Die Gentlemen öffnen die Kasse
Internationale Finanzinvestoren kaufen deutsche Einzelhändler - und helfen ihnen mit frischem Geld auf die Beine
Jammern ist das Lied der Kaufleute - und in den vergangenen Jahren haben sie es oft und laut gesungen. Im Krisenchor untergegangen sind allerdings Meldungen über eine Reihe ungewöhnlicher Partnerschaften: Ende 2004 stieg die britische Finanzfirma 3i bei der Einrichtungskette Das Depot ein. Dem KarstadtQuelle-Konzern kauften Investoren im vergangenen Jahr all seine Fachgeschäfte ab: Das Modehaus Wehmeyer ging an SB Capital und die Miro Radici AG, die Bekleidungskette SinnLeffers an eine Gruppe um die Deutsche Industrie Holding - und auch andere Unternehmen landeten bei Beteiligungsgesellschaften.
Finanzinvestoren sind nicht bekannt dafür, dass sie Geld verschenken. Als Heuschrecken geschmäht, stehen sie im Generalverdacht, Unternehmen nur zu kaufen, um Personal zu entlassen und möglichst schnell die Rendite hochzutreiben, um nach wenigen Jahren eine nicht mehr lebensfähige Unternehmenshülle zurückzulassen. Beispiele dafür gibt es - aber es gibt auch welche für das Gegenteil.
Manchmal sind Einzelhändler sogar dankbar, wenn Investoren kommen. Vor allem mittelständische Handelsunternehmen haben oft nur eine geringe Eigenkapitalquote, sagt Marco Atzberger, Leiter der Forschungsabteilung des Euro-Handelsinstituts (EHI) in Köln. Daher haben viele von ihnen Probleme, an Bankkredite zu kommen - und wenn sie doch Geld erhielten, seien die Zinsen oft so hoch, dass diese mit den mageren Renditen kaum bedient werden könnten. Mehr als jeder zweite Einzelhändler beklagt sich über die Banken.
Die Zahl jener, denen ein Investitionskredit verweigert wurde, hat sich zwischen 2003 und 2004 mehr als verdoppelt - neue Zahlen liegen noch nicht vor. Zu den Hauptgründen zählte jedoch stets das zu geringe Eigenkapital.
International ist die Liaison zwischen Investoren und Händlern weit verbreitet. Die Beteiligungsgesellschaft KKR ist mit dem amerikanischen Spielzeugunternehmen Toys 'R' Us verbunden, Quadriga mit der österreichischen Wäschekette Palmers und Permira mit Cortefiel, dem zweitgrößten spanischen Textilhändler. Meist folgen solche Deals demselben Muster: Geldgeber helfen Händlern bei Investitionen und Expansionsplänen - und verdienen mit, wenn sich diese auszahlen.
Ein Beispiel aus Deutschland ist Runners Point. Das Unternehmen verkauft Sportschuhe, vor allem an Läufer. In diesem Segment kommt es auf einen Marktanteil von rund 20 Prozent. Mitte der achtziger Jahre gegründet, gehörte es lange zu KarstadtQuelle, sollte aber im Rahmen des Sanierungsplans verkauft werden. Unser ursprüngliches Ziel war eine Übernahme in Eigenregie, dies ließ sich aber nicht finanzieren, sagen die Geschäftsführer Otto Hurler und Harald Wittig. Gemeinsam mit dem Investor Hannover Finanz ließ sich das so genannte Management-Buy-out umsetzen. Runners Point gehört seit vergangenem Sommer zu drei Vierteln dem Investor und zu einem Viertel den beiden Geschäftsführern.
Das Unternehmen mit seinen 114 Filialen setzt im Jahr knapp 95 Millionen Euro um. Hannover Finanz hat sich auf Beteiligungen in dieser Größenordnung spezialisiert - und ist selbst eine Ausgründung aus der Versicherungswirtschaft, die einen Großteil der Geldgeber stellt. Wir haben Runners Point für einen zweistelligen Millionenbetrag gekauft, sagt Vorstandsmitglied Herbert-Ernst Finke, jetzt hat es eine Eigenkapitalquote von mehr als 50 Prozent. Vorher waren es lediglich 20 Prozent.
