Die Staatsschauspieler

Deutscher Wahlkampf bietet stets großes Theater. 2002 spielte Gerhard Schröder, der Zwangsentspannte, gegen Edmund Stoiber, den verkannten Gutmütigen

Leuchtende Fehlleistungen. Am Anfang seiner großen Rede in der Münchner Olympiahalle sagt Edmund Stoiber einen wunderbaren Satz: »Die CSU ist näher am Menschen als jede andere Partei in diesem Land mit weitem Abstand!« Im Redemanuskript stand nur: »Die CSU ist näher am Menschen.« Aber Stoiber treibt die Sprache in eine Genauigkeit, zu der bislang nur Karl Valentin vordrang. Näher dran mit weitem Abstand: Formuliert dieser Satz nicht trefflich die Tragik des nervösen Charakterdarstellers Edmund Stoiber?

Auch den Kanzler hat der Rezensent kürzlich bei einer Fehlleistung erlebt, welche die Wirkung des Mannes zusammenfasst. Auf dem Bremer Domshof sagte Gerhard Schröder im Zusammenhang mit der Irak-Frage: »Niemand soll sich unter den Bündnispartnern über mangelnde deutsche Solidarität beklagen müssen – jedenfalls nicht, solange wir reden – äh – regieren!« Tatsächlich: Wenn Schröder redet, mit dieser gesalbten Stimme, mit seinen schöpfenden Armbewegungen, dann wird Reden Regieren, und den Zuschauern ist der Werkstoff wahrnehmbar, mit welchem der gedrungene Herr da oben arbeitet: Sein Material ist die Macht.

Showblöcke. In der Münchner Olympiahalle singen wir an diesem schönen Samstagvormittag zwei Hymnen hintereinander, erst das Bayern- und dann das Deutschlandlied. Wir singen stehend und sehen auf einer Leinwand Luftbilder bayerischer Landschaften, von Hubschraubern einfühlsam überflogen, damit wir wissen, worum es geht. Das alles muss bewahrt werden. Wenn in der Halle der Name des harten, aber sicherlich gerechten bayerischen Innenministers Günther Beckstein genannt wird, erfasst die Menge eine euphorische Rührung.

Soeben betritt, umringt von befreundeten Sicherheitsleuten, der Kanzlerkandidat nebst Gattin und CDU-Chefin Angela Merkel das weite Rund, die Menschen toben, ein Disco-Chor heult Ready for the Victory, jetzt hat der Kandidat sein Kompetenzteam erreicht, herzliche Begrüßung, Jubel. Diese Minuten wirken wie der rückwärts gespulte Schlussausmarsch einer aus allen Nähten geplatzten Samstagabendshow: Die nachfolgenden Sendungen werden sich um eine Stunde verzögern. Das Ende der Veranstaltung ist auf 14 Uhr angesetzt, tatsächlich dauert sie bis 15 Uhr, was sich rumsprechen soll: Stoiber hat eine Stunde überzogen! Er ist größer als Gottschalk.

Auf der Bühne steht Stoiber dann fast linkisch neben dem adretten TV-Moderator Kai Pflaume, kein Tribun, sondern ein blinzelnder Saalkandidat, der unverhofft die Eine-Million-Euro-Frage beantworten soll. Pflaume fragt aber nur: Woraus bestand es denn nun, das Wolfratshausener Frühstück mit der Frau Merkel?

Der fesche Mathou singt You Never Walk Alone, und ein BMW-Roller muss noch verlost werden. Man spürt, wie unangenehm Stoiber das alles findet, er ist hineingeraten in diese Vermählung mit der Macht, nun muss er mitmachen, vom Polterabend bis zur Brautentführung. Als er am Ende auf der überfüllten Bühne steht, mit einem Becher Bier, schaut er drein, als halte er im Gewimmel immerzu seine Brieftasche fest. Er geht in die Menge, aber er kann nicht in ihr baden. Das macht ihn seinen Anhängern sympathisch, denen geht’s im Umgang mit der Jugend und dem Erotischen genauso: Es macht sie unbeholfen. In seiner Ich-mach’s-halt-mit-Haltung ist Stoiber echt. Er beobachtet sich und ist sich peinlich. Schröder ist über so etwas weit hinaus.

