Wider den inneren Feind

Das Tagebuch Carl Schmitts aus dem Jahr 1915 ist jetzt zu lesen: Es enthüllt das erschreckend schlichte Grundmuster seines Denkens von Assheuer

Carl Schmitt, der berühmte Rechtsgelehrte und spätere »Kronjurist des Dritten Reiches«, hatte von Tagebuchschreibern keine hohen Meinung. »Die meisten kommen mir vor wie Kinder, die an allem saugen, was sie in ihre Finger bekommen.« Zum Glück hat Schmitt sich selbst nicht daran gehalten und in radikaler Offenheit über sein Leben und Denken Buch geführt Nr. 16/04). Entstanden sind Herzensschriften eines Unglücklichen, unerbittliche und entwaffnend aufrichtige Protokolle eines desperaten Lebens. Zugleich sind Schmitts Tagebücher unerhörte Dokumente für den Werdegang eines blendenden Intellektuellen, der in der Kaiserzeit geistig sozialisiert wurde, nach dem Ersten Weltkrieg die Weimarer Republik in Grund und Boden schrieb und sich dann dem NSMythos in die Arme warf.

Natürlich wäre es unzulässig, wollte man von Schmitts Niederschriften schlankweg Rückschlüsse auf sein Denken ziehen. Gleichwohl vollzog der Jurist seine wissenschaftlichen Schanzarbeiten nicht im biografisch leeren Raum. Schmitts Begriffe hatten einen festen Sitz im Leben; in ihnen spiegelt sich auf vertrackte Weise auch das Leid der frühen Jahre. Umgekehrt bildeten Schmitts Begriffe oft genug eine Waffe, mit deren Hilfe er sich den Ansturm der trostlosen Empirie und die Gewalt der Verhältnisse vom Leibe hielt.

Der zweite Band der Tagebücher setzt im Februar 1915 ein und endet jäh im Dezember desselben Jahres. Ein paar kryptische Notate sind noch zu entziffern, die letzten Seiten fehlen. Es ist die Zeit, in der sich Schmitts Hoffnung auf eine Privatdozentur in Straßburg zu erfüllen scheint. Bis dahin spricht er vom »Tagebuch eines unglücklichen Mannes«, von Aufzeichnungen aus der »Hölle«.

Schmitt hatte sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet, nachdem ihm in München eine Stelle im Generalkommando des I. bayerischen Armee-Korps in Aussicht gestellt worden war – pikanterweise im Referat P6, das den Briefverkehr der pazifistischen Intelligenz überwachen sollte. Es ist nicht so, dass Schmitt sich mit Feuereifer auf seine Tätigkeit gestürzt hätte. Anfangs durchaus widerwillig, verfasst er Gutachten, stellt »Beschlagnahmeverfügungen« aus oder bringt einen Zeitungsartikel über Käsehöchstpreise zu Papier.

Doch bald schon macht er sich mit seiner messerscharfen Intelligenz unverzichtbar – und leidet fürchterlich. Der Krieg macht alles Leben zur Qual, zur Mühsal ohne Ende. Schmitt hasst den Krieg, er hasst »das Preußentum«, vor allem den »menschenunwürdigen und bestialischen Zwang« des Militärs. »Wie hasse ich diese Zeit und dieses Land und diese Menschen.« Einmal verspürt er sogar »eine sonderbare Freude, wenn der Feind siegt«. Dann wiederum erklärt er sich selbst den Krieg. »Ich bin ein hässlicher, böser Mensch … Ich bin ein dummer Prolet, genusssüchtig, eitel, streberisch und heuchlerisch.«

Verachtung und Größenwahn treiben skurrile Blüten. Er fühlt sich wahlweise wie Christus am Kreuz, wie Napoleon ohne Truppen, wie Julien Sorel aus Stendhals Roman Rot und Schwarz. Erneut meldet sich seine Gier nach Anerkennung, die »heftige Sehnsucht nach Ruhm und Erfolg«, der »wahnsinnige Wunsch nach Macht und Wirkung«. Leider erkenne niemand seine innere Größe. »Die Welt will mich nicht und wirft mich weg.« – »Heute müsste ich Unteroffizier werden. Aber ich werde es nicht. Ich bin ein armer Teufel, zum Narren gehalten hier und dort. Elend.«

Schmitts Hölle hat zwei Kammern, das Militär und die Ehe mit der streitlustigen Cari von Dorotic (einer angeblichen Adligen, die sich als Hochstaplerin erweist und dann auf Nimmerwiedersehen verschwindet). »Ich werde in der Doppelkammer von Ehe und Militär zerrieben.« Schmitt liebt seine Frau abgöttisch – und kann sie nicht ausstehen, sobald sie eine eigene Meinung vertritt, ihn am Schreiben hindert, teure Blusen kauft oder große Hüte trägt. Anschließend reut es ihn, und er betrachtet »Cari« als »Inkarnation meiner Schuld«. Auf Händen trägt er sie, wenn sie seiner Jungfrau-Imago entspricht – als »geschmackvolles Kindlein«, stumme Schönheit, schnurrendes »Kätzchen« oder als Alter Ego: Wenn »sie leidend und abgehetzt aussieht, habe ich sie so gern«.