Jetzt, da das Unternehmen unabhängig ist, wollen ihm die Geschäftsführer ein klares Profil geben. Einen reinen Preiswettbewerb können wir nicht gewinnen, sagt Hurler, unser strategischer Vorteil liegt eindeutig in der geldwerten Beratungsleistung für den Kunden. Soll heißen: Bevor die Verkäufer einen Schuh in die Hand nehmen, schicken sie ihre Kunden aufs Laufband. Ein Computer, der mit Daten der Schuhhersteller gefüttert wurde, ermittelt das Laufverhalten und schlägt passende Modelle vor. Bis zu einer halben Stunde dauert ein Termin. Für den hohen Aufwand braucht Runners Point viel Personal. Knapp tausend Beschäftigte hat das Unternehmen, ein Stellenabbau ist auch nach der Übernahme durch Hannover Finanz nicht vorgesehen. Im Gegenteil, deutschlandweit sind bis zu 30 weitere Filialen geplant.
Die wichtigste Änderung wird für Kunden nicht erkennbar sein: die Reform des Warenwirtschaftssystems, das den Nachschub überwacht. Das alte von KarstadtQuelle war noch auf die Bedürfnisse eines Warenhauses zugeschnitten, sagt Hurler, große Lagerhallen, neue Lieferungen nur einmal pro Woche. Aber das bindet zu viel Kapital, wenn die Ware nur rumliegt. Schließlich haben wir sie ja schon bezahlt. Das neue System sorgt dafür, dass Schuhe bis zu zweimal am Tag kommen, aber auch erst dann, wenn sie tatsächlich benötigt werden. Knapp eine Million Euro wird diese Investition kosten - die für den Mittelständler ohne den Investor kaum möglich gewesen wäre. Dabei liefert Hannover Finanz neben dem Geld auch Erfahrung. Die Firma war schon an anderen Handelsfirmen beteiligt, etwa am Optiker Fielmann und dem Drogisten Rossmann.
Wir bringen unser Netzwerk ein, sagt Investor Finke. Zum Beispiel hat Rossmann mit einem externen IT-Team zusammengearbeitet, das dessen Warenwirtschaftssystem deutlich verbessert hat. Und dieses Team nutzen wir jetzt auch bei Runners Point.
Ebenfalls im Fokus der Finanzinvestoren stehen Warenhäuser, Ladenflächen und Lager auf dem europäischen Festland. Innerhalb eines Jahres seien fast 15 Milliarden Euro in solche Immobilien geflossen, berichtet die Maklerfirma Jones Lang LaSalle - ein Plus von 78 Prozent. Vor knapp einem Jahr erwarb das Investorenpaar Curzon/Ixis knapp zwei Dutzend Salamander-Schuhläden. Der britische Investor Dawnay, Day kaufte im Januar acht C&A-Häuser.
KarstadtQuelle will bis Herbst mehr als hundert Waren- und Sporthaus-Gebäude veräußern. Deutschland wird 2006 der größte Einzelhandels-Investmentmarkt sein, schätzt Jones Lang LaSalle.
Deutsche Handelsimmobilien gelten im internationalen Vergleich als günstig, davon sind auch Banken überzeugt. Ich glaube, dass es in diesem Bereich zunehmend zu intelligenten Investments kommen wird, sagte WestLB-Chef Thomas Fischer vor gut zwei Wochen auf einem Handelskongress in Düsseldorf. Für EHI-Forscher Atzberger ist die steigende Nachfrage der Investoren ein gutes Zeichen. Sie würden das ja nicht machen, wenn sie nicht davon ausgingen, dass man damit künftig gute Mieten erzielen könnte, sagt er.
Im Fall von Runners Point ist ausgeschlossen, dass der Investor bloß an einem schnellen Immobiliendeal interessiert ist: Bis auf die Zentrale in Recklinghausen besitzt das Unternehmen kein Grundeigentum. Die kleinen Ladenflächen zwischen 100 und 150 Quadratmetern sind alle gemietet. Wir sind interessiert an einer langfristigen Strategie - sozusagen organisches Wachstum statt Anabolika, sagt Hannover-Finanz-Chef Finke. Er hält nichts vom Klischee des Investors als Heuschrecke, die nach kurzer Zeit wieder verschwindet.
Quer über alle Branchen kommt Hannover Finanz auf eine Rendite von 15 bis 20 Prozent jährlich. Dass der Handel nicht gerade hochprofitabel ist, weiß Finke und gibt zu, dass wir vom Einzelhandel nicht dasselbe erwarten können wie etwa vom Maschinenbau. Und auch nicht so schnell, denn Handel ist ein langfristiges Geschäft. Bei Rossmann waren wir 23 Jahre lang beteiligt, sagt er. Und wir müssen auch bei Runners Point nicht in drei oder vier Jahren wieder draußen sein.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10/2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren