Zeitgeschichte, 1983-1998 Die doppelte Wende
Die Ära Kohl hielt nicht, was sie versprach und machte wahr, womit niemand gerechnet hatte. Das Porträt einer paradoxen Epoche zwischen Zukunftsängsten und Sorglosigkeit, Fortschritt und Stagnation, Geschichtsversessenheit und Verdrängung
Mit einer deutlichen Niederlage ging im Herbst 1998 die längste Kanzlerschaft in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu Ende. Als Helmut Kohl nach 16 Jahren sein Amt an Gerhard Schröder verlor und eine rot-grüne Koalition die seit 1982 amtierende christlich-liberale ablöste, sprach man viel über die zahlreichen Jahrgänge jüngerer Menschen, die eine andere Regierung, einen anderen Kanzler nie bewusst erlebt hatten und den demokratischen Wechsel jetzt zum ersten Mal erfuhren. Aber ähnliche Gefühle hatten schon den Übergang von 1982, die damals so genannte »Wende«, begleitet. Ob mit Willy Brandt oder Helmut Schmidt, die sozialliberale Koalition war für viele zu einer politischen und historischen Selbstverständlichkeit geworden. Seit dem Ende der fünfziger Jahre hatte der »Genosse Trend« den Sozialdemokraten immer stärkeren Auftrieb gegeben, sie zuerst als Juniorpartner in die erste Große Koalition geführt, ihnen drei Jahre später die Kanzlerschaft eingebracht, wieder drei Jahre später, im November 1972, war die SPD zum ersten Mal stärkste Fraktion im Bundestag. Für die 68er und ihre Nachfahren war es schwer vorstellbar, dass der Weltgeist noch einmal eine Wendung nehmen und die Konservativen erneut an die Macht bringen würde. Daraus erklären sich viele der übersteigerten Sorgen vor einer Kanzlerschaft Kohls in den linksliberalen Milieus der Wendezeit. Den pfälzischen Machtpolitiker gleichzeitig als provinzielle »Birne« zu unterschätzen passte durchaus in dieses Muster der Verunsicherung hinein.
Aber die kritischen Fragen von damals markierten zugleich Dreh- und Angelpunkte von Programmatik und Selbstverständnis der neuen Regierung. Was würde sich hinter der von Helmut Kohl immer wieder geforderten »geistig-moralischen Wende« des Landes verbergen? Und was würde passieren, wenn die sozialpolitischen und fiskalischen Vorstellungen aus Lambsdorffs »Scheidungspapier« der sozialliberalen Koalition konsequent umgesetzt würden? Beide Fragen lassen sich bis heute nicht genau beantworten. Das zeigt, dass die Realität dieser »Wende« hinter ihrem Programm zurückgeblieben ist, aber auch, dass fundamentale Probleme von damals immer noch auf der Tagesordnung stehen. Denn wer die gegenwärtige Krise Deutschlands verstehen will, muss mindestens bis in die späten siebziger Jahre zurückgehen.
Im Rückblick nach beinahe einem Vierteljahrhundert steht der Regierungswechsel von 1982, der Beginn der Ära Kohl, also zunächst für einen demokratischen Lernprozess, für die Normalität des politischen Pendelschwungs von der linken in die rechte Mitte. Im Rückblick bedeutete dieser Wechsel kaum eine gesellschaftliche oder kulturelle Rückwärtsbewegung, einen Roll-back in die Zeit Konrad Adenauers, als dessen Enkel Helmut Kohl sich immer wieder stilisierte. Im Rückblick und in historischer Einordnung markiert die Wende des Herbstes 1982 und das, was aus ihr folgte, vielmehr dreierlei:
Erstens, die Bekräftigung von Grundentscheidungen der alten Bundesrepublik. Auf vielen Gebieten herrschte Kontinuität vor, zum Beispiel in der Deutschland- und Entspannungspolitik. Und wo der Kurs der Vorgänger zuletzt schwankend geworden war, wie in den transatlantischen Beziehungen, setzte die Regierung Kohl den Zug auf jenes Gleis zurück, an dem alle Regierungen, alle Kanzler seit 1945 mitgebaut hatten.
