Frankreich Das Zentrum der Barbarei
Nach dem Mord an einem französischen Juden sehen viele in Frankreich eine neue Dimension des Antisemitismus. Manche aber zweifeln, ob das Verbrechen mit Rassenhass zu tun hatte
Paris
Bagneux ist eine Schlafstadt im Süden von Paris, bevölkert von einfachen Angestellten und Beamten, die kaum das Personal für ein Problemviertel abgeben. Zuletzt war die mit 37000 Einwohnern in den achtziger Jahren ins Gerede gekommen. Damals hatten professionelle Heroindealer das Quartier zum Zentrum des Pariser Drogenhandels gemacht. Doch die Anwohner formierten sich zu einer Bürgerinitiative und vertrieben die Eindringlinge. Seitdem herrschte Ruhe in Bagneux. Bei den Vorstadtkrawallen im vergangenen November brannten hier nur drei Autos.
Doch jetzt gilt Bagneux als »Zentrum der Barbarei«. Vor dem sauberen elfgeschossigen Wohnhaus an der Rue Serge-Prokofiev Nr. 4 liegen Blumen. Ein kleines Schild trägt die Aufschrift »Für Ilan Halimi«.
Als die Polizei kam, war die Wohnung im dritten Stock bereits frisch renoviert. Hier wurde der 23 Jahre alte Telefonverkäufer Ilan Halimi drei Wochen lang festgehalten und gefoltert, bis seine Entführer ihn am 13. Februar mit tödlichen Verletzungen an einem Bahndamm aussetzten.
Sofort nach der Entdeckung der Mordtat sprachen Zeitungen von einer Komplizenschaft der Bewohner, die das Verbrechen gedeckt hätten. »Wir haben wirklich nichts gewusst«, beteuert Michel Alisse, ein 50 Jahre alter Krankenhausangestellter, der eine Etage unter dem Schreckensort wohnt. Andere Bewohner berichten von Geräuschen und einem Geruch nach Farbe, wie es bei Wohnungsrenovierungen üblich sei. Auch von dem Transport des Opfers in den Heizungskeller hat niemand etwas mitbekommen. Noch vor zwei Wochen, als Polizisten die Entführerwohnung aufbrachen, dachten viele, die Dealer seien zurückgekehrt. Jetzt ist das Entsetzen über das Verbrechen gewaltig – ebenso wie über die Vorwürfe, einen Mord verschwiegen zu haben. »Wer weiß heute schon, was in der Nachbarwohnung passiert«, empört sich ein Mieter aus dem zehnten Stock. »Die Unterstellung, dass wir alle mitschuldig sind, ist ein Skandal.«
So wie der Kollektivverdacht über Bagneux hängt, so lastet über einem der brutalsten französischen Gewaltverbrechen nun der Verdacht einer antisemitischen Bluttat. Denn Ilan Halimi war Jude maghrebinischen Ursprungs, und seine Entführer, von denen mittlerweile 18 festgenommen wurden, begründeten die Wahl ihres Erpressungsopfers damit, dass Juden reich seien. Der mutmaßliche Bandenchef, ein 25 Jahre alter Franzose afrikanischer Herkunft, der in Abidjan auf seine Auslieferung wartet, streitet antisemitische Motive bislang ab.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





So eine Tat kann morgen auch woanders in Europa passieren ueberall in Europa sitzen aehnlich gstrickte junge Maenner die vor nichts zurueck schrecken.War dieser Mord anti-semitisch,absolut.Denn wie man schon erfuhr standen die Moerder dieses jungen Mannes unter dem Eindruck dass alle Juden reich sind..wenn er Katholik gewesen waere es bestimmt nicht passiert.Ich war aber sehr erstaunt zu lesen dass man ihn so schnell auslieferte.....
Gut, dass man die Franzosen vom Vorwurf des Antisemitismus im Zusammenhang mit diesem Mord weitgehend freisprechen kann! Einfach toll, wenn ihnen und auch uns Europäern diese Bürde genommen wird!
Es kann aber weder der Ernst der Betroffenen in Frankreich (die Franzosen) noch sonst wo in Europa sein, danach zur Tagesordnung überzugehen. Und auch wenn die "muslimische Karte" nicht zieht, wie Le Monde abwiegelt, sollten wir die Ursachen nicht als aufgeklärt bewerten. (Wobei in der Tat nach einer genaueren ethnischen Gruppenstruktur der Täter noch zu fragen wäre. Waren "weiße Gallier" beteiligt?)