Der Wiener Kritiker Hans Weigel schrieb: »Um Theater zu spielen, muss man also zunächst: sein können, wie man ist. Gehen, stehen, aufstehen, hinsetzen, Türen öffnen und schließen, alles das, was jeder immer tut, wird zum Problem, wird bewusst und muss auf der nächsthöheren Ebene wieder selbstverständlich werden. Das ist das kleine Einmaleins.«

Stoiber befindet sich auf jener Ebene, auf der alles zum Problem wird – alles, nur nicht die große Wut. Schröder hat, sollte er sie je betreten haben, die Ebene des Problematischen längst überwunden.

Man kann sich den Kanzler nicht in einer anderen Rolle vorstellen, er hat die ihm gemäße gefunden. Denkbar ist aber, dass Schröder in ein paar Jahren in kleinem Kreis als sein eigener Parodist auftreten wird, sich in die Videobänder mit seinen Performances vertiefen und die schönsten Stellen grinsend mitsprechen wird. Das werden glückliche Abende sein.

Theaterkünstler. Bei allem, was Schröder öffentlich tut, ist er langsam. Wenn er einen Einfall hat, formuliert er ihn gemessen: Schlagfertigkeit ist eine Sache für Untergebene. Je größer die Macht, desto reduzierter der Code. Bei Schröder scheint der Moment der größten Selbstkontrolle identisch zu sein mit größtem Selbstgenuss: Der Mann hat die Gabe, sich selbst zu inhalieren. Magisch ist seine Textgenauigkeit: Das Rolltempo eines inneren Teleprompters bestimmt seine Rede. Schröder sitzt in seiner Gelassenheit wie in einem Faradayschen Käfig. Der englische Befehl Relax! ist einst in ihn gefahren wie ein sehr langsamer Blitz und beherrscht ihn bis heute.

Beim ersten TV-Duell mit Stoiber trieb der Kanzler seine hypnotische Minimalgestik ins Groteske; er wirkte wie ein gepanzerter Burgherr, der von der Zinne seines Schlosses aus den feindlichen Kämpfern entgegensah, fest entschlossen, sie mit Blicken zu töten. Im Auftritt vor Massen allerdings erreicht das Wenige, das Schröder zeigt, maximale Geltung. Betritt er eine Bühne, ist es ein Anlauf mit angelegten Armen: als wolle ein Turmspringer zum Brettrand vorstürmen und, Hände an der Hosennaht, in die Menge stürzen. Er bewegt sich behend auf der Stelle, in einem eng geführten Tanz mit sich selbst. Gern lehnt er sich auf den linken Ellbogen, den Theken-Ellbogen, und dieser Ellbogen markiert die Grenze zwischen Staat und Privatmann. Die rechte Hand, die Führ- und Lotsenhand, winkt uns vertraulich näher: Und ich sach Ihnen eins…

Selbst das populistische Taktieren erscheint bei ihm, als gehorche er seinen inneren Gesetzen. Wenn er auf deutschen Marktplätzen seine berühmte ruhige Hand symbolisch zwischen den US-Präsidenten und den mörderischen Saddam schiebt, inszeniert er historische Momente. Er ist der perfekte Tatdarsteller, der auf der Bühne nie das Ganze gibt, weil er den Eindruck erwecken will, Kraftreserven fürs Wesentliche, fürs Regieren zu sparen. Er setzt sich mit maximaler Wirkung vom händeringenden Stoiber ab, der instinktiv nach seinem nächsten Vorgesetzten sucht und ihn im Fall der Kanzlerschaft im US-Präsidenten fände. In seinen starken Momenten taugt der Schauspieler Schröder für ein Historienspiel, in seinen schwachen Momenten für routiniertes Entertainertum. Wie liegt der Fall bei Edmund Stoiber? Bei seinen vogeligen Kopfbewegungen, dem dünnen Zwangslächeln, der Vorliebe für Zahlen, der mahnenden Kreidestimme, die sich bei Signalwörtern um einen kasteiend-jaulenden Halbton erhöht (Pisa! Schlusslicht! Körperschaftsteuer!), ahnt man, dass hier ein Asket am Werke ist, der über den Schmerz und das Reglement zur Lust findet. Seine Rolle im Theater könnte die des (auch gegen sich selbst) aggressiven Normensetzers in hoher Position sein: ein Chefarzt, Studiendirektor, Staatsanwalt im Rausch des Aufräumens. Oder ein vom anbrandenden Unflat verbitterter Kardinal, der nicht ohne Genuss vom Weltuntergang spricht.

