Schule
»Voilà, Louis XIV«
Bilinguale Schulen unterrichten Fremdsprachen ganz nebenbei, zum Beispiel in Geschichte. Mit großem Erfolg
Madame Kerns Klasse hat heute in der fünften Stunde Geschichte und lernt etwas über den Gründer ihrer Stadt, König Louis XIV von Frankreich. Madame Kern teilt ein Blatt aus, auf dem der Sonnenkönig den linken Fuß in die Bildmitte hält und seinen plüschbehängten Arm auf ein Zepter stützt. Sie fordert die Klasse auf, es sich anzuschauen: Die Schüler schauen kurz und fangen an zu kichern. Madame schreibt an die Tafel: Marcus, ein Junge aus der letzten Reihe, beugt sich ein wenig vor und wühlt dem Jungen vor ihm mit dem Füller in den Haaren herum. »Lass das!«, brummt der. Auf Deutsch, mit breitem saarländischen Akzent. Die 8b des Robert-Schuman-Gymnasiums in Saarlouis ist eine bilinguale Klasse. »Französisch lernen wir seit der Fünften«, sagt Marcus später in der Pause. »Vor Geschichte hatten wir schon Erdkunde auf Französisch.«

Erdkunde heißt in zweisprachigen Schulen "Geography"
Dass bilingual unterrichtete Schülerinnen und Schüler Fremdsprachen besser lernen, ist der Sinn dieser Unterrichtsform. Ihr Vorsprung gegenüber den Schülern ohne bilinguale Bildung ist gewaltig, berichten Bildungsexperten. Das Wachstum des zweisprachigen Unterrichts in Deutschland ist es ebenfalls: Geschätzte 600 Schulen bieten mittlerweile einen »bilingualen Zug« an, 1998 waren es nur 390. Diese Schüler haben einen größeren Wortschatz, sind besser in der Aussprache, sie trauen sich, eher und mehr in der Fremdsprache zu sprechen, sind sicherer im Umgang mit Redewendungen, sie verstehen die gesprochene Fremdsprache besser, sie können schneller und genauer fremde Texte lesen. Doch trotz Hunderter neuer Angebote: Gerade einmal 1,5 Prozent der deutschen Schulen haben bilinguale Züge.
Am Robert-Schuman-Gymnasium wird seit 16 Jahren zweisprachig unterrichtet. Anders als das deutsch-französische Gymnasium im nahen Saarbrücken ist es keine binationale Schule, sondern ein deutsches Gymnasium mit speziellem Angebot. Außer an diesen beiden Schulen können Kinder im Saarland schon im Kindergarten, an 50 Grundschulen, zwei erweiterten Gymnasien, einer Gesamtschule und sieben weiteren Gymnasien bilingual Französisch lernen. An drei Gymnasien gibt es ein englisch-bilinguales Angebot.
Für ganz Deutschland existieren derzeit nur Schätzungen, die genaue Zahl bilingualer Angebote ist seit 1998 nicht mehr ermittelt worden. Viele Bundesländer führen ihre eigenen Statistiken. Erst in der kommenden Woche wird die Kultusministerkonferenz wieder einen Bericht veröffentlichen, in dem alle Schulen gezählt wurden, die einen bilingualen Zug anbieten. Neben Englisch und Französisch gibt es einzelne Angebote in Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Dänisch, Russisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch. Bei vielen dieser Schulen wird jedoch die Sprache einer Minderheit (zum Beispiel Dänisch in Schleswig-Holstein) gelehrt. Oder sie sollen der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund dienen. Den ersten zweisprachigen Zug Deutschlands startete 1969 das Gymnasium am Hohentwiel in Singen, auch auf Französisch. Ein »Zug« bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler das bilinguale Angebot bis zum Abschluss belegen können. Darüber hinaus bieten viele Schulen so genannte bilinguale Module an: Wenn es zum Beispiel in Geschichte um die amerikanische Unabhängigkeitserklärung geht, ist die Sprache während der Stunden für ein paar Wochen Englisch. Seit Ende der achtziger Jahre boomen die englischsprachigen Schulen, ihre Zahl übersteigt die der französischen mittlerweile um das Dreifache.