Die Feststellung, es handele sich ja "nur" um die Zuordnung zu den längst schon bekannten Problemquellen der quartiers oder banlieues, erklärt nicht sondern versucht doch nur deskriptiv die Aufregung zu beschwichtigen, die mit Sicherheit seit den Krawallen vom November letzten
Jahres inzwischen wieder sang- und klanglos im Stimmungsbarometer der öffentlichen und veröffentlichen Meinung verschwunden ist. Hier wirkt die verordnete oder klammheimlich allerseits geteilte Grabesstille bei der Bewertung über die zunehmende Explosivität der Unruhen in den banlieues verräterisch und demaskierend. Ganz nach dem Motto: Was nicht diskutiert oder beklagt wird, ist auch nicht vorhanden.
Ich vermisse in dieser Angelegenheit offene und klare Worte des Innenministers, der sich ja anschickt, Präsident zu werden. Hat er es wieder aufgegeben, seine Franzosen mit ihrer Gewalttätigkeit und Mitleidslosigkeit zu konfrontieren? Seine Analyse aus dem November war goldrichtig. Fürchtet er sich jetzt vor seinen eigenen starken Worten, weil sie den Franzosen Bereitschaft zur Selbstkritikfähigkeit und -bereitschaft, zur Veränderung, zur Bewegung und zum Verzicht abverlangen? Immerhin geschah die Untat mitten in den banlieues, und alle haben weggeschaut und nichts gehört.
Wo ist denn nun das Zentrum der Barbarei?
Es liegt im Herzen Frankreichs und nicht nur in den banlieues. Leider wollen sich die Franzosen auf leisen Sohlen aus dieser gesellschaftspolitischen Verantwortung wegstehlen. Sie werden bei den nächsten Gewalttaten aufs Neue von ihr eingeholt. Es ist sicher zielführender, Mr Sarkozy schlägt sich mit dem Problem herum, als dass ein LePen daraus seinen Honig saugt.
Ich unterstelle, es waere eine antisemitische Tat, nur zur Deutlichkeit: ich nehme es hypothetisch an!
Die Reaktionen sind klar: Antisemitismus wird in Europa auf das Schaerfste bekaempft, es wird bekaempft religioese Intoleranz, auch wenn sich der gewalttaetige Zorn, wie einige Male in Deutschland, gegen Muslime richten sollte, er wird bekaempft!
Wir, Westeuropa, muessen eine Festung der Liberalitaet bleiben, des Glaubens an die Menschenrechte, Vordenker und Modell fuer die ganze Welt!
In South Carolina wurde ein iranischer Student verhaftet der mit seinem Auto in eine Gruppe Studenten fuhr um den Tod von Muslimen in der ganzen Welt zu raechen.
Als Ariel Scharon vor dem Antisemitismus in Frankreich warnte, bewerteten es die europäischen Medien einstimmig als einen durchsichtigen Versuch, jüdische Immigration nach Israel anzustoßen, Chirac gab sich zutiefst beleidigt, und die Süddeutsche Zeitung hat eine antisemitische Karikatur veröffentlicht.
Vor wenigen Monaten hat die französische Regierung stolz die frohe Nachricht verkündet, die antisemitischen Übergriffe in Frankreich gingen um fast 50% zurück, verglichen mit Vorjahr. Die Nachricht hört sich aber wesentlich schlechter an, wenn man sie in die Relation zu anderen rassistischen Übergriffen stellt: die antisemitischen bilden immer noch die Mehrheit, und vor zwei Jahren waren sie doppelt so häufig wie alle anderen rassistischen Übergriffe zusammen. Da aber Juden in Frankreich eine zehn mal kleinere Gruppe sind als die angeblich so stark bedrohte Muslims, heißt das, dass ein Jude heute 10-mal gefährlicher lebt als ein Moslem (vor zwei Jahren war das Verhältnis 20:1). Das wird in den Medien systematisch verschwiegen und dem entsprechend ist die Wahrnehmung in der Bevölkerung: in einer Umfrage nannten nur 5% der befragten Franzosen Juden als die meistbedrohte Minderheit.
Auch die jetzigen Relativierungsversuche des Foltermordes an Ilan Halimi passen gut in das Muster. Dabei gibt es gar keine Zweifel, dass die Täter antisemitisch motiviert waren: 75% der von Ihnen ausgesuchten Opfern waren Juden (unwahrscheinlicher Zufall bei nur 1% jüdischer Bevölkerung), sie gaben selbst zu, geglaubt zu haben, Juden wären reich (ein typisches antisemitisches Klischee) und Halimi gefoltert zu haben, weil er Jude war. Seiner Familie haben sie empfohlen, das Lösegeld von der jüdischen Gemeinde zu kriegen... Kurz: wäre Halimi kein Jude gewesen, wäre er heute am Leben und gar nicht erst entführt worden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren