Elite-Hochschulen Der Sturz eines PräsidentenSeite 3/3
Harvard hat das Internet verschlafen. Das passiert nicht noch einmal
Seither setzt Summers alles daran, die Hochschule umzusteuern. Harvard soll die Erfahrung der neunziger Jahre nicht wiederholen müssen. Damals erwiesen sich das benachbarte Massachusetts Institute of Technology und die Universität Stanford als Inkubatoren der Internet-Revolution, nicht aber Harvard. Summers hat den Reichtum der Hochschule eingesetzt, um einen neuen Campus zu planen. Dessen Kern wird ein Zentrum zur Stammzell-Forschung bilden. Das Studium soll so umgebaut werden, dass jeder im Ausland studieren muss, ökonomische Grundkenntnisse erhält und empirische Methoden erlernt – der Harvard-Absolvent im Zeitalter der Globalisierung.
Summers hatte eine gewaltige Vision. Allerdings kommunizierte er sie auf ganz eigene Art. Er machte seine persönliche Hackordnung der modernen Wissenschaften öffentlich und ließ verlauten, er halte Wirtschaftswissenschaftler für schlauer als Politologen und Soziologen. Seither muss man nicht lange nach Harvards Widerstandsnest gegen den eigenen Präsidenten suchen. Darum glaubt der anonyme Institutsleiter, die Geisteswissenschaften fühlten sich missachtet, erniedrigt gar, untergepflügt von Ökonomismus und Biozentrismus. Ergo ihr Aufstand.
Im Sommer wird der Vor-Vorgänger von Larry Summers sein Nachfolger. Jedenfalls übergangsweise. Zugleich macht sich eine Kommission auf die Suche nach einer Führungskraft für die nächste Epoche in Harvards Geschichte. Sogar unter Summers’ Kritikern finden sich einige, die fürchten, man werde sich auf einen freundlichen Silberfuchs einigen, der nette Reden halte. Heiße Eisen werde der (oder die) Neue nicht anfassen. Im besten Szenario wird ein Visionär wie Summers ohne dessen Charakterschwächen gefunden. »Dann würden die vergangenen fünf Jahre nicht als Tragödie erinnert werden, sondern als Beginn einer großen Erneuerung Harvards«, schreibt Wirtschafts-Professor Edward Glaser. Andernfalls aber werde das vergangene Jahr »jene Wasserscheide sein, die den Beginn des Niedergangs von Harvard markiert«.
Man spürt am Alarmismus: Die Wunde ist noch frisch.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Anstatt einer undifferenzierten Lobrede auf den 'Rausgeschmissenen, anstelle von Wehgeschrei und Gejammer, daß Harvard nun die Chance verpasst hätte, sich einer sogenannten "Modernisierung" zu unterwerfen, wäre etwas mehr Hintergrundinfo zu den Vorgängen dem interessierten Leser vielleicht hilfreicher gewesen.
Muß man z. B. den Autor wirklich an die Zeit anfang der Neunziger erinneren? Damals war Summers als Vizepräsident der Weltbank mitverantwortlich für deren Maßnahmen zur " Strukturanpassung" der Entwicklungsländer, die dort regelmäßig zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte und machte damals u. a. den Vorschlag, den Giftmüll der Industrieländer doch dorthin zu exportieren, wo die Löhne am niedrigsten sind, da die Entsorgung dort am preisgünstigsten sei und die Menschen ohnehin nicht lange genug lebten, um durch die Umweltgifte Schaden davonzutragen. Nur zur Illustration, um was für einen Menschen es sich bei Herrn Summers handelt.
