Journalismus Todesmutig für die Wahrheit
Seit dem Beginn des Krieges starben im Irak über 80 Journalisten. Dennoch gibt es Ansätze einer freien Presse im Land. Einheimische Reporter versuchen, unabhängig zu berichten – und riskieren dafür ihr Leben
Wenn Ziyad Mohammed* morgens zur Arbeit geht, glaubt seine Mutter, er breche auf zum Basar, um Granatäpfel, Trauben und Orangen zu verkaufen. Sorgfältig verbirgt er alles, was seine wahre Tätigkeit verraten könnte, tief in seiner Tasche – Tonband, Stifte, Notizblock. Mit einem Taxi fährt er ins Zentrum von Bagdad, lässt sich jeden Tag an einer anderen Ecke absetzen und läuft das letzte Stück zur Arbeit zu Fuß.
Auch Dina Hussein* ist extrem vorsichtig, seit sie in einer Moschee in Mossul ihren Namen auf einer Liste entdeckt hat. Darauf stehen »Kollaborateure«, die zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Dina verrät kaum noch jemandem, was sie tut, erledigt so viel wie möglich von ihrer Arbeit am Telefon und beschränkt ihre Fahrten durch die Stadt auf das Notwendigste.
Ihr Berufskollege Ali Mustafa* hatte Glück im Unglück. Als die Milizionäre der Jeich al-Mahdi, der Privatarmee des Schiitenpredigers Muqtada al-Sadr aus dem Nichts an der Landstraße von Amara nach Bagdad auftauchten und ihn stoppten, verlangten sie nur die Herausgabe aller Videobänder, die er bei sich hatte. Die Frucht mehrerer Tage Arbeit, Dreharbeiten in den renaturierten Sumpflandschaften im Südirak – verloren. Er selbst aber kam heil davon.
Auf offener Straße Englisch reden? Das könnte tödlich sein
Ziyad, Dina und Ali sind Journalisten – Mitglieder einer bedrohten Spezies im Irak. Aus Angst vor Mord oder Entführung halten viele Reporter ihre Arbeit selbst vor der eigenen Familie geheim. Sie schreiben unter falschem oder ohne Namen und sind immer häufiger inkognito unterwegs. »Ruf mich in einer Stunde an, kann jetzt kein Englisch reden«, antwortet Ali Mustafa per SMS, wenn das Display seines Handys im unpassenden Moment einen ausländischen Anrufer anzeigt. Auf offener Straße Englisch reden? Könnte tödlich sein. Termine weit im Voraus vereinbaren? Lieber nicht. Der Falsche könnte Wind davon bekommen, die Fahrt zum Interview zur Falle werden. »Ich rufe nur noch ganz kurz vorher bei meinen Gesprächspartnern an und frage, ob ich vorbeikommen kann«, sagt Ali. »Man kann niemandem mehr trauen, die Verräter sitzen überall.«
Journalistenhölle, Journalistenparadies. Kaum ein Land birgt derzeit spannendere Geschichten als der Irak. Zugleich ist der Versuch, diese Geschichten zu finden und zu erzählen, nirgendwo so gefährlich. Schlagzeilen machen vor allem die Schicksale ausländischer Kollegen wie das der amerikanischen Reporterin Jill Caroll, die sich seit dem 7. Januar in der Gewalt von Entführern befindet. Den Löwenanteil des Risikos aber, aus einem immer unzugänglicheren Land zu berichten, tragen die einheimischen Reporter, Fotografen und Kameraleute. Berichte vom Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra vor wenigen Tagen kostete ein dreiköpfiges Team des Senders al-Arabiya das Leben: Die Reporterin Atwar Bahjat machte noch zwei Liveschaltungen vom zerstörten schiitischen Heiligtum; auf dem Rückweg wurden sie, ihr Kameramann und ihr Tontechniker von Unbekannten gekidnappt und ermordet.
Schon der ganz normale Alltag kann für irakische Journalisten gefährlich sein. Sie wohnen nicht in gesicherten Wohnanlagen oder Hotels wie ihre westlichen Kollegen, sie haben keine Leibwächter. Und ihre Artikel und Filme werden im Irak gelesen und gesehen – etwa die vom neuen irakischen Staatsfernsehen al-Iraqiya ausgestrahlten Verhöre mit festgenommenen Aufständischen. Wer am falschen Ort mit einem Al-Iraqiya-Ausweis erwischt wird, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Im November 2005 wurden bei einem gezielten Angriff auf ein Al-Iraqiya-Team zwei Journalisten getötet und sechs weitere verletzt.
Seit drei Jahren ist der Irak das gefährlichste Land für Journalisten. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen starben seit Beginn der Kampfhandlungen im März 2003 82 Journalisten bei der Arbeit – in knapp drei Jahren mehr als in 20 Jahren in Vietnam, wo zwischen 1955 und 1975 66 Journalisten ihr Leben ließen. Mehr als die Hälfte der im Irak getöteten Journalisten waren Iraker.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Ist es die Suche nach der Wahrheit oder einfach nur Jagd auf die naechste,grosse Schlagzeile die dem Journalisten einen'Namen macht'????
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