Kanzlerin Haben Sie abgeschworen, Frau Merkel?
Als sie noch in der Opposition war, forderte Angela Merkel radikale Reformen. Und heute? Ein Gespräch im Kanzleramt
Gern spricht Angela Merkel zunächst nicht über das Thema »Hat Angela Merkel abgeschworen?«. Erst mal reagiert sie genervt. So, wie man diese Frau nur noch selten erlebt, seit sie Kanzlerin ist. Ob die Antwort nicht ohnehin schon feststünde, will sie wissen, und ob sich das Gespräch denn überhaupt noch lohne.
Doch, doch, es lohnt sich, schon weil man zu gern wüsste, was sie mit dem Land noch vorhat. Außerdem liegt die Frage in der Luft. Immerhin unterscheiden sich ihr Regierungs- und ihr Wahlprogramm mehr, als es ohnehin üblich ist, wenn eine Koalition geschlossen und ein Blick in den Haushalt getan ist. Der Kanzlerin wird darum vorgeworfen, dass sie binnen weniger Monate eine Spitzkehre unternommen habe, von der neoliberalen zur Beinahe-Sozialdemokratin, von der veränderungswütigen Oppositionsführerin zur Kanzlerin der »kleinen Schritte«. Die einen sind nun erleichtert, dass sie endlich von ihrem radikalen Trip runter ist, die anderen werfen ihr vor, von der Fahne gegangen zu sein. Läuterung oder Verrat? Ein Drittes gibt es nicht!
Haben Sie abgeschworen, Frau Merkel?
»Natürlich nicht«, antwortet sie knapp. Die Antwort hilft jedoch nicht recht weiter. Denn ein Politiker würde niemals zugeben, dass er seine Meinung fundamental geändert hat. Aber haben Politiker, so fragen die Misanthropen unter den politischen Beobachtern sogar, überhaupt feste Überzeugungen, hat sie welche? Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung, der es immer ganz genau weiß, weiß auch dies ganz genau: »Ihre Politik ist abwaschbar. Sie steht auf einer Zaubertafel, auf der alles erscheinen kann, aber nichts wirklich ist.« Dahinter steht die These von der strukturellen Gesinnungslosigkeit der Macht, also die Auffassung, dass Politiker im Allgemeinen, besonders aber diese Frau Merkel, deren Aufstieg sich manch einer nicht recht erklären kann, nur insoweit Überzeugungen haben, wie sie dem Machterhalt nicht im Wege stehen. Widerlegen können Politiker diese Annahme natürlich nicht, solange sie Politiker sind. Denn dass sie Macht haben, beweist ja quasi im Umkehrschluss, dass ihre Überzeugungen dabei nicht allzu hinderlich sein können.
Der einzige Weg, die These zu widerlegen, ist der politische Hexentest nach mittelalterlichem Vorbild. Eine Frau wird mit einem Stein an den Füßen ins Wasser geworfen. Geht sie unter, dann war sie keine Hexe, ist aber tot; überlebt sie, dann ist sie eine und wird verbrannt. Und heute: Um den Test zu bestehen, muss ein Politiker für eine bestimmte Überzeugung seine Macht wegwerfen, möglichst in hohem Bogen.
Die klarsten Fälle dieser Art waren Postminister Christian Schwarz-Schilling, der im Dezember 1992 wegen der deutschen Balkan-Politik um seine Entlassung bat, sowie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die genau drei Jahre später ihr Amt als Justizministerin niederlegte, weil sie den großen Lauschangriff nicht exekutieren wollte. Beide hatten, soweit man weiß, honorige Motive, beide waren keine Hexen, sondern vielmehr Engel. Leider dann politisch tot, wie schade.
Vor der heiligen politischen Inquisition hätte Angela Merkel also keine Chance, schließlich ist sie Bundeskanzlerin und will es bleiben, sogar zusammen mit der SPD, das sagt doch schon alles. Aber vielleicht geht es auch kleiner, moralisch bescheidener. Vielleicht hilft eine Geschichte, ihre Geschichte.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Man sieht förmlich die Schweißtropfen auf der Stirn von Bernd Ulrich bei der Bemühung die inhaltliche Leere dieser "Kanzlerin" in nette, erklärende Worte zu packen. Obwohl sich der größte Wahlbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik immer deutlicher abzeichnet. Mit verlogenen Wahlkampfphrasen ins Kanzleramt zu kommen hat ja tatsächlich noch keiner vorher geschafft! Es interessiert den Bürger auch sehr wenig, ob Frau Merkel abgeschworen hat oder detailverliebt ist, wo sind die die vielfach versprochenen Taten? Schade, der "politische Hexentest" wäre schon nicht schlecht! Aber die Klasse und Moral wie z. B. bei Frau Leutheuser-Schnarrenberger oder Christian Schwarz-Schilling dürfen wir hier nicht erwarten. Mit Machtverliebtheit und grenzenloser Selbstüberschätzung regiert diese Frau Deutschland an die Wand -und das dumme Volk schaut noch begeistert zu!!!