Auf dem Hamburger Gänsemarkt wird er von linken Störtrupps ausgepfiffen, aber hier ist er in seinem Element: Der äußere Sturm besänftigt den Sturm in seinem Inneren. Es ist, als hätte er Wachspfropfen in den Ohren, die es ihm erlauben, die Sirenen zu überhören. Gegen die wilden Störer erringt er einen Artigkeitstriumph. Und als er kürzlich in Düsseldorf auf dem Weg zum Podium stolperte, lächelte er, als habe er ein Kunststück vollbracht. Der Advokat ahnte, wie es wäre, ein Artist zu sein. In jedem kleinen dicken Mann stecke ein großer dünner Mann, der verzweifelt darum kämpfe, herauszukommen, sagte Alfred Hitchcock. Beim dünnen, groß gewachsenen, nervösen Herrn Stoiber ist es umgekehrt: In ihm steckt ein gutmütiger, gütiger, geduldiger Dicker und sehnt sich danach, von uns geliebt zu werden.

Stoibers geheimes Ziel als Theaterkünstler ist die Rührung. Das merkt man, wenn er das Wort »Menschen« ausspricht oder von seiner Frau erzählt. Er legt dann den Kopf noch schiefer als sonst, er schaukelt vor Wärme. Wie begrenzt seine Rührbarkeit ist, spürt man dann, wenn klar wird, welche Rolle etwa Sozialhilfeempfänger in seinen Monologen spielen.

»Jedes Land zeigt sich heute dazu geneigt, seine Produktion noch mehr als seine Menschen zu schützen«, heißt es bei Elias Canetti, und die Wahrheit dieser Formel ist in den Reden beider Kandidaten zu spüren. Schröder aber kann noch das Härteste so formulieren, dass es gefällt, während es für Stoiber Arbeit bedeutet, zu gefallen. An Schröders Gesicht nagt keine Frustration, am Gesicht des Herausforderers schon; auch ein verzweifelter Hochmut ist bei ihm bisweilen zu erkennen: Recht zu haben und allein damit zu bleiben, die Zahlen zu kennen und die Worte nicht zu finden. Schröders street credibility ist eine Sache des Sounds: Man stelle sich die beiden Politiker mit der Stimme des anderen vor und ahnt, wie drastisch die Folgen für Schröder wären.

Nicht schuldig! Alle Kanzlerkandidaten sind Juristen, Leute, die nichts produzieren, sondern von der Auslegung der Regeln leben. Dabei gibt Schröder den pragmatischen Juristen, für den das Regelwerk ein Unterholz ist, durch das man für den Mandanten Schneisen schlägt. Stoiber dagegen wirkt als der Grundsatzjurist, der sich in diesem Unterholz behaglich einnistet. Möglich, dass der Jurist, der in die Politik überwechselt, bloß ein Anwalt ist, der keinen Mandanten mehr braucht: Er ist sein eigener Fall geworden. Immer geht es in den Plädoyers in eigener Sache vor allem um eines: Ich will die Macht und bin doch unschuldig.

Gefühlte Kanzlerzeit. Was wäre das Theater ohne große Theaterfotos? Schröder hat das schönste: Spät ist es geworden, der Kanzler studiert Akten, er ist ins Lösen unserer Probleme vertieft, wir dürfen ihn durch seine eventuelle Abwahl keineswegs stören. Dieses Plakat, auf dem das Licht der alten Meister liegt, hat die Opposition zur Weißglut gebracht. »Das Ziel meiner Arbeit? Dass alle Arbeit haben« steht darauf, dabei hat Schröder versprochen, er werde die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen herunterdrücken. Welche Chuzpe, so zu tun, als sei er dazu jetzt in der Lage. Indes, das Plakat ist genial: Es stellt die vom Kanzler gefühlte Zeit über die Realzeit. Es ist die um die Folgen aller weltwirtschaftlichen »Verwerfungen« bereinigte Kanz-lerzeit, in der Schröder da sitzt. Er hat die Fähigkeit, so zu erscheinen, als sei er in vier Jahren nur um zwei Jahre gealtert, als befände er sich mitten in seiner ersten Amtsperiode. Zum Mann auf dem Plakat passt dieses Gedicht von Robert Frost: The woods are lovely, dark and deep, / But I have promises to keep, / And miles to go before I sleep / And miles to go before I sleep.

