenn Besuch da ist, der kein Schwedisch versteht. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kinder selbst beide Sprachen immer gern sprechen. Wir hatten in unserer Studie mit deutsch-französischen Kindern einige, die bis zu zehn Monate lang kein Französisch gesprochen haben. Irgendwann fingen sie wieder damit an und hatten in der Zwischenzeit sogar Fortschritte gemacht.
ZEIT: Kinder sind also schon kleine Sprachgenies. Da spricht doch alles dafür, den Fremdsprachenunterricht so früh wie möglich beginnen zu lassen.
Stern: Nein, ich bin da sehr skeptisch. Weder gelten in der Schule die Regeln des Spracherwerbs in der Familie, noch können wir den traditionellen Fremdsprachenunterricht – Vokabelstudium, Grammatiklernen – einfach in die Grundschule oder die Kita vorverlegen. Also macht man etwas anderes: Lieder singen, Abzählreime, Spielen, ein Buch vorlesen. Bisher gibt es aber keine Belege, dass dies irgendetwas nützt.
ZEIT: Gilt hier die Regel »Je früher, desto besser« also nicht?
Stern: Natürlich bekommen die Kinder ein paar fremde Worte mit. Doch was soll es darüber hinaus bringen, wenn eine Englischlehrerin ein-, zweimal die Woche im Kindergarten oder in der Schule ein paar Lieder singt und sagt: »The weather is fine, now we go outside.« Eine sinnvolle Didaktik für das frühe Sprachenlernen fehlt bislang weitgehend.
ZEIT: Aber schaden tut die Englischstunde nicht.
Stern: Wahrscheinlich nicht. Aber es ist ja auch eine finanzielle Frage und damit ein soziales Problem. Es wächst der Druck, seinem Kind möglichst viel anzubieten. Aus meinen Vorträgen zum frühen Lernen weiß ich, dass es Eltern gibt, die sich fragen, ob sie ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil sie den Englischkurs für ihr Kind nicht bezahlen können. Ich beruhige die Eltern und sage: Was die anderen Kinder lernen, kann Ihr Kind später in der Schule in kurzer Zeit nachholen. Wenn man die Alternative hat, draußen zu spielen oder Spanisch zu lernen, würde ich fürs Spielen plädieren.
ZEIT: Und Englisch in der Grundschule?
Stern: Die Einführung dieses Unterrichts finde ich unter den gegebenen Verhältnissen kontraproduktiv, weil er Kosten und Kräfte bindet, die man besser einsetzen könnte. Unsere Schulen sind so große Baustellen, dass man sich eigentlich nicht den Luxus erlauben kann, ein neues Fach zu etablieren, ohne dass wir eine Didaktik dafür haben oder die Effekte des Unterrichts kennen. Umgekehrt gibt es gute Konzepte für Mathematik oder den Sachunterricht, die nicht umgesetzt werden. Darauf sollten wir uns konzentrieren. Etwas anderes sind bilinguale Grundschulen oder Kitas, wo eine Erzieherin oder Lehrerin den ganzen Tag Englisch oder Französisch mit den Kindern spricht. Das erleichtert das spätere Fremdsprachenlernen sicherlich.
Meisel: Wir untersuchen gerade den französischen Kindergarten des Institut Français in Hamburg, wo die Kinder mit drei Jahren beginnen. Und da stellen wir fest, dass die deutschen Jungen und Mädchen mit fünf wesentlich besser Französisch können als Schüler nach zwei, drei Jahren Französischunterricht im Gymnasium. Das bringt also ganz enorm etwas.
ZEIT: Französisch ist hoch angesehen, für die Sprachen unserer Migranten scheint das nicht zu gelten. Warum nicht?
Stern: Da liegt das Problem doch ganz anders. Türkische Kinder lernen ja weder zu Hause noch außerhalb der Familie genügend Deutsch. Sie wachsen häufig gerade nicht zweisprachig auf. Bei ihnen muss man Gelegenheiten schaffen, dass sie deutsch sprechen.
ZEIT: Bis zum Schulhofverbot für Türkisch?
Meisel: Mit Sprachverboten erreicht man nichts. Zwar gilt in diesem Fall wie für alle Sprachen: So früh wie möglich und so viel wie möglich Deutsch. Aber das ist kein Votum etwa gegen Türkisch. Man sollte auch die Mehrsprachigkeit der Migranten als Chance verstehen und nicht nur immer als Problem. Warum zum Beispiel bietet man nicht viel mehr die Möglichkeit, neben Englisch als zweite oder dritte Fremdsprache Türkisch zu lernen?
