»Gummihandschuhe hätten’s auch getan«

Der ehemalige Bundesinnenminister und Katzenfreund Otto Schily über das aktuelle Krisenmanagement

DIE ZEIT: Herr Schily, mögen Sie Tiere?

Otto Schily: Ich bin ein alter Katzenfreund. In meinem Haus in Italien laufen sie frei herum. Meine Familie hat früher sogar Hühner gehabt, in der Kriegs- und Nachkriegszeit, als die Lebensmittel knapp waren. Manchmal hatten die Tiere Staupe, dann wurden sie mit einer Art Puder behandelt.

ZEIT: Haben Sie sich denn auch um eine artgerechte Haltung bemüht?

Schily: Sie waren bei uns im Keller direkt neben der Küche untergebracht. Ich gebe zu, das war hygienisch nicht ganz einwandfrei. In einem anderen Haus, in dem wir später wohnten, befand sich der Hühnerstall in einem Gartenhaus. Ich kannte die Hühner alle beim Namen.

Schily: Damals hat sich keiner angesteckt. Und wenn wir heute über das Vogelgrippevirus reden, dann muss man sagen: Nach meinem Wissen ist es schon seit 1959 bekannt. Jetzt hat die Seuche natürlich eine ganz andere Dimension angenommen, aber ich finde, sie wird auch übertrieben dargestellt. Gefährlich ist es vor allem für den Vogelbestand. Wie mir Fachleute sagen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mensch mit der aktuellen Virusvariante infiziert, 1 zu 800000. So kalkulieren übrigens Versicherungen die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes mit einer normalen Linienmaschine.

ZEIT: Also Entwarnung?

Schily: Entwarnung nicht. Dass das Thema überall Topnachricht ist, sorgt aber für einen Gemütszustand, der unangemessen ist. Als Innenminister war ich immer darauf bedacht, Wachsamkeit einzufordern – beispielweise bei der Gefahr terroristischer Anschläge –, ohne dabei in Panik zu verfallen. Das gilt für jede Krise.

ZEIT: Trotzdem haben die Leute Angst…

Schily: Wie Sie wissen, bin ich auch von der Anthroposophie beeinflusst. Ohne ein Fachmann zu sein, glaube ich, dass solche Epidemien auch durch die Art unserer Tierhaltung begünstigt werden. Ich erinnere an die BSE-Seuche, die zustande kam, weil man schlichtweg vergessen hatte, dass Wiederkäuer nicht mit Fleisch, also Tiermehl, gefüttert werden dürfen. Wir müssen uns gerade jetzt in diesen Tagen die Frage stellen, was der Auslöser solcher Pandemien ist.

ZEIT: Aber wenn der Seuchenfall schon eingetreten ist, wie organisiert man vernünftigerweise die geeigneten Maßnahmen?

Schily: Ich habe mit Zufriedenheit gelesen, dass Herr Seehofer sich nun auch auf meine Seite schlägt: indem er sagt, wir brauchen in diesem Punkt mehr zentrale Kompetenzen. Es muss eine stärkere Koordinierungskompetenz auf der Seite des Bundes geben.

ZEIT: Es gibt doch schon das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Schily: Sicher, aber das ist eher eine Serviceeinrichtung ohne zentrale Befugnisse.

ZEIT: Auf Rügen sah man Schutzanzüge, Atemmasken und die Bundeswehr. War dieser Auftritt dem Anlass angemessen?

Schily: Wir dramatisieren das Ganze in einer Weise, die ich für überflüssig halte. Ich will nicht zynisch klingen, aber bei ein paar toten Schwänen hätten es Gummihandschuhe vermutlich auch getan.

ZEIT: Soll die Politik in dieser Situation mäßigend wirken oder aus Vorsicht die Gefahr beschwören?

Schily: Vor allem muss die Politik sich gut informieren. Und dann einen Beitrag zur Versachlichung leisten, sonst gerät sie in abschüssiges Gelände, weil es dann eine unkontrollierte Eigendynamik gibt. Wir leben ja heute in einer Welt der Bildersprache. Die Politik soll darauf achten, dass die Menschen nicht noch stärker verunsichert werden.