Und wäre nicht eine differenziertere Schilderung der Tätigkeit Summers als Präsident Harvards und der von seinen Kritikern vorgebrachten Gründe für die Abwahl angebracht gewesen? Als einige Beispiele von vielen Vorkommnissen z. B. seine polemischen Äußerungen gegenüber Frauen (die seiner Meinung nicht wegen schlechterer Berufschancen, sondern "wegen geringerer Eignung" in den Naturwissenschaften unterrepräsentiert seien) oder die Blockade eines Disziplinarverfahrens gegen einen befreundeten Kollegen, dessen Fehlverhalten Harvard eine Schadenersatzforderung von 30 Mio eingebrockt hatte. Einer seiner kritisierten "Modernisierungspläne" betraf das Heranwanzen an die Bush-Regierung durch die Wiedereinführung von Trainingskursen für Reserveoffiziere, die seit dem Vietnamkrieg abgeschafft worden waren. Weitere Punkte, die dazu führten, ihm das Vertrauen zu entziehen, betrafen u. a. seinen von Untergebenen als "schikanös und autokratisch" beschriebenen Führungsstil, das Mobben mehrerer Professoren aus den von ihm wohl gering geschätzten geisteswissenschaftlichen Disziplinen oder seine vielfach als nicht gerechtfertigt empfundenen Gehaltsforderungen.
So einfach, wie Herr Kleine-Brockhoff uns weismachen will, daß sich hier nur ein paar rückwärtsgewandte Soziologen der notwendigen Modernisierung ihrer Uni in den Weg stellen, ist der Fall also nicht.
Larry Summers versuchte, Harvard auf den gängigen wissenschaftlichen Mainstream zu trimmen, auf Wirtschaftswissenschaften und Gentechnologie.
Das ist ihm nun gründlich misslungen - zum Glück!
Harvard hat so die Chance, das zu bleiben, was es immer war: die bessere europäische, die bessere "Humboldt"-Universität. Dies: die Ideen des universalistischen Wissens hoch zu halten, war eigentlich immer Harvards Vorsprung gegenüber europäischen Universitäten, die sich ihrer eigenen Ursprünge längst begeben haben.
Statt eines Summers lobhudelnden Quarks hätte man jedoch eigentlich gerade von der ZEIT erwartet, einen kritischeren Bericht zu lesen. Mit ihrem Artikel bleibt die ZEIT sehr weit unter ihrem eigenen Niveau.
Ich habe mich über den Artikel gefreut. Zeigt er doch, dass zumindest an der US-Amerikanischen Elite-Uni Harvard gewisse Selbstschutzmechanismen durchaus noch intakt sind. Das macht (in ansonsten eher ärgerlichen Zeiten) Hoffnung darauf, dass es auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einem Mister Ellenbogen nicht unbedingt gelingen muss, mit "uralten Management-Methoden" die Grundlagen des weltweiten Erfolgs einer reputierten Schule zu ruinieren. Nach wie vor und selbst für Männer wie Larry Sommer gilt: Dem brutalen Egomanen nutzt Intellekt allein auf die Dauer wenig. Zumindest in der Auseinandersetzung mit intelligenten Gegnern sollte man die (womöglich wirklich angeborenen) "weiblichen Tugenden" nicht all zu sehr unterschätzen. Universitäten gewinnt man wohl - anders, als gewisse Regierungskreise - eher mit einer Mischung aus Verstand, Respekt, Kommunikation und Kooperation, als mit einem Mix aus Cleverness, Polemik, Panikmache und Ausgrenzung. Wenn das nicht die "Gute Nachricht des Tages" ist...?!
Ich kann nur jedem empfehlen auf www.tnr.com auch mal die amerikanische (ok, zugegeben: centrist) Sicht der Dinge zu begutachten :-)
@FreundHein: Summers bildete meines Wissen meherer Hypothesen, warum Frauen in den Naturwissenschaften unterrepräsnetiert sind (z.B. andere Präferenzen, Diskriminierung durch Männer, aber auch genetische Dispositionen). Er wollte diese überprüfen und die Forscher in Harvard auffordern, sich daran zu beteiligen, dmait die Uni anschliessend aus den Ergebnissen die richtigen Schlüsse ziehen kann. Es handelt sich also mitnichten um einen sexistischen Reaktionär.
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