Stern: Die Ressourcen sind nun einmal knapp. Und wenn die Alternative ist: Türkisch oder mehr Deutsch lernen, würde ich für Deutsch plädieren. Interessant ist das Beispiel Niederlande. Dort wurden lange Zeit auch die Herkunftssprachen in der Schule gepflegt. Jetzt setzt man ganz auf Holländisch. Das fängt an mit Spielgruppen, in denen niederländische Erzieherinnen mit den Kindern spielen und Lieder singen. Angeblich sollen bereits siebzig Prozent der Kleinkinder eine solche Gruppe besuchen. Nachdem sich zudem erwiesen hat, dass es keine Vorteile hat, in der Muttersprache Lesen und Schreiben zu lernen, gehen die Niederländer jetzt dazu über, nur noch in Holländisch zu alphabetisieren. Die Pflege der Herkunftssprachen wird zur Privatsache erklärt.
Meisel: Ich halte das für einen Fehler. Wenn Kinder ihre Herkunftssprache nicht lesen und schreiben können, wird sie verkümmern. Mit einem Küchentürkisch kann man jedoch wenig anfangen. Auch soziolinguistisch hat es etwas für sich, dass die Herkunftssprache in der Schule Anerkennung findet. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder, was wiederum eine wichtige Voraussetzung ist für einen Lernerfolg.
Stern:
In jedem Fall ist es wichtig, sich im Deutschunterricht auf die Sprache der Migranten einzustellen. Ein Lehrer müsste wissen, welche Fehler verstärkt von Migrantenkindern gemacht werden, weil ihre Herkunftssprache Türkisch oder Arabisch ist. Es lohnte sich, die Pädagogen dafür sensibel zu machen.
Jürgen M. Meisel forscht an der Universität Hamburg über die
Sprachentwicklung bei Kindern. Er ist Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs 538 "Mehrsprachigkeit". Der 1944 geborene Romanist ist Ehrendoktor der schwedischen Universität Lund
Elsbeth Stern war Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Leipzig. Seit 1997 ist sie Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die 48-Jährige untersucht dort unter anderem das Lernen in der frühen Kindheit
Die Fragen stellte Martin Spiewak
Die Internetseite von
Desi
(Deutsch Englisch Schülerleistungen International)
informiert
detailliert über die Beteiligten, das Konzept und die durchgeführten
Tests.
- Datum 10.12.2008 - 14:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Dr.med. Dietrich Meyer-Beeck
Facharzt für Kinderheilkunde i.R.
Paracelsusweg 2, 38440 Wolfsburg
Tel: 05361-42829 Fax: 848929
Mobil: 0170-3458720
Mail: dietrich.mb@t-online.de
ein sehr hilfreicher Artikel mit einem Webfehler in einer von Ihnen gestellten Frage: Bis zum Schulverbot für Türkisch?
Damit wiederholen Sie dem Sinne nach das Märchen, die Herbert-Hoover-Schule im Wedding habe ein solches Verbot erstmals ausgesprochen, wer sonst? Noch einmal: Niemand hat verboten oder will verbieten!! Es handelte sich - zur flächendeckenden Nachahmung dringend empfohlen - um eine per Schulkonferenz ausgesprochene Selbstverpflichtung zum Gebrauch des Deutschen als Betriebssystem, um bei 91% Ausländeranteil mit 13 Sprachen in einer Klasse überhaupt eine produktive Verständigung zu ermöglichen. Daß dies prima funktioniert , bezweifeln nur Böswillige oder Integrations-Drogis wie Claudia Roth.
Zeit/Spiegelleser wie ich leben ausgezeichnet mit hochkarätigem Meinungsjournalismus, erwarten aber pingeligen und kleinlichen Umgang mit Fakten!! Die tapfere wie intelligente Leiterin der besagten Schule
zu schützen sollte Verpflichtung sein. Und da gehört jedes Wort auf die Goldwaage . Wie das geht, kann man bei Alice Schwarzer gut studieren.
Die klare Diktion wie die Präzision der Antworten von Frau Prof. Stern haben mir sehr gut gefallen,man merkt pragmatische Kenntnis der Wirklichkeit.Zahlreiche Kommunen sind gerade im Begriff , ihre kargen Finanzmittel für Englisch im Kindergarten zu verplempern, anstatt sich um Deutsch für Migrantenkinder ab drei oder vier zu engagieren.Da kommen mir die Argumente von Frau Stern gerade recht.
Ich nehme den Artikel zum Anlaß, mehr von ihr zu lesen. Der Herr Meisel kommt mir etwas zu populistisch-geschmeidig daher eher als Vertreter des geschäftigen Stillstands..
Mit freundlichem Gruß
Ihr aufmerksamer Leser
Dietrich Meyer-Beeck
Der einzige Punkt, der mir für meine Praxis wichtig erschien, wurde widersprüchlich abgetan:
Stern: Nachdem sich zudem erwiesen hat, dass es keine Vorteile hat, in der Muttersprache Lesen und Schreiben zu lernen,...
Meisel: Ich halte das für einen Fehler. Wenn Kinder ihre Herkunftssprache nicht lesen und schreiben können, wird sie verkümmern.
Was jetzt? Soll ich meine Schüler zum Besuch des muttersprachlichen Unterrichts(Türkisch) anregen oder nicht?