Am Robert-Schuman-Gymnasium in Saarlouis lernte am Anfang nur eine Klasse bilingual, heute sind es zwei von fünf pro Jahrgang. In Schuljahr fünf und sechs besuchen die Schüler Vorbereitungskurse mit erhöhter Stundenzahl, um in Französisch richtig fit zu werden; im siebten Jahrgang startet Geografie bilingual, im achten kommt Geschichte dazu. Nächstes Jahr, in der neunten Klasse, werden Marcus und die anderen aus der 8b auch in Politik Französisch sprechen. Wenn er will, kann er am Ende im Jahr 2010 das »Abi-Bac« machen. Zusätzlich zum deutschen Abitur legen die Schüler dabei Prüfungen für das französische Baccalauréat ab, das Gymnasium bietet dies seit sechs Jahren an, pro Jahrgang machen rund 15 Schülerinnen und Schüler den Doppelabschluss.
Mit dem Abi-Bac können die Schüler auch in Frankreich studieren
»Viele nutzen das Abi-Bac, um in Frankreich oder an zweisprachigen Universitäten hier in der Gegend zu studieren«, sagt der stellvertretende Schulleiter Manfred Kontz. »Außerdem brauchen ständig Firmen und Betriebe von hier gut ausgebildete Schüler, die in beiden Sprachen sicher sind.« Kontz steht vor einer Tafel der Dauerausstellung, welche seine Schule ihrem Namenspatron Robert Schuman gewidmet hat. »Schuman hat fünf Sprachen beherrscht: Deutsch, Französisch, Latein, Griechisch und«, Kontz fängt an zu schmunzeln, »Luxemburgisch, also Moselfränkisch. Und er war der erste Abi-Bac-Schüler.« Schuman hat zuerst in Luxemburg seine französische und danach in Metz seine deutsche Reifeprüfung abgelegt. Er wurde später französischer Außenminister und Ministerpräsident und gilt mit Jean Monnet als einer der Gründerväter der Europäischen Union.
Das Schuman-Gymnasium steht mit einem halben Dutzend Schulen aus Frankreich und den USA in engem Kontakt, die Schüler besuchen sich regelmäßig, die Lehrerinnen und Lehrer treffen sich einmal pro Halbjahr mit ihren Kollegen des Lycée Poncelet aus Saint-Avold und besprechen, was sie zusammen machen wollen.
Durch solche Angebote würden die Schüler »zu Mittlern zwischen den Kulturen«, sagt Hans Krechel, der seit 18 Jahren am Gymnasium Kreuzgasse in Köln bilingual Französisch unterrichtet. Außerdem bildeten sie durch die Themen des Unterrichts »einen Fachwortschatz, den andere Schüler nicht haben. Die Bilingualen gehen ganz anders mit dem Lehrmaterial um: Da sie nicht alles sofort verstehen, müssen sie sich länger damit beschäftigen, sie müssen sich stärker konzentrieren und durchdringen es besser.« Für die Lehrerinnen und Lehrer in solchen Klassen sei es wichtig, die Fehler der Schüler nicht sofort zu korrigieren, sondern zu versuchen, sie dazu zu motivieren, aus dem Kontext auf die richtige Lösung zu schließen. Hans Krechel hat neben dem Unterricht den ersten bilingualen Zusatzstudiengang für Lehramtsstudierende an der Bergischen Universität Wuppertal mit aufgebaut und engagiert sich für bilinguales Lernen, seitdem er als Deutschlehrer in Paris plötzlich Geografie unterrichten sollte, weil ein Kollege ausgefallen war.
In der deutlichen Mehrzahl wird bilingualer Unterricht in Deutschland an Gymnasien angeboten. Aber auch einige Realschulen erweitern ihr Angebot, meist durch die private Initiative einzelner Pädagogen. »Wir wollen unseren Schülern das bieten, was sonst nur die Gymnasien können«, sagt Anne-Kristin Blöß. Sie unterrichtet an der Realschule St. Jürgen in Lübeck Englisch. Und ihre Kollegin Barbara Mindner fügt hinzu: »Auch die starken Schüler hier sollen gefördert werden. Die, welche nach der Realschule noch weiter zum Gymnasium wollen oder sogar studieren.«
In Schleswig-Holstein gibt es sieben weitere Angebote an Realschulen, an Gymnasien 20, an Grundschulen zwei. Das ist, gemessen an der Gesamtschülerzahl des Bundeslandes, im Vergleich schon überdurchschnittlich viel, der Landtag von Schleswig-Holstein hat am vergangenen Freitag darüber debattiert, wie das Angebot noch ausgeweitet werden kann.
Die Idee für einen bilingualen Zweig an der Realschule St. Jürgen hatten Anne-Kristin Blöß und Barbara Mindner zusammen mit ihrer Kollegin Susanne Prüser vor sieben Jahren. Die Lehrerinnen hatten sich auf Fortbildungen und Seminaren fit für das bilinguale Unterrichten gemacht und begannen mit den anderen Englischlehrern der Schule den Zweig langsam aufzubauen.
