Sprache Do you play English?Seite 4/4

Meisel: Mit Sprachverboten erreicht man nichts. Zwar gilt in diesem Fall wie für alle Sprachen: So früh wie möglich und so viel wie möglich Deutsch. Aber das ist kein Votum etwa gegen Türkisch. Man sollte auch die Mehrsprachigkeit der Migranten als Chance verstehen und nicht nur immer als Problem. Warum zum Beispiel bietet man nicht viel mehr die Möglichkeit, neben Englisch als zweite oder dritte Fremdsprache Türkisch zu lernen?

Stern: Die Ressourcen sind nun einmal knapp. Und wenn die Alternative ist: Türkisch oder mehr Deutsch lernen, würde ich für Deutsch plädieren. Interessant ist das Beispiel Niederlande. Dort wurden lange Zeit auch die Herkunftssprachen in der Schule gepflegt. Jetzt setzt man ganz auf Holländisch. Das fängt an mit Spielgruppen, in denen niederländische Erzieherinnen mit den Kindern spielen und Lieder singen. Angeblich sollen bereits siebzig Prozent der Kleinkinder eine solche Gruppe besuchen. Nachdem sich zudem erwiesen hat, dass es keine Vorteile hat, in der Muttersprache Lesen und Schreiben zu lernen, gehen die Niederländer jetzt dazu über, nur noch in Holländisch zu alphabetisieren. Die Pflege der Herkunftssprachen wird zur Privatsache erklärt.

Meisel: Ich halte das für einen Fehler. Wenn Kinder ihre Herkunftssprache nicht lesen und schreiben können, wird sie verkümmern. Mit einem Küchentürkisch kann man jedoch wenig anfangen. Auch soziolinguistisch hat es etwas für sich, dass die Herkunftssprache in der Schule Anerkennung findet. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder, was wiederum eine wichtige Voraussetzung ist für einen Lernerfolg.

Stern: In jedem Fall ist es wichtig, sich im Deutschunterricht auf die Sprache der Migranten einzustellen. Ein Lehrer müsste wissen, welche Fehler verstärkt von Migrantenkindern gemacht werden, weil ihre Herkunftssprache Türkisch oder Arabisch ist. Es lohnte sich, die Pädagogen dafür sensibel zu machen.

Jürgen M. Meisel forscht an der Universität Hamburg über die Sprachentwicklung bei Kindern. Er ist Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs 538 "Mehrsprachigkeit". Der 1944 geborene Romanist ist Ehrendoktor der schwedischen Universität Lund

Elsbeth Stern war Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Leipzig. Seit 1997 ist sie Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die 48-Jährige untersucht dort unter anderem das Lernen in der frühen Kindheit 

Die Fragen stellte Martin Spiewak


Die Internetseite von Desi (Deutsch Englisch Schülerleistungen International) informiert detailliert über die Beteiligten, das Konzept und die durchgeführten Tests.

 
Leser-Kommentare
  1. Dr.med. Dietrich Meyer-Beeck
    Facharzt für Kinderheilkunde i.R.
    Paracelsusweg 2, 38440 Wolfsburg
    Tel: 05361-42829 Fax: 848929
    Mobil: 0170-3458720
    Mail: dietrich.mb@t-online.de

    ein sehr hilfreicher Artikel mit einem Webfehler in einer von Ihnen gestellten Frage: Bis zum Schulverbot für Türkisch?
    Damit wiederholen Sie dem Sinne nach das Märchen, die Herbert-Hoover-Schule im Wedding habe ein solches Verbot erstmals ausgesprochen, wer sonst? Noch einmal: Niemand hat verboten oder will verbieten!! Es handelte sich - zur flächendeckenden Nachahmung dringend empfohlen - um eine per Schulkonferenz ausgesprochene Selbstverpflichtung zum Gebrauch des Deutschen als Betriebssystem, um bei 91% Ausländeranteil mit 13 Sprachen in einer Klasse überhaupt eine produktive Verständigung zu ermöglichen. Daß dies prima funktioniert , bezweifeln nur Böswillige oder Integrations-Drogis wie Claudia Roth.
    Zeit/Spiegelleser wie ich leben ausgezeichnet mit hochkarätigem Meinungsjournalismus, erwarten aber pingeligen und kleinlichen Umgang mit Fakten!! Die tapfere wie intelligente Leiterin der besagten Schule
    zu schützen sollte Verpflichtung sein. Und da gehört jedes Wort auf die Goldwaage . Wie das geht, kann man bei Alice Schwarzer gut studieren.
    Die klare Diktion wie die Präzision der Antworten von Frau Prof. Stern haben mir sehr gut gefallen,man merkt pragmatische Kenntnis der Wirklichkeit.Zahlreiche Kommunen sind gerade im Begriff , ihre kargen Finanzmittel für Englisch im Kindergarten zu verplempern, anstatt sich um Deutsch für Migrantenkinder ab drei oder vier zu engagieren.Da kommen mir die Argumente von Frau Stern gerade recht.
    Ich nehme den Artikel zum Anlaß, mehr von ihr zu lesen. Der Herr Meisel kommt mir etwas zu populistisch-geschmeidig daher eher als Vertreter des geschäftigen Stillstands..

    Mit freundlichem Gruß
    Ihr aufmerksamer Leser
    Dietrich Meyer-Beeck

  2. Der einzige Punkt, der mir für meine Praxis wichtig erschien, wurde widersprüchlich abgetan:

    Stern: Nachdem sich zudem erwiesen hat, dass es keine Vorteile hat, in der Muttersprache Lesen und Schreiben zu lernen,...