Zweitens, nicht dezidierte Wende, sondern Laisser faire bis hin zu einer gefährlichen gesellschaftspolitischen Stagnation. Wer 1982 um die Errungenschaften der liberalen Bundesrepublik aus der Ära Brandt-Schmidt gefürchtet hatte, der fuhr unter Kohl in Wirklichkeit nicht schlecht. Die Abschaffung der demütigenden Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer ist ein Beispiel mit Symbolfunktion. In den achtziger Jahren wurde das Land nicht konformistischer und kontrollierter, sondern vielfältiger und liberaler. Aber die Kehrseite bestand in einer zunehmenden Verdrängung von gesellschaftlichen Problemen, die den Anfang des später viel zitierten Reformstaus bildete.
Drittens, dramatischer Wandel und kulturelle Dynamik – doch in Gestalt einer Veränderung, die von der Regierung weder geplant war noch gesteuert werden konnte; einer Veränderung, die zumal der Union eigentlich hätte suspekt sein müssen und doch von ihr, auch von Kohl persönlich, immer wieder gefördert wurde. Dazu zählt die Medienrevolution des späten 20. Jahrhunderts, mit dem Fanfarenstoß der Einführung des Privatfernsehens. Dazu zählt die Beschleunigung einer gesellschaftlichen Individualisierung, die weder sozialpolitisch noch fiskalisch aufgefangen werden konnte.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Ihre Analyse, dass die Schwierigkeiten mit der Kohl Ära auftraten kann ich nicht zustimmen. Sie wurden lediglich unter Kohl sichtbar und entwickelten sich weiter.
Genau wie Nolte ausführt liegen die Wurzeln schon in den 70ziger Jahren, der Verkrustung und Dogmatisierung der linken, die ähnlich wie die Verkrustung der rechten in den 60zigern sich selbst verabsolutierte und deswegen poltisch am Lambsdorff Papier scheiterte.
Die Probleme waren keine der Ära Kohl, allerdings blieb die Wende im Ansatz stecken und die negativen Entwicklungen, sowie die Konsumflucht verstärkte sich, nicht zuletzt auch durch die damalige Blockadepoltik Lafontaines.
Die Entwicklung war nicht die Kohls, sondern die einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, die nur durch Konsumübertreibungen gekittet wurden.
Dieser Zustand dauert bis heute an, die Zeitfragen aus den letzten Jahren sozialliberaler Koalition, an denene diese scheiterte bleiben bis heute unbeantwortet von rechts und links und sind Ursache unserer heutigen Probleme!
B Grabe
Helmut Kohl hat in seiner gesamten Regierungszeit eben das nicht ausgeübt, was er zum Zeitpunkt des Machtwechsels 1982 für sich reklamiert hat: Geistige und moralische Führung.
Dazu fehlte ihm das intellektuelle Gewicht und die Fantasie, ja ich möchte sagen, auch gebildet war der Herr Kohl nur im Hinblick auf seine unmittelbaren Erfahrungen im Krieg und dann besonders prägend in der Nachkriegszeit.
Mit einem derart desolaten Bildungsstand, der für seine Generation aber nicht untypisch ist, hat er Anklang bei den Menschen seiner Generation gefunden, die ihn aufgrund der überalternden Gesellschaft ewig, von zusätzlichen reaktionären Kräften in den jüngeren Generationen gestärkt, im Amt gehalten haben.
Der Artikel macht für mich zwei verschiedene Ebenen gesellschaftlicher Entwicklung deutlich:
Aufgrund des Aufschwungs in den 80-iger Jahren ging es der westdeutschen Bevölkerung materiell so gut wie nie in der Bundesrepublik. Alles an kritischem aus den 70-iger Jahren (Grenzen des Wachstums etc.)wurde im Konsum und der Definition der eigenen Persönlichkeit über ihn verdrängt.
Die damalige Jugendbewegung der Popper war ein Ausdruck dieses Wohlstandshypes.
