Elite-Hochschulen Der Sturz eines Präsidenten

Larry Summers wollte Harvard modernisieren und ist gescheitert. Nach seinem erzwungenen Rücktritt droht die Reform der ehrwürdigen Universität im Sande zu verlaufen.

Die Universität Harvard, ein mythenbeladener Ort der Elite-Aufzucht, hat vergangene Woche ein Beben erschüttert, das die Professorenstuben noch lange vibrieren lassen wird. Dabei ist nicht einmal klar oder jedenfalls heftig umstritten, warum Präsident Larry Summers nach fünf kurzen Jahren zurücktrat – einem Wimpernschlag in der 370-jährigen Geschichte dieser Institution, in der eine Präsidentschaft nach Jahrzehnten bemessen wurde. Genauso umstritten ist, was dieser Rücktritt für die Universität und ihren Versuch bedeutet, sich für das 21. Jahrhundert neu zu erfinden. Ein Gang über den Campus bringt so viele Fragen wie Antworten, manche einander ergänzend, andere widersprechend, alle klug und irgendwie überzeugend, was ja kein Wunder ist, man befindet sich schließlich an der Harvard-Universität.

Erste Station ist Amerikas älteste Hochschulzeitung, der Harvard Crimson. In dem roten Backstein-Gebäude hat schon mancher spätere Pulitzer-Preisträger seine ersten Texte verfasst. Crimson- Chef William Marra, Anfang zwanzig und Politikstudent, zeichnet das Bild vom Generationenkonflikt: hie Reform-Präsident Summers und seine willigen Studenten, da störrische Professoren von der Großfakultät für Arts and Sciences, die den Präsidenten in den Rücktritt zwangen. »Wir sind die Terror-Generation von 9/11«, sagt Marra, »die Professoren die Vietnam-Generation.« Wer Marra zuhört, vernimmt im Getöse um Summers Rücktritt ein Echo der sechziger Jahre. Die Rebellen von damals haben als grauhaarige Professoren nochmals zugeschlagen und eine Autorität erlegt. Ganz anders die Studenten von heute, die, geprägt von den Erschütterungen des Terrorismus, Autorität suchen und an ihr festhalten. »Die Studenten stehen deutlich rechts von den Professoren«, berichtet Marra von Umfragen des Crimson. »Sie sind nicht konservativ, aber auch nicht so linksliberal.« Sie haben in Summers ihren Helden gefunden, in jenem Mann, der als Finanzminister im Kabinett Bill Clintons Linksliberale mit Finanzkapitalismus und Globalisierung versöhnen half und sich danach aufmachte, Harvard zu clintonisieren. Nach dieser Lesart scheiterte Summers beim Versuch, die Universität ins politische Zentrum zu führen.

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Für 42000 Dollar im Jahr muss die Universität mehr bieten als bisher

Für die Studenten war der wichtigste Teil der Modernisierungsagenda die Reform des Curriculums bis zum Bachelor-Abschluss. Noch in seiner Rücktrittsankündigung schreibt Summers, »die Qualität der Bildungserfahrung, die wir bieten«, entspreche nicht »vollständig der Qualität der Studenten und der Qualität der Lehrkräfte«. Zu Deutsch: Die Professoren könnten mehr leisten. Harvard bietet zu wenig – sowohl für seinen Ruf als auch für die 42000 Dollar, die es einem Studienanfänger jährlich abknöpft. Summers’ Curriculumsreform soll jenen modernen Bildungskanon hervorbringen, der für Harvard verbindlich und weit über den Campus hinaus wegweisend wird.

Die Studenten erwarteten von der Reform, sagt Crimson- Chef Marra, »Grundlagenwissen« und »Struktur«, nicht aber, wie in früheren Zeiten, »Wahlfreiheit«. Es solle nicht länger »die Geschichte irgendwelcher merkwürdiger Länder« gelehrt werden, sondern »Verbindliches über die westliche Zivilisation«. Diesem Denken kam Summers als Antidot gegen die Postmoderne gerade recht. Bei seinem ersten Auftritt nach der Rücktrittsankündigung sah er sich ehemaligen Crimson- Redakteuren gegenüber, die auf ihre Brust in Harvard-Burgunder fünf Buchstaben gemalt hatten: »LARRY«.

In großem Kontext, als Parabel auf Amerikas andauernden Kulturkampf, sieht hingegen Harvey Mansfield die Führungswirren von Harvard. Der Politik-Professor, der sich zur konservativen Minderheit auf dem Campus zählt, eröffnet das Gespräch mit den Worten: »Larry Summers war der beste von allen Präsidenten der großen Hochschulen – und wir haben ihn rausgeekelt.« Eine »hoch politische Amtszeit« gehe zu Ende. Summers habe die linksliberale Orthodoxie herausgefordert. Mansfield zählt auf: Er habe die Feindschaft gegenüber dem amerikanischen Militär bekämpft, Vorurteile gegen Israel angeprangert, den Werterelativismus von Professoren angeklagt, die Politik der Minderheitenförderung begrenzt.