Freunde sind rar, und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. »Mein Menschenhass ist schauerlich.« Der Dichter Theodor Däubler, über dessen Nordlicht Schmitt ein Buch schreibt und den er verehrt wie kaum einen Zweiten, erweist sich als »Schwein« und »Riesenparasit«. Geld fehlt immer, Schmitt lebt immer noch von der Hand in den Mund. So ist das Tagebuch ein Ritardando des Schicksals, eine nicht enden wollende und zuweilen anrührende Klage über Missachtung, Einsamkeit und Verzweiflung. »Ich halte es nicht mehr länger auf dieser Erde aus.« Schmitt überkommen »Schauer der Vernichtung«, Todesängste (»Bin ich verrückt?«) und Selbstmordgedanken. Manchmal scheint er die Pistole schon in der Hand zu halten, denn der Tod durch die Kugel sei besser, als sich aus dem Fenster zu stürzen.

So fangen die Tagebücher an, und so enden sie. Es ist, »als wäre die Welt vom Teufel geschaffen«. Prompt liest Schmitt wieder Bücher gnostischer Schriftsteller, die ihm ebenfalls versichern, Gottes Schöpfung sei von Anfang an verpfuscht gewesen. »Ich werde Gnostiker.« Alles, auch der eigene Leib, scheint vom Dämon besessen, verdorben, verhext. »Mir ekelt vor meinem Fleisch. Ich fühle mich ans Fleisch genagelt. Widerlich.« Dass die Menschheitsgeschichte heillos sei, wird ihm nun zur großen politischen Ausrede. Denn wenn der Teufel Regie führt, dann ist der Einzelne machtlos und bloß ein »Werkzeug« im »Gang der Geschichte«.

Bereitwillig offenbart Schmitt das erschreckend schlichte Grundmuster seines Denkens und bekennt sich zur tätigen Schizophrenie: Er bejaht die Welt, die er verflucht. »Alles atmet den Tod… der Militarismus wird erstarken. Die ganze arme Erde wird diesem furchtbaren System unterworfen werden… Und ich selbst arbeite an der Vollendung dieser Entwicklung und mache schöne Berichte! Ich tröste mich damit, dass ich mir sage: Das ist der Gang der Geschichte, jeder einzelne ist dabei nur ein Werkzeug.«

Was das politisch bedeutet, liegt auf der Hand. Jeder, der den »Gang der Geschichte« kritisiert, erscheint in Schmitts Augen als Antichrist, als falscher Erlöser. Weltverbesserung ist Teufelswerk und macht alles nur noch schlimmer. Schmitt schlägt hier schon jenen maßlos verächtlichen Ton an, den er lebenslang beibehalten wird, und deshalb scheint er zur inneren Feindbeobachtung wie geschaffen. Im Sommer wird ihm die Leitung des Referats P6 übertragen; er kontrolliert verdächtige Subjekte und Schriftsteller (»hässliche eitle Affen«), anfangs noch mit schlechtem Gewissen, zum Beispiel im Fall des Pazifisten Ludwig Quidde oder des Schriftstellers Wilhelm Herzog, des Herausgebers des Forums (»…komme mir oft elend dabei vor«).

In einem bislang unbekannten Brief bittet Thomas Mann darum, das anonym erschienene und beschlagnahmte Buch J’accuse. Von einem Deutschen einsehen zu dürfen; Schmitt lehnt ab. Tatsächlich liest er privat selbst in dem Buch und fürchtet, dies könne auffliegen. Im Fall eines Theaterstücks von René Schickele weist Schmitt einen Verbotsantrag zurück, bei der Schriftstellerin Annette Kolb plädiert er für eine Verschärfung der »Maßnahmen«.

Schmitts Feindbegriff ist äußerst weiträumig und bis heute von großer Wirksamkeit. Stets bedarf es eines inneren Feindes zur Konstruktion der eigenen Identität und zur existenziellen Verschärfung des Kampfes; damals waren es Pazifisten, Kommunisten und »Europäer« (derzeit sind es die Muslime). Schon die Überlegung, aus Deutschland eine Republik zu machen, grenzt für Schmitt an Hochverrat. Überhaupt bleibt ihm die Idee der Demokratie fremd, denn sie »kommt von unten: wie beim biologischen Entstehen«. Die Monarchie hingegen »kommt von oben, von Gottes Gnaden, aus mystischer oder jetzt physischer Erhöhung. Darin liegt ihre Stärke«. Nicht nur Demokraten stehen unter dem Verdacht, das Werk des Antichristen zu befördern, auch »die Juden«. Sie »gehen mit allen Kulturen und sind und bleiben selbst doch nur kleine Schmeichler, sentimentale Diebe, das Ekelhafteste, was es gibt«. Juden beherrschen »das Zünglein und dadurch die Geschichte; das ist grauenhaft«.

Die Edition der Tagebücher und des umfangreichen dokumentarischen Teils ist sorgfältig, erschöpfend und in gesuchter geistiger Nähe zu ihrem Gegenstand arrangiert. Nachdem die Herausgeber artig einem Stoßtruppführer der Neuen Rechten für dessen Amtshilfe gedankt haben, fühlen sie sich genötigt, zu Schmitts Antisemitismus Stellung zu beziehen. »Seine zahlreichen Freundschaften und wissenschaftlichen Kontakte mit Juden lehren ihn, wie viel Jüdisches in ihm selbst steckt.« Schmitt entdecke in sich selbst das »Wesen des Jüdischen«, das Handeln »ad alterum« – »ein Handeln, das einzig darauf gerichtet ist, in den Augen der anderen Anerkennung zu finden«. Dieses Handeln ad alterum sei ein durch den Juden Otto Weiniger »introjizierter jüdischer Selbsthass«. Demnach wären die Juden an Schmitts Antisemitismus selbst schuld. Man sieht: Wer mit dem Teufel zu Tisch sitzt, braucht lange Löffel. Im Fall der Herausgeber haben sie nicht gereicht.

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