Tatsächlich sind aber alle gesellschaftlichen Probleme, auch die der deutschen Einheit in diesen ersten Jahren Kohl entstanden.
a) Mit zunehmendem Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten hat die Überindividualisierung und soziale Kälte um sich zu greifen begonnen. Man brauchte den Mitmenschen nicht mehr so wie früher.
b) Da Güter auch für untere Mittelschichten verfügbar waren die ehedem reinen Luxuscharakter hatten, hat man in diesem Rausch materiell-sinnlicher Erfahrung gebadet.
c) Der starke Rückgang der Geburtenrate, das Problem zunehmener Scheidungsraten mit dem Entstehen vieler Rumpffamilien fällt ebenfals in diese Zeit.
d) Fehlende Integration der zweiten Generation der Gastarbeiter.
e) Vernachlässigung des Ausbaus von Forschung und Bildung um wohlstandserhaltende Skills in alle Bevölkerungsschichten zu zu vermitteln.
f) keine Umsetzung der liberalen Wirtschaftsstrategien durch die Regierung Kohl wie sie im Lambsdorff-Papier gefordert waren.
g) Gnadenloser realer Werteverfall ersetzt durch Markenimage und Medienkosum
Alle diese Entwicklungen sind in den Neunziger-Jahren kulminiert, mit seinen Börsen- und Spassgesellschaftsexzessen. Die Wiedervereinigung ist vor allem an dem fehlenden Willen der Westdeutschen gescheitert, die ehemalige DDR an der eigenen Prosperität teilhaben zu lassen und den Wohlstand mit den Mitdeutschen im Osten zu teilen.
Hier liegt sicherlich von seiner Einstellung her ein besonderes Verdienst Kohls, dass er meiner Überzeugung nach, die blühenden Landschaften schaffen wollte, aber am Werteverfall und Ausbeutungsinstinkt der Westdeutschen mit seinen Einheitsphantasien gescheitert ist. Überhaupt ist Kohl für mich keine Person in der sich der Werteverfall der Gesellschaft spiegelt, sondern jemand der trotz moralischer Grundüberzeugungen an der Mittelmäßigkeit seiner Begabung und seinem Unverständnis für das reale Empfinden im Volk der Wohlstandsdeutschen gescheitert ist.
Die Lehren aus der Regierungszeit Kohl sind für mich klar:
1. Wir brauchen eine Gesellschaft in der der Einzelne sich als mehrdimensionales Wesen entfaltet: im Privatleben, im Berufsleben und eben auch im gesellschaftlichen Leben.
2. Wir brauchen ein Minimum an gemeinsamen Werten auf denen dann plurale Lebensentwürfe fußen können.
3. Wir als Bürger müssen uns viel stärker in politische Prozesse einklinken und aufhören das Leben ausschließlich im epikureischen Sinne zu leben. Ohne Anstrengung und ohne noch nicht verwirklichte Ziele und retardierende Erfahrungen keine Dynamik in der persönlichen Entwicklung.
4. Freiheit und Verantwortung sind wie die FDP das heute zu recht propagiert untrennbar miteinander verbunden. Wer permanent nur Rechte einfordert, bleibt auf der Ebene eines Säuglings stehen.
5. Erst einmal Forderungen an sich selbst stellen und sich persönlich für gesellschaftliche Ziele einsetzen, statt alles positive an Lebenserfahrungen zu individualisieren und alles Negative materieller und nicht-materieller Natur zu kollektivieren.
6. Aufbrechen starrer Strukturen in der Wirtschaft. Abbau von Bürokratie, die kreative Kräfte im Anfangsstadium ihres eventuellen Blühens einstampft.
Die große Koalition ist Ausdruck der immer noch vorherrschenden Angst vor Veränderung. Man kann sich aber solange der Realität nach dem Prinzip der drei Affen verschliessen, bis sie einen plattwälzt und das Instrumentarium an Korrekturmöglichkeiten, dass uns heute noch zur Verfügung steht, nicht mehr vorhanden ist.
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