ZEIT: Neigen Politiker dazu, sich in die Landschaft zu stellen und sich als große Krisenmanager zu profilieren?

Schily: Sicher, die Versuchung ist da.

ZEIT: Präsentieren sich Politiker in diesen Tagen sachkundig?

Schily: Man kann von einem Staatssekretär oder einem Minister nicht erwarten, dass er alles weiß. Aber er muss wissen, wer etwas weiß, wen er fragen kann. Das wiederum hängt auch davon ab, ob die geeigneten Einrichtungen zu Verfügung stehen. Die Frage ist, ob wir nicht auch eine Forschungsinstitution auf europäischer Ebene haben sollten, die sich speziell mit Virusforschung beschäftigt. Bei einer Pandemie ist die Erfordernis offenkundig, denn die Krankheiten machen nicht an Ländergrenzen Halt. Insofern ist es etwas seltsam, dass nur die Nord-Länder jetzt ein gemeinsames Kompetenzzentrum einrichten wollen.

ZEIT: Ist das ein Beispiel für politischen Aktionismus?

Schily: Politiker sind manchmal in einer undankbaren Rolle. Wenn sie sich nicht auf die Seite der Warner stellen, kann es ihnen passieren, dass sie später, bei einer Eskalation der Lage, als Verharmloser dastehen. Ich bin immer auf der Seite der Beruhiger gewesen, wenn es nicht auf eine Bagatellisierung der Gefahr hinauslief. Nur zwei Beispiele aus der Zeit, als die Anthrax-Hysterie alles beherrschte: Zweimal wurden Briefe mit einem weißen Pulver in mein Ministerium geschickt. Beim ersten Mal herrschte große Aufregung. Alle Büros wurden mit roten Bändern abgesperrt. Ich habe das Zeug genommen und kurzerhand in die Toilette gekippt. Das war natürlich falsch. Bein zweiten Mal ließ ich mir genau erklären, wie der Brief aussah. Ich verfüge über eine gewisse forensische Erfahrung und meinte, das war das kein Anthrax-Brief. Also haben wir auf Schutzmaßnahmen verzichtet. Wir lagen richtig damit.

ZEIT: Wenn Sie falsch gelegen hätten…

Schily: …wäre ich natürlich sofort zurückgetreten.

ZEIT: Wenn sich eine Katastrophe nicht richtig fassen lässt, wer definiert eigentlich verbindlich für alle das Ausmaß der Gefährdung?

Schily: Das können am besten die Wissenschaftler. Aber natürlich auch der ressortverantwortliche Politiker. Angst hat man immer vor dem Ungewissen.

ZEIT: Haben Sie sich schon von Ihrem Arzt Tamiflu verschreiben lassen?

Schily: Nein.

ZEIT: Was halten Sie von der vorbeugenden Tötung von Tierbeständen? Ist das ethisch gerechtfertigt?

Schily: Im Seuchenfall geht selbstverständlich Menschenschutz vor Tierschutz. Wenn ich mich jedoch an das wahllose Abschlachten der Rinder während der BSE-Krise in England erinnere, habe ich meine Zweifel, ob das die richtige Maßnahme war. Ich fürchte, damals waren auch ökonomische Motive im Spiel, es war die Gelegenheit, den Fleischmarkt zu bereinigen. Ich halte eine solche Vorgehensweise für unmoralisch. Wir sollten Tiere, Lebewesen, die uns anvertraut sind, mit Respekt behandeln. Das beginnt mit der Tierhaltung und schließt auch das Verbot ein, Tiere zu quälen. Das ist zu Recht unter Strafe gestellt.

ZEIT: In wenigen Wochen kommen die Zugvögel zurück. Freuen Sie sich auf ihre Ankunft?

Schily: Ja, selbstverständlich freue ich mich darauf. Meine italienischen Freunde versuche ich zu überzeugen, die Jagd auf Zugvögel zu unterlassen.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Thomas E. Schmidt

 
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    • Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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    • Schlagworte Otto Schily | Rügen | Italien | Großbritannien | Pandemie | Tierhaltung
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