Die Geschichte der Felicity Huffman konnte sich auch nur ein Drehbuchteufel ausdenken, der nicht damit zufrieden ist, dass die Wirklichkeit schon unwahrscheinlich genug ist. Also nahm er eine Schauspielerin, die seit 25 Jahren mehr oder weniger erfolgreich für das amerikanische Fernsehen arbeitet. Er gab ihr diese eine Chance und ließ sie eine tapfere, bittere, aufrechte Mutter spielen. Von ihren Kindern oder dem Ehemann oder dem Leben in den Suburbs wird sie an den Rand der Verzweiflung getrieben und manchmal ein bisschen darüber hinaus. Sie wird zu einer Ikone des neuen Jahrzehnts, das nicht mehr einer etwas überdrehten 30-jährigen Sexkolumnistin dabei zusehen wollte, wie sie in New York Schuhe ausprobiert und Männer, als sei eh alles eins. Dieses neue Jahrzehnt wollte lieber einer 40-jährigen Vorstadtmutter dabei zusehen, wie sie Wäsche aufhängt und ab und zu Beruhigungsmittel nimmt.

Zwischen Sex and the City und Desperate Housewives liegt ein Stück widersprüchliche Wahrheit, das vor allem mit der Figur der Lynette Scavo zu tun hat, die von Felicity Huffman gespielt wird – panisch, protestantisch, pflichtvergessen. Ihren Job hat sie aufgegeben und ein bisschen auch ihre Erotik. Sie darf scheitern, weil sie doch trotzdem das Richtige getan hat, für die Kinder, für das Glück, für die Tablettenindustrie. Und dieser Felicity Huffman, dieser transnationalen, globalen Übermutter schickt nun der Drehbuchteufel einen Regisseur ins Haus, der sie einmal quer durch Amerika irren lässt, als transsexueller Vater, der darauf wartet, sich zu der Frau umoperieren zu lassen, die sie eigentlich längst ist.

Ein Roadmovie mit Erlösungssuche

Amerikaner lieben solche Geschichten wie die von Felicity Huffman, wo dann Zufall gleich Schicksal heißt und alles eine Bedeutung hat. Und sie brauchen ab und zu Geschichten wie die des Films Transamerica, in dem Huffman die transsexuelle Bree Osbourne spielt. Sie helfen ihnen, die Mitte vom Rand her zu definieren. Alles, was mit Identität und Suche zu tun hat, rührt ihr Herz. Und in einem Kinojahr, in dem die Liebesgeschichte von zwei schwulen Cowboys sogar die moralische Mehrheit im Mittleren Westen zum Weinen gebracht hat, wird jemand wie Felicity Huffman guten Gewissens für einen Oscar als beste Schauspielerin nominiert.

Transamerica kommt übernächste Woche in die deutschen Kinos – es ist, wie auch der große Oscar-Favorit Brokeback Mountain, eine sehr alte, sehr amerikanische Geschichte in einem neuen Gewand. Der Regisseur Duncan Tucker erzählt zum einen von der Suche nach dem Vater, die in Amerika oft auch Erlösungsmomente hat; er erzählt zum anderen von jener Reise nach Westen, die immer schon eine nationale Obsession war und mehr als die Suche des Einzelnen nach seinem Schicksal. Transamerica ist also ein Roadmovie im klassischen Sinn, mit einem Vater-Sohn-Konflikt obendrauf – nur mit dem Unterschied, dass die Rollen diesmal recht eigenwillig vertauscht sind.

Da ist ebenjene Bree Osbourne, die Frau, die in einem Männerkörper gefangen ist, der nicht ihrer ist; die diesen Körper erst mit den Waffen der Frau bekämpfen will, mit Puder und rosa Kostüm und Nylonstrümpfen, und dann mit den Mitteln der Medizin; die sich von ihrer Familie losgesagt hat und von ihrem Leben als Sohn – und die von ihrem Leben als Mann eingeholt wird, als ein Junge anruft: Er behauptet, sie sei sein Vater. Der Junge sitzt in New York im Gefängnis, er ist Stricher, seine Mutter ist tot – und weil Bree von ihrer Psychologin erst dann die notwendige Unterschrift für die Operation erhält, wenn sie sich ihrer Geschichte und ihrem Sohn gestellt hat, fliegt sie von Los Angeles nach New York. Sie bezahlt die Kaution für Toby, der praktisch so verwirrt wirkt wie sie, sie verschweigt ihm, dass sie sein Vater ist – und fast wie aus Versehen sitzen die beiden kurz darauf in einem klapprigen Kombi, der sie zurück nach Los Angeles bringt, in den Westen, wo man sich neu erfinden kann. Es ist eine Reise, die vor allem in den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller stattfindet, im weichen, verlorenen Gesicht von Kevin Zegers als Toby und in dem harten, verschlossenen Gesicht von Felicity Huffman.

Der Sohn wird seinen Vater Mutter nennen