    Meisel: Ich halte das für einen Fehler. Wenn Kinder ihre Herkunftssprache nicht lesen und schreiben können, wird sie verkümmern.

    Was jetzt? Soll ich meine Schüler zum Besuch des muttersprachlichen Unterrichts(Türkisch) anregen oder nicht?

    Die Argumente für die schulische Praxis (sofern sie weder auf den politischen Überlegungen noch auf den vorhandenen Ressourcen gründen) sind fadenscheinig. Man wird regelmäßig in den Strudel der Begriffe von Erst- und Zweit- und Drittsprache gezogen und das macht nur noch ratlos.

    Offensichtlich gibt es keine sprachwissenschaftlich begründeten Leitlinien, die sich geradewegs auf die Lebenssituation unserer Schulkinder aus türkischen Migrantenfamilien beziehen. Die real existierende "Kanaksprak" wird weder in ihrer Notwendigkeit im Alltag noch in ihren Auswirkungen aufs Deutschlernen untersucht. Man fragt: Wie sprechen Sie zu Hause? und erhält die Antwort "deutsch". Man fragt: Spricht Ihr Kind gut "deutsch"? und die Antwort heißt: "Ja, sehr gut."
    Und daraus werden dann Folgerungen abgeleitet.

    Schlampige Grundlagenforschung, das.

  3. aber mein 5 jaehriger Enkel wohnt in USA und hat kein Problem mit der Landessprache,lernt im KIGA dazu noch Spanisch und ich bringe ihm Deutsch bei...manchmal unterlaufen ihm Fehler -er spricht deutsch im KIGA -aber es ist ihm moeglich nahtlos von einer Sprache auf die andere ueber zu gehen.Ich denke weil es ihm nicht bewusst ist dass er lernt, fuer ihn ist es ein Spiel.

  4. Ich kann z.Zt. verfolgen, wie meine 2-jährige Enkelin zwei Muttersprachen erwirbt. Die beiden Eltern sprechen immer mit der kleinen Stella ihre eigene Muttersprache, nämlich Schwedisch bzw. Finnisch. Stella kann sehr wohl beide Sprachen benutzen, und weiss auch welche Oma und Opa welche Sprache spricht. Das Wechseln von einer Sprache in die andere geschieht blitzschnell. In der Kita wird Schwedisch gesprochen.

    Meine eigene Erfahrung vom Aufwachsen in einer zweisprachigen Umgebung (Schwedisch mit den Eltern und in der Schule, Finnisch überall sonst) ist, dass das frühe Erlernen zweier Sprachen sehr wohl nützlich ist. Insbesondere wenn die beiden Sprachen ganz anders aufgebaut sind. Finnisch ist keine indoeuropäische Sprache, und hat damit eine völlig andersartige Grammatik als die meisten Europäischen Sprachen. Ich habe später gefunden, dass dies das Erlernen weiterer Sprachen sehr erleichtert hat.

  5. wie kb26919 und chnykopp, gerade 3 Monate alt, es spricht in mehreren Sprachen und wechselt mühelos zwischen den Sprachen hin und her. Der Vater ist Deutscher, die Mutter Italienerin, mein Enkelchen besucht derzeit die Kinderkrippe in Spanien. Da wird vor allem spanisch gesprochen.
    Na, wer sagt´s denn?

  6. Allererste Hinweise auf die Problematik, die ich kürzlich aufgegriffen habe, trudeln ein:
    http://www.spiegel.de/uni...

    daraus:
    Damit das "Eintauchen" in die fremde Sprache jedoch funktioniert, müssen laut Wode bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. "Die Muttersprache darf nicht beeinträchtigt sein - die stärkere muss der Schlüssel für die schwächere Sprache sein." Probleme könne es etwa bei Migrantenkindern geben, die weder ihre Heimatsprache noch Deutsch sicher sprechen können. Sie müssen laut Wode zunächst in ihrer Muttersprache gefördert werden. "Danach lernen sie dann aber umso schneller."

    Und wieviel Jahre setzen wir dafür an?

    PS natürlich hab ich gar kein Enkelkind ... mich amüsierte nur die Euphorie, mit der kleine Ausschnitte der Realität immer wieder vorgelegt werden als wären sie neu, und als taugten sie als Beispiele für mehr.

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    ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...

    "Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
    Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen

    VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.

    Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."

    ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...

    "Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
    Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen

    VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.

    Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."

  7. Ich habe nicht die Absicht, Zweifel an der Nützlichkeit des Erlernens mehrerer Sprachen vorzutragen. Natürlich klappt das ... aber klappt es immer?

    Wie wir inzwischen wissen, klappt es in vielen türkischen Familien nicht/immer weniger.

    Zweisprachig aufwachsen kann ein Lernhemmnis ersten Ranges sein, zum Beispiel dann, wenn beide Sprachen (sowohl türkisch als auch deutsch) nicht gut gesprochen werden und die sogenannte "Kanaksprak" als Hilfssprache in regen Gebrauch kommt.

    Meines Wissens wurde noch nicht sprachwissenschaftlich untersucht, wie Kinder von "Kanaksprak" (die sie sprechen, in der sie denken und träumen) zu einem guten Deutsch gelangen können. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn sowohl die Eltern als auch die Kinder der Auffassung sind, eigentlich gut deutsch zu sprechen.

    (Für Hinweise auf Untersuchungen guck ich gerne immer wieder mal hier rein.)

  8. ebenfalls bei spiegel online fand ich soeben einen passenden artikel: http://www.spiegel.de/sch...

    "Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.
    Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen

    VERBESSERN SICH KINDER VORALLEM DANN, WENN AUCH IHRE MUTTERSPRACHE GEFÖRDERT WIRD.

    Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel."

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