KLASSIKNichts als Schall und Raum

Der englische Komponist Benedict Mason erfindet »akustisch-skulpturale« Musik

Erinnert sich noch jemand an die orangefarbenen geriffelten Plastikschläuche aus den siebziger Jahren, die man hurtig im Kreis herumschleuderte und die – je nach Beschleunigung – pfeifend-orgelnde Klänge von sich gaben? Ganze Sommernachmittage lang tönten sie durch die Straßen der Vorstädte. Vielleicht hat sich der Brite Benedict Mason – 1955 geboren – ja dieser Klänge erinnert, als er sein Stück für die Donaueschinger Musiktage 2004 konzipierte. Noch mehr primitive Klangerzeuger fanden Einlass in das Werk: Okarinas, Kazoos und Helmholtz-Resonatoren (vulgo: angeblasene Glasflaschen). Aber nicht fröhliche Regression ist Masons Motiv, sondern der Blick zurück auf klingende Urmaterie. Die vom Komponisten organisierten Klänge wirken hypnotisch wie ein Sirenengesang: fremd und lockend, wenn 48 Schlauchschwinger in wohl abgestimmten Intervallen losröhren oder wenn die gleiche Zahl an Akteuren auf Aluminiumstäbe einklöppelt und eine gleißende Fülle an irisierenden Obertönen das Ohr blendet. Oder das tiefe Raunen bronzener Gongs, die, in Wasser getaucht, auf und ab gleitende Klangsäulen hervorbringen.

48 Musiker sind im Einsatz, in variierten Gruppenkonstellationen im Raum angeordnet. Den Versuchsaufbau für die Uraufführung realisierte Mason bezeichnenderweise in einer Turnhalle. Dort war Platz für Aufstellungen in kleinen mobilen Trupps, die sich mannigfach im Raum bewegten, das Nahe und das Ferne staffelnd. Plötzlich öffneten sich Tore, aus denen Wagen mit Posaunisten herein- und hinausgeschoben wurden, einer grotesken Kuckucksuhr gleich, aber mit frappierenden Präsenzeffekten. Das Stück hält neben dem Reiz selbst gebauten Instrumentariums auch noch die Kombination mit vertrauten Instrumenten bereit – wie das Nebeneinander verschiedener Evolutionsstufen. Dass Mason sein Stück eine »visual, aural, acoustical, sculptural music« nennt, ist folgerichtig. Es kombiniert subtile Klangfarbenkunst mit Phänomenen aus den Kindertagen der Musik. Jener Zeit, zu der das jungfräuliche Ohr noch von der klingenden Welt ergriffen war.

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felt/ebb/brink/here/array/tellingBenedict MasonBuchEnsemble ModernOlluJunge Deutsche Philharmonie, Ltg. Franck
 
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    • Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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    • Schlagworte Klassik | Musik | Musiker
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