Der Mann darf noch nicht schlafen, weder den kleinen noch den großen Schlaf, er hat Versprechen einzulösen…

Guido und Joschka. Guido Westerwelle hat kein Privatleben. Er verbringt seine Tage in jenem Fitness-Center, das für ihn die Politik ist. Das Aufgehen in den Strukturen prädestiniert ihn dramaturgisch nicht zum Charakterdarsteller, sondern zur Type. In früheren Zeiten wäre er in einer schneidigen Jungoffiziersrolle denkbar gewesen. Komödie und Krieg setzten alles in ein Verhältnis zu allem, hat Hofmannsthal gesagt, und damit alles in ein Verhältnis der Ironie. Diese geheime Ironie passt zu Westerwelle. Jetzt ist Westerwelle anderen Mächten zu Diensten, die alles mit allem ins Verhältnis setzen, mit dem Recht und der Steuer. Er ist der Politiker als Steuerberater, und sein Mantra heißt: Mehr Netto. Entlasten, Steuersystem vereinfachen, abspecken, Fenster aufmachen, Mief rauslassen. Während Schröder, Fischer und Stoiber Lebensleistungsdarsteller sind, ist Westerwelles Domäne das verkaufsorientierte Referententum. Er ist ein Anlageberater für Wählerstimmen, der uns die maximale Dividende verspricht. Von allen Darstellern hat er am meisten von einem Motivationstrainer: Macht euch fit, macht euch frei! Er, der immer drin war und innerhalb der Strukturen höher hinaus will, spricht begeisternd vom befreienden Draußen…

Der Schauspieler Alec Guinness habe sich, so berichtet sein Freund John le Carré, ein Leben lang als schüchternes Kind gefühlt, das sich mit seinen Rollen gegen die Erwachsenen schützte. Und wenn Guinness eine neue Rolle lernte, dann, so le Carré, wirkte er, als bräche das ewige Kind auf in Feindesland. Guinness studierte die Tricks und Masken der Alten und war bald furchterregender als sie selbst. Ein wenig erinnert diese Beschreibung an den Darsteller Joschka Fischer. Fischer hat sich über Nacht im Feindesland der Erwachsenen etabliert, in dem er nun schon zu den alten Weisen zählt. Sein Gesicht ist ein wahres Bühnenbild, es ist die knisternde Inszenierung des Ausdrucks I’m deeply concerned. Der Verantwortungsschock ist diesem Mann in Schopf und Glieder gefahren.

Fischers politisches Leben ist ein Fettabbrennprogramm, dessen Intensität sich im Wahlkampf nur ein wenig steigert. Seine Stimme, fürs Schreien nicht gemacht, verliert bei jeder Veranstaltung ein bisschen Substanz – wie ein Reifen, der beim Bremstest etwas Gummi auf der Strecke lässt. Wo er auch spricht, bleibt ein wenig kostbarer Fischer-Abrieb zurück, auch an diesem Vormittag in Lüneburg. Sein kurzärmeliges Hemd ist feucht, er trägt seine Schweißflecken wie Ehrenzeichen. Jeden Zwischenruf nimmt er mit heiliger Strenge an, dankbar für das Adrenalin, das er einschießen lassen kann. Die Außenpolitik umlagert seine Rede, Joschkas große Welt, und er, der nun Erwachsene, schont uns, die ewigen Kinder, vor dieser Welt, so gut er kann. »Ob Sie CDU, SPD, FDP, Grüne wählen, egal!, das dürfen wir nicht zulassen«, sagt er zum Thema Ausländerfeindlichkeit, und dieses »egal!« ist bei ihm von fast jenseitiger Qualität: Da hat einer schon losgelassen, bereit, ohne uns weiterzugehen. Fischer, der Verschleißkünstler, gibt den Pilger, wie ihn Schiller beschreibt: »Abend wards und wurde Morgen, / Nimmer, nimmer stand ich still, / Aber immer bliebs verborgen, / Was ich suche, was ich will.«

Schlussverbeugung. Der Wahlkampf ist ein reines Theaterwunder. Die Darsteller lernen, während sie spielen, sie haben keine Gelegenheit, monatelang zu proben. Ihre Bühnen sind die Straße, die Gremien, die Ausschüsse, Kanzleien, Fernsehstudios, und ihre Regisseure sind grinsende spin doctors. Politiker sind abgezockte, hoch professionelle, furchtlose Menschendarsteller, die, um’s mal in der Fußballersprache zu sagen, 180 Minuten Gras fressen können, und das Tollste: Sie machen die Gewalttour durch unser schönes Land, ohne je in jenes Lachen ausbrechen zu müssen, das Elvis Presley befiel, als er zum tausendsten Mal Are You Lonesome Tonight? sang.

Ehren wir sie also, bewundern wir sie, fürchten wir sie ein bisschen. Sie alle waren in den letzten Monaten näher dran am Menschen, als wir es je sein werden. Mit weitem Abstand!

DIE ZEIT, 12. September 2002

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