Gleichstellung und Exzellenz – das passt nicht zueinander

Leser-Kommentare
  1. Anstatt einer undifferenzierten Lobrede auf den 'Rausgeschmissenen, anstelle von Wehgeschrei und Gejammer, daß Harvard nun die Chance verpasst hätte, sich einer sogenannten "Modernisierung" zu unterwerfen, wäre etwas mehr Hintergrundinfo zu den Vorgängen dem interessierten Leser vielleicht hilfreicher gewesen.
    Muß man z. B. den Autor wirklich an die Zeit anfang der Neunziger erinneren? Damals war Summers als Vizepräsident der Weltbank mitverantwortlich für deren Maßnahmen zur " Strukturanpassung" der Entwicklungsländer, die dort regelmäßig zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte und machte damals u. a. den Vorschlag, den Giftmüll der Industrieländer doch dorthin zu exportieren, wo die Löhne am niedrigsten sind, da die Entsorgung dort am preisgünstigsten sei und die Menschen ohnehin nicht lange genug lebten, um durch die Umweltgifte Schaden davonzutragen. Nur zur Illustration, um was für einen Menschen es sich bei Herrn Summers handelt.
    Und wäre nicht eine differenziertere Schilderung der Tätigkeit Summers als Präsident Harvards und der von seinen Kritikern vorgebrachten Gründe für die Abwahl angebracht gewesen? Als einige Beispiele von vielen Vorkommnissen z. B. seine polemischen Äußerungen gegenüber Frauen (die seiner Meinung nicht wegen schlechterer Berufschancen, sondern "wegen geringerer Eignung" in den Naturwissenschaften unterrepräsentiert seien) oder die Blockade eines Disziplinarverfahrens gegen einen befreundeten Kollegen, dessen Fehlverhalten Harvard eine Schadenersatzforderung von 30 Mio eingebrockt hatte. Einer seiner kritisierten "Modernisierungspläne" betraf das Heranwanzen an die Bush-Regierung durch die Wiedereinführung von Trainingskursen für Reserveoffiziere, die seit dem Vietnamkrieg abgeschafft worden waren. Weitere Punkte, die dazu führten, ihm das Vertrauen zu entziehen, betrafen u. a. seinen von Untergebenen als "schikanös und autokratisch" beschriebenen Führungsstil, das Mobben mehrerer Professoren aus den von ihm wohl gering geschätzten geisteswissenschaftlichen Disziplinen oder seine vielfach als nicht gerechtfertigt empfundenen Gehaltsforderungen.
    So einfach, wie Herr Kleine-Brockhoff uns weismachen will, daß sich hier nur ein paar rückwärtsgewandte Soziologen der notwendigen Modernisierung ihrer Uni in den Weg stellen, ist der Fall also nicht.

  2. Larry Summers versuchte, Harvard auf den gängigen wissenschaftlichen Mainstream zu trimmen, auf Wirtschaftswissenschaften und Gentechnologie.
    Das ist ihm nun gründlich misslungen - zum Glück!
    Harvard hat so die Chance, das zu bleiben, was es immer war: die bessere europäische, die bessere "Humboldt"-Universität. Dies: die Ideen des universalistischen Wissens hoch zu halten, war eigentlich immer Harvards Vorsprung gegenüber europäischen Universitäten, die sich ihrer eigenen Ursprünge längst begeben haben.

    Statt eines Summers lobhudelnden Quarks hätte man jedoch eigentlich gerade von der ZEIT erwartet, einen kritischeren Bericht zu lesen. Mit ihrem Artikel bleibt die ZEIT sehr weit unter ihrem eigenen Niveau.

  3. Ich habe mich über den Artikel gefreut. Zeigt er doch, dass zumindest an der US-Amerikanischen Elite-Uni Harvard gewisse Selbstschutzmechanismen durchaus noch intakt sind. Das macht (in ansonsten eher ärgerlichen Zeiten) Hoffnung darauf, dass es auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einem Mister Ellenbogen nicht unbedingt gelingen muss, mit "uralten Management-Methoden" die Grundlagen des weltweiten Erfolgs einer reputierten Schule zu ruinieren. Nach wie vor und selbst für Männer wie Larry Sommer gilt: Dem brutalen Egomanen nutzt Intellekt allein auf die Dauer wenig. Zumindest in der Auseinandersetzung mit intelligenten Gegnern sollte man die (womöglich wirklich angeborenen) "weiblichen Tugenden" nicht all zu sehr unterschätzen. Universitäten gewinnt man wohl - anders, als gewisse Regierungskreise - eher mit einer Mischung aus Verstand, Respekt, Kommunikation und Kooperation, als mit einem Mix aus Cleverness, Polemik, Panikmache und Ausgrenzung. Wenn das nicht die "Gute Nachricht des Tages" ist...?!

    • Jens99
    • 06.03.2006 um 14:23 Uhr
    4. \N

    Ich kann nur jedem empfehlen auf www.tnr.com auch mal die amerikanische (ok, zugegeben: centrist) Sicht der Dinge zu begutachten :-)

    @FreundHein: Summers bildete meines Wissen meherer Hypothesen, warum Frauen in den Naturwissenschaften unterrepräsnetiert sind (z.B. andere Präferenzen, Diskriminierung durch Männer, aber auch genetische Dispositionen). Er wollte diese überprüfen und die Forscher in Harvard auffordern, sich daran zu beteiligen, dmait die Uni anschliessend aus den Ergebnissen die richtigen Schlüsse ziehen kann. Es handelt sich also mitnichten um einen sexistischen Reaktionär.

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