Am Anfang gab es Widerstände zu überwinden: Die Kollegen aus den anderen Fächern fürchteten eine Elitebildung in den bilingualen Klassen, andere meinten, der Unterricht ginge auf Kosten des Fachunterrichts. Außerdem musste ein formeller Antrag an das Kultusministerium gestellt werden, und es fehlte vor allem das Geld für englischsprachige Atlanten und Schulbücher. Anne-Kristin Blöß schrieb deshalb einen Brief an Lübecker Firmen, stellte ihnen das bilinguale Modell vor – und hatte tatsächlich Erfolg, sie bezahlten zumindest einen Teil der Bücher.
Das Kultusministerium spendet Lob, aber kein Geld
Im Frühjahr 2001 genehmigte das Kultusministerium ihren Antrag und bewilligte eine halbe zusätzliche Stelle. Nach dem Sommer konnte der Unterricht beginnen. »Eigentlich sind wir aber immer noch in der Erprobungsphase«, sagt Susanne Prüser. Ihre Arbeitszettel, Karten und Diagramme für den bilingualen Erdkundeunterricht muss sie wie ihre Kolleginnen selbst suchen, zusammenstellen und -schreiben. Für die neunte Klasse hat sie gerade eine komplette Unterrichtseinheit über den wirtschaftlichen Umbruch in China selbst hergestellt, denn für Gymnasien gibt es zwar mittlerweile einige Schulbücher, aber das, was da drinsteht, »muss für die Realschule noch angepasst oder verändert werden«.
Wie in Saarlouis werden die Schüler mit einem zweijährigen Kurs auf den zweisprachigen Unterricht vorbereitet. In der siebten und achten Klasse geht es dann los mit Erdkunde oder Geschichte auf Englisch. Eine Möglichkeit, den Unterricht durch ein Zertifikat zu honorieren, gibt es bislang nicht. Es fehlt auch noch der Kontakt zu einer Schule im englischsprachigen Ausland, weil »da von englischer Seite bisher, vielleicht aufgrund mangelnder Deutsch-Kenntnisse, kein Interesse bestand«, sagt Anne-Kristin Blöß. Trotzdem wollen jedes Jahr fast doppelt so viele Eltern ihre Kinder an St. Jürgen bilingual lernen lassen, wie es Plätze in der Klasse gibt. »Wir würden sehr gerne eine zusätzliche Klasse pro Jahrgang anbieten«, sagt Blöß, aber das Geld fehle für mehr Lehrer, die halbe Stelle für den bilingualen Unterricht sei wieder um einige Stunden zusammengestrichen worden. Und wenn zum Beispiel Susanne Prüser wegen Krankheit nicht kommen könne, würde der bilinguale Erdkundeunterricht ganz ausfallen.
Bei Susanne Prüser im Vorbereitungskurs sitzen Kinder, die das Glück hatten, einen Platz zu bekommen. Vor der Tafel steht eine Karte der Britischen Inseln. Natascha, elf Jahre, steht mit dem Zeigestock daneben und erzählt, wie das Wetter morgen in Manchester wird: »Ladies and gentlemen, here is the weather report for today. In the morning it is foggy and the temperature is about two degrees. Thank you!«Natürlich gehört Mut dazu, vor der ganzen Klasse auf Englisch das Wetter vorherzusagen. Doch der bilinguale Unterricht stärkt die jungen Schüler offenbar: Nach der Stunde erzählt Natascha, dass sie später, nach der Realschule und nach dem Gymnasium, nach London ziehen will. Um dort zu studieren.
Am 3. März erscheint die neue Schulstudie Desi zum Sprachenlernen. Ein aktueller Bericht folgt hier
Die Internetseite von
Desi
(Deutsch Englisch Schülerleistungen International)
informiert
detailliert über die Beteiligten, das Konzept und die durchgeführten
Tests.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
- Kommentare 2
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Schade, daß die John F. Kennedy Schule in Berlin, Zehlendorf nicht erwähnt wurde. Ich 1964-68 an dieser Schule. Wir haben alle Fächer auf englisch und deutsch unterrichtet.
Das Französische Gymnasium in Berlin, eine öffentliche Schule, bietet seinen deutschen Schülern schon seit 1955 beide Abschlüsse, Abitur und Baccalauréat, an. Die Unterrichtssprache ist dabei ab Klasse 7 in fast allen Fächern Französisch in gemischten Klassen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren