DIE ZEIT: Gräfin Schönfeldt, was Kinderbücher angeht, so sind Sie eine Institution in Deutschland. Jahrelang haben Sie die Kinderbuchseiten der ZEIT mitgeprägt, den Deutschen Jugendliteraturpreis mitvergeben, mehr als 130 Bücher für Kinder aus dem Englischen übersetzt. Für Neuerscheinungen werben Verlage gern mit einem Aufkleber, der auf Ihre Empfehlung hinweist.

Sybil Gräfin Schönfeldt: Die jüngste Empfehlung dieser Art klebte, wenn ich mich recht erinnere, auf der Fantasy-Erzählung Die schweigende Straße von Livi Michael. Über dieses Buch habe ich mich schon allein deshalb gefreut, weil wir es dabei mit einer fantastischen Geschichte zu tun haben, in der nicht von Anfang an gemordet wird. Ich habe in den letzten Jahren durchaus lukrative Übersetzungsangebote abgelehnt, weil die Helden der betreffenden Bücher besinnungslos alles niedermachen, was sich ihnen in den Weg stellt. Im Überangebot der Fantasy-Epigonen findet man leider auch viele Bücher, die nichts taugen, und viele Autoren, die nicht gut schreiben können.

ZEIT: Nun erwirbt man die Sicherheit Ihres Urteils ja nicht von heute auf morgen. Und die wenigsten Menschen nehmen sich wahrscheinlich in der Schule vor, Experten für Kinderliteratur zu werden. Wie kamen Sie zu Ihrem Spezialgebiet?

Schönfeldt: Wie die meisten anderen jungen Leute hatte ich nach dem Krieg kein Geld und musste irgendwie mein Studium finanzieren. Ich studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Englisch in Wien und hatte das Glück, eine Stelle als assistant librarian in der Amerikanischen Bibliothek zu bekommen. Im Rahmen der Re-Education schickten die Amerikaner ganze Schiffsladungen von Büchern nach Europa. In der Wiener Bibliothek gab es eine extrem gut ausgestattete Kinder- und Jugendliteraturabteilung, und auf einmal konnte ich all die Sachen lesen, die wir in der Nazizeit verpasst hatten. Bilderbücher wie die Giant Golden Books von Simon & Schuster, Geschichtensammlungen, illustriert von Russen, Japanern, Emigranten aus Europa – da waren plötzlich Bilder der Welt. Und die unvergleichliche britische Autorin Edith Nesbit entdeckte ich, deren Bücher ich später für den Dressler Verlag übersetzt habe.

ZEIT: Wann kamen Sie zur ZEIT?

Schönfeldt: In den fünfziger Jahren. Der erste Feuilletonchef, Paul Hühnerfeld, hatte gerade seine erste Tochter bekommen – und dementsprechend ein reges Interesse am Thema Vorlesen. Also durfte ich über Kinder- und Jugendliteratur schreiben. Dann wurde 1956 zum ersten Mal der Deutsche Jugendbuchpreis ausgelobt. Die so genannte Bestenliste umfasste 80 Titel. Ich bekam die Aufgabe, sie alle zu lesen.

ZEIT: Und zu beurteilen?

Schönfeldt: Ich kann es nicht freundlicher sagen: das trübe Mittelmaß der fünfziger Jahre. Über allen lag der Muff des Liegengebliebenen, Vorsichtigen, Unentschlossenen. Also schrieb ich einen Verriss des Jugendbuchpreises. Am nächsten Tag kamen ein älterer Herr und eine junge Bibliothekarin von der Jury in die Redaktion und verlangten mich zu sprechen. "Geh raus, die machen Hackfleisch aus dir", sagten die Kollegen schadenfroh. Aber tatsächlich wollten sie mich in die Jury wählen lassen.

ZEIT: Der Sie immer wieder bis in die achtziger Jahre hinein angehört haben. War der Preis nützlich für die Verbreitung von guter Kinderliteratur?

Schönfeldt: Das kam sehr darauf an. Ich weiß noch, wie verzweifelt und wütend ich bei einer der ersten Entscheidungen war. Da stimmte die Mehrheit nicht für Astrid Lindgrens herrlich wilden Karlsson vom Dach, sondern für ein zahmes, politisch korrektes Buch über eine Dorfgemeinschaft, die sich entschließt, ein Storchenpaar zu schützen. Und Lindgren bekam den Preis auch in den folgenden Jahren lange nicht, weil es immer hieß: Sie stand ja schon auf der Auswahlliste.

ZEIT: Das klingt immerhin nach wirklich leidenschaftlichen Debatten…

Schönfeldt: Oh, die Jury war ein sehr leidenschaftliches Gremium. Oft musste ich Jurorinnen zurückholen, die rausrannten und auf der Toilette heulten. Und den anderen sagen, sie sollten sich mal etwas zurückhalten.