Zornige Grüße aus Berlin
es ist immer wieder ein Genuss, die Artikel von Herrn Ulrich zu lesen. Dafür ein Danke an dieser Stelle. Zwei Punkte möchte ich aus dem Text herausgreifen:
1.) DIE Bürger wollen vor noch mehr Veränderung geschützt werden ist so nicht ganz korrekt. Immerhin haben sich bei der Wahl 45% der Bürger (Schwarz-Gelb) ganz konkret für tief greifende und schnelle Reformen ausgesprochen.
2.) Siebzig Prozent des aus ihrer (Merkels) Sicht unabweisbaren Reformprogramms müssen, wie abgewandelt auch immer, in der Großen Koalition realisierbar sein. Diese Aussage aus dem Mund der Bundeskanzlerin macht hellhörig. Auch wir, die 45%ler, machen uns Sorgen. Und nach 100 Tagen einen Reim: Wer an einem internationalen Marathon teilnimmt mit der selbst gesteckten Vorgabe, maximal 70% der Strecke und diese lediglich in kleinen Schritten mitzulaufen, sollte besser gar nicht an den Start gehen. Zumindest am Ziel anzukommen, ist mit dieser Haltung nicht vorgesehen. Unter den ersten zu sein, aussichtslos.
Seit in den 90er Jahren die Reformen in der deutschen Unternehmenslandschaft begannen, gibt es den netten Witz von den Schnellen und den Toten für zögerliche Unternehmer/Manager. Und der geht so:
Zwei Camper sitzen barfuss in Kanada vor ihrem Zelt am Lagerfeuer.
Fragt der eine: Was machst du, wenn jetzt ein Bär kommt?
Sagt der andere: Ich weiß nicht. Und was machst du?
Sagt der eine: Ich gehe ganz langsam ins Zelt und ziehe meine Turnschuhe an.
Fragt der andere: Und dann?
Sagt der eine: Dann bin ich schneller als du!
Zumindest werte ich es als ein kleines Signal der Hoffnung, dass die Presse-Bären sich nach 100 Tagen vom verführerischen Honig-Topf wegbewegen und endlich auf die Pirsch gehen. Vielleicht raffen sich Frau Merkel und ihr Kabinett dann auf, sich besser die Turnschuhe anzuziehen und sich zu bewegen. Schnell.
Ich wünsche Ihnen "fröhliches Jagen!"
Es ist mir unverständlich dass Keiner bemerkt dass Machtgierige nur Macht wollen und jeden auf diesem Weg verunglimpfen würden, Freund oder Feind werden nur zu Werkzeug.
Aber Du bist Deutschland wollte ja das Mädchen aus dem Osten testen, ohne zu bedenken dass eine Physikerin wahrscheinlich mal eine kühle Rechnerin ist.
Vielleicht wird es auch so sein dass wir gegen China löhne konkurrieren müssen, also dann Prost, denn in den Städten verdienen Chinesische Arbeiter 1000 im jahr, in Indiens Textilindustrie 500 im Jahr.
Wenn wir bis dahin verarmen sollen um Konkurrenzfähig zu werden sollten wir doch Wohngemeinschaften in Container ins Auge fassen.
Bis wohin fallen wir? Wann machen wir den Fallschirm auf?
Man braucht keinen Hexentest um seine Grundüberzeugungen darzustellen. Ich gebe ihnen ein paar unterschiedliche Beispiele zu dem jeweiligen Verhalten von Frau Merkel.
Alle fanden wir mutig, dass Frau Merkel in der Spendenaffäre klar Stellung gegen Herrn Kohl bezogen hat. Als es aber darum ging, dass die CDU, die dadurch fällige Strafe bezahlt, hat die CDU unter Federführung von Frau Merkel dagegen geklagt. Soweit so gut, was wirklich überraschte, war die Begründung dafür: Im Gesetz würde nur stehen, dass man einen Bericht abgeben muss, und nicht, dass die Angaben auch stimmen müssten.
Nach der Wahl 2002 hat der damalige Generalsekretär Laurenz Meyer mit Rückendeckung von Frau Merkel ein Plakat der Presse präsentiert auf dem der damalige Kanzler Schröder als "Verbrecher" abgebildet war.
Und mit Verlaub, wer die Kopfpauschale finanzieren will, in dem die Steuern von 42 % nur auf 39 % und nicht wie einmal angestrebt auf 36 % gesenkt werden, mag ja detaillverbliebt sein, aber....
Diese kleinen Beispiele sagen doch sehr viel: Redlich bin ich, solang ich keinen Nachteil habe. Um den politischen Gegner zu diffamieren, war mir fast jedes Mittel recht. Meine Politik muss nicht realisierbar sein. Man braucht keine Hexenverbrennung, sondern nur einfache moralische Grundüberzeugungen, die durchaus mit dem Politikbetrieb vereinbar sind.
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