Landtagswahlen Jetzt mal ehrlich
In Sachsen-Anhalt wagt der SPD-Spitzenkandidat Jens Bullerjahn einen riskanten Wahlkampf
Magdeburg
Jens Bullerjahn steht in der Rettungsleitstelle Jerichower Land, er soll Wahlkampf machen. Der Landrat ist da und der Bürgermeister, die Angestellten der Rettungsleitstelle präsentieren stolz ihre moderne Technik. Sie alle wollen gern vom SPD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt ein Lob hören. »Vier Ortsfeuerwehren auf 2000 Einwohner – das wird sich auf Dauer keiner mehr leisten können«, sagt Bullerjahn. Die Funktionäre schlucken, die Leitstellenmitarbeiter schauen ungläubig. »Jens, das war aber ein bisschen grenzwertig«, sagt der SPD-Wahlkreiskandidat Matthias Graner im Hinausgehen. »Wieso«?, fragt Bullerjahn. »Na, die erzählen jetzt: Der von der SPD will die Feuerwehren abschaffen«, sagt Graner. »Aber das hab’ ich doch schon immer gesagt«, entgegnet Bullerjahn. Gerade hat er seiner Partei mal wieder einiges zugemutet. Er sieht zufrieden aus.
Noch vor zwei Jahren hätte auf die SPD in Sachsen-Anhalt keiner einen Pfifferling gegeben, inzwischen fragen sich die Kommentatoren, ob Bullerjahn nach der Wahl am 26. März als Juniorpartner oder sogar als Ministerpräsident in einer Großen Koalition vertreten sein wird. Und die Bundes-SPD erhofft sich aus Sachsen-Anhalt den Beleg dafür, dass sie zugewinnen kann, obwohl die Große Koalition in Berlin bisher zu ihren Lasten gegangen ist.
Der Hoffnungsträger hört gern AC/DC, Metallica und Deep Purple, und er fährt privat eine rote Suzuki, aber er sieht eher wie ein Betriebsratsvorsitzender aus als ein Easy Rider. Man unterschätzt ihn leicht. Wie Angela Merkel und Matthias Platzeck gehört Bullerjahn zu einem neuen Politiker-Typus: Post-DDR- aber eben auch Post-BRD-geprägt, unsentimental, pragmatisch, unmodisch und zugleich moderner als das westdeutsch dominierte Establishment. Modern vor allem in der Entschlossenheit, den heimlichen Vertrag aufzubohren, den Politik und Wähler in der Vergangenheit zu oft geschlossen hatten: Ihr versprecht uns das Blaue vom Himmel herunter, zur Belohnung wählen wir euch.
Leute, macht euch Sorgen, und zwar große, ist die Botschaft von Jens Bullerjahn. Denn wenn sich nicht schnell etwas ändert, haben wir bald kein Geld mehr, keine Kinder, keine Arbeit, keine Zukunft. Deshalb will Bullerjahn in den nächsten Jahren rund 25000 Stellen im öffentlichen Dienst abbauen, die Wirtschaftsförderung konzentrieren, sprich kürzen und im Haushalt mehr sparen als die schwarz-gelbe Regierung. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse werde es nie so geben, wie viele im Osten sie immer verstanden haben. »Eine hohe Arbeitslosigkeit«, sagt der studierte Ingenieur, »wird für lange Zeit unser Begleiter sein.« Nicht mal vor der Abschaffung des Landes schreckt der Ministerpräsidenten-Kandidat zurück, er will Sachsen-Anhalt mit Thüringen und Sachsen in einem Mitteldeutschland aufgehen lassen. »Ah, da kommt ja der Apologet der Finsternis«, wird er deshalb schon mal von Regierungschef Wolfgang Böhmer verspottet.
Das Erstaunliche ist nicht, dass Bullerjahn all das sagt, was er sagt. Das Erstaunliche ist, dass er es öffentlich tut. Aus reiner Notwehr, behauptet der Kandidat. Schließlich ziehe er seit vier Jahren mit seinem Programm »Sachsen-Anhalt 2020« durch die Lande, da könne er jetzt schlecht das Gegenteil verkünden. Das Programm entstand, als noch nicht absehbar war, dass Bullerjahn bei der nächsten Wahl der Spitzenkandidat seiner Partei sein könnte. Nach vier Jahren »Magdeburger Modell«, einer von der PDS tolerierten SPD-Minderheitenregierung in Sachsen-Anhalt, war die SPD 2002 bei 20 Prozent angekommen und hinter der PDS. Die Partei war zerstritten, verzettelte sich in Nabelschau-Debatten.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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