Helmut Kohl nach 16 Jahren sein Amt an Gerhard Schröder verlor und eine rot-grüne Koalition die seit 1982 amtierende christlich-liberale ablöste, sprach man viel über die zahlreichen Jahrgänge jüngerer Menschen, die eine andere Regierung, einen anderen Kanzler nie bewusst erlebt hatten und den demokratischen Wechsel jetzt zum ersten Mal erfuhren. Aber ähnliche Gefühle hatten schon den Übergang von 1982, die damals so genannte "Wende", begleitet. Ob mit Willy Brandt oder Helmut Schmidt, die sozialliberale Koalition war für viele zu einer politischen und historischen Selbstverständlichkeit geworden. Seit dem Ende der fünfziger Jahre hatte der "Genosse Trend" den Sozialdemokraten immer stärkeren Auftrieb gegeben, sie zuerst als Juniorpartner in die erste Große Koalition geführt, ihnen drei Jahre später die Kanzlerschaft eingebracht, wieder drei Jahre später, im November 1972, war die SPD zum ersten Mal stärkste Fraktion im Bundestag. Für die 68er und ihre Nachfahren war es schwer vorstellbar, dass der Weltgeist noch einmal eine Wendung nehmen und die Konservativen erneut an die Macht bringen würde. Daraus erklären sich viele der übersteigerten Sorgen vor einer Kanzlerschaft Kohls in den linksliberalen Milieus der Wendezeit. Den pfälzischen Machtpolitiker gleichzeitig als provinzielle "Birne" zu unterschätzen passte durchaus in dieses Muster der Verunsicherung hinein.

Mit einer deutlichen Niederlage ging im Herbst 1998 die längste Kanzlerschaft in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu Ende. Als

Aber die kritischen Fragen von damals markierten zugleich Dreh- und Angelpunkte von Programmatik und Selbstverständnis der neuen Regierung. Was würde sich hinter der von Helmut Kohl immer wieder geforderten "geistig-moralischen Wende" des Landes verbergen? Und was würde passieren, wenn die sozialpolitischen und fiskalischen Vorstellungen aus Lambsdorffs "Scheidungspapier" der sozialliberalen Koalition konsequent umgesetzt würden? Beide Fragen lassen sich bis heute nicht genau beantworten. Das zeigt, dass die Realität dieser "Wende" hinter ihrem Programm zurückgeblieben ist, aber auch, dass fundamentale Probleme von damals immer noch auf der Tagesordnung stehen. Denn wer die gegenwärtige Krise Deutschlands verstehen will, muss mindestens bis in die späten siebziger Jahre zurückgehen.

Im Rückblick nach beinahe einem Vierteljahrhundert steht der Regierungswechsel von 1982, der Beginn der Ära Kohl, also zunächst für einen demokratischen Lernprozess, für die Normalität des politischen Pendelschwungs von der linken in die rechte Mitte. Im Rückblick bedeutete dieser Wechsel kaum eine gesellschaftliche oder kulturelle Rückwärtsbewegung, einen Roll-back in die Zeit Konrad Adenauers, als dessen Enkel Helmut Kohl sich immer wieder stilisierte. Im Rückblick und in historischer Einordnung markiert die Wende des Herbstes 1982 und das, was aus ihr folgte, vielmehr dreierlei:

Erstens, die Bekräftigung von Grundentscheidungen der alten Bundesrepublik. Auf vielen Gebieten herrschte Kontinuität vor, zum Beispiel in der Deutschland- und Entspannungspolitik. Und wo der Kurs der Vorgänger zuletzt schwankend geworden war, wie in den transatlantischen Beziehungen, setzte die Regierung Kohl den Zug auf jenes Gleis zurück, an dem alle Regierungen, alle Kanzler seit 1945 mitgebaut hatten.

Zweitens, nicht dezidierte Wende, sondern Laisser faire bis hin zu einer gefährlichen gesellschaftspolitischen Stagnation. Wer 1982 um die Errungenschaften der liberalen Bundesrepublik aus der Ära Brandt-Schmidt gefürchtet hatte, der fuhr unter Kohl in Wirklichkeit nicht schlecht. Die Abschaffung der demütigenden Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer ist ein Beispiel mit Symbolfunktion. In den achtziger Jahren wurde das Land nicht konformistischer und kontrollierter, sondern vielfältiger und liberaler. Aber die Kehrseite bestand in einer zunehmenden Verdrängung von gesellschaftlichen Problemen, die den Anfang des später viel zitierten Reformstaus bildete.

Drittens, dramatischer Wandel und kulturelle Dynamik – doch in Gestalt einer Veränderung, die von der Regierung weder geplant war noch gesteuert werden konnte; einer Veränderung, die zumal der Union eigentlich hätte suspekt sein müssen und doch von ihr, auch von Kohl persönlich, immer wieder gefördert wurde. Dazu zählt die Medienrevolution des späten 20. Jahrhunderts, mit dem Fanfarenstoß der Einführung des Privatfernsehens. Dazu zählt die Beschleunigung einer gesellschaftlichen Individualisierung, die weder sozialpolitisch noch fiskalisch aufgefangen werden konnte.