Die Argumente für die schulische Praxis (sofern sie weder auf den politischen Überlegungen noch auf den vorhandenen Ressourcen gründen) sind fadenscheinig. Man wird regelmäßig in den Strudel der Begriffe von Erst- und Zweit- und Drittsprache gezogen und das macht nur noch ratlos.
Offensichtlich gibt es keine sprachwissenschaftlich begründeten Leitlinien, die sich geradewegs auf die Lebenssituation unserer Schulkinder aus türkischen Migrantenfamilien beziehen. Die real existierende "Kanaksprak" wird weder in ihrer Notwendigkeit im Alltag noch in ihren Auswirkungen aufs Deutschlernen untersucht. Man fragt: Wie sprechen Sie zu Hause? und erhält die Antwort "deutsch". Man fragt: Spricht Ihr Kind gut "deutsch"? und die Antwort heißt: "Ja, sehr gut."
Und daraus werden dann Folgerungen abgeleitet.
Schlampige Grundlagenforschung, das.
aber mein 5 jaehriger Enkel wohnt in USA und hat kein Problem mit der Landessprache,lernt im KIGA dazu noch Spanisch und ich bringe ihm Deutsch bei...manchmal unterlaufen ihm Fehler -er spricht deutsch im KIGA -aber es ist ihm moeglich nahtlos von einer Sprache auf die andere ueber zu gehen.Ich denke weil es ihm nicht bewusst ist dass er lernt, fuer ihn ist es ein Spiel.
Ich kann z.Zt. verfolgen, wie meine 2-jährige Enkelin zwei Muttersprachen erwirbt. Die beiden Eltern sprechen immer mit der kleinen Stella ihre eigene Muttersprache, nämlich Schwedisch bzw. Finnisch. Stella kann sehr wohl beide Sprachen benutzen, und weiss auch welche Oma und Opa welche Sprache spricht. Das Wechseln von einer Sprache in die andere geschieht blitzschnell. In der Kita wird Schwedisch gesprochen.
Meine eigene Erfahrung vom Aufwachsen in einer zweisprachigen Umgebung (Schwedisch mit den Eltern und in der Schule, Finnisch überall sonst) ist, dass das frühe Erlernen zweier Sprachen sehr wohl nützlich ist. Insbesondere wenn die beiden Sprachen ganz anders aufgebaut sind. Finnisch ist keine indoeuropäische Sprache, und hat damit eine völlig andersartige Grammatik als die meisten Europäischen Sprachen. Ich habe später gefunden, dass dies das Erlernen weiterer Sprachen sehr erleichtert hat.
wie kb26919 und chnykopp, gerade 3 Monate alt, es spricht in mehreren Sprachen und wechselt mühelos zwischen den Sprachen hin und her. Der Vater ist Deutscher, die Mutter Italienerin, mein Enkelchen besucht derzeit die Kinderkrippe in Spanien. Da wird vor allem spanisch gesprochen.
Na, wer sagt´s denn?
Allererste Hinweise auf die Problematik, die ich kürzlich aufgegriffen habe, trudeln ein:
http://www.spiegel.de/uni...
daraus:
Damit das "Eintauchen" in die fremde Sprache jedoch funktioniert, müssen laut Wode bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. "Die Muttersprache darf nicht beeinträchtigt sein - die stärkere muss der Schlüssel für die schwächere Sprache sein." Probleme könne es etwa bei Migrantenkindern geben, die weder ihre Heimatsprache noch Deutsch sicher sprechen können. Sie müssen laut Wode zunächst in ihrer Muttersprache gefördert werden. "Danach lernen sie dann aber umso schneller."
Und wieviel Jahre setzen wir dafür an?
PS natürlich hab ich gar kein Enkelkind ... mich amüsierte nur die Euphorie, mit der kleine Ausschnitte der Realität immer wieder vorgelegt werden als wären sie neu, und als taugten sie als Beispiele für mehr.
ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...
"Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen
VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.
Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."
ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...
"Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen
VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.
Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."
Ich habe nicht die Absicht, Zweifel an der Nützlichkeit des Erlernens mehrerer Sprachen vorzutragen. Natürlich klappt das ... aber klappt es immer?
Wie wir inzwischen wissen, klappt es in vielen türkischen Familien nicht/immer weniger.
Zweisprachig aufwachsen kann ein Lernhemmnis ersten Ranges sein, zum Beispiel dann, wenn beide Sprachen (sowohl türkisch als auch deutsch) nicht gut gesprochen werden und die sogenannte "Kanaksprak" als Hilfssprache in regen Gebrauch kommt.
Meines Wissens wurde noch nicht sprachwissenschaftlich untersucht, wie Kinder von "Kanaksprak" (die sie sprechen, in der sie denken und träumen) zu einem guten Deutsch gelangen können. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn sowohl die Eltern als auch die Kinder der Auffassung sind, eigentlich gut deutsch zu sprechen.
(Für Hinweise auf Untersuchungen guck ich gerne immer wieder mal hier rein.)
ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...
"Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen
VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.
Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."
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