In der Pubertät geschehen oft seltsame Dinge. Einige hängen sich Poster von Plastik-Popperin Britney Spears oder Junkie-Rocker Pete Doherty an die Wand. Andere stellen sich die Frage "Warum bin ich auf der Welt?" und gehen in Hermann Hesses Steppenwolf auf. Silvia Arroyo Camejo vergräbt sich in die Quantenphysik – und beginnt dann mit 17 Jahren, einfach mal so, einen Überblick über die unverständlichste Theorie aller Zeiten zu schreiben. Der Wissenschaftsverlag Springer bekommt das fertige Manuskript auf den Tisch und lanciert es in diesen Tagen. Titel: Skurrile Quantenwelt, in dem sich auch schon mal Gleichungen in Dirac-Notation tummeln und der philosophische Diskurs solcher Forschergrößen wie Niels Bohr und Albert Einstein akribisch nachgezeichnet wird.

Kann das ein normaler Teenager sein? Oder ist hier ein "Wunderkind im Mikrokosmos" entdeckt worden, wie der Spiegel schreibt? Silvia Arroyo Camejo verdreht lächelnd die Augen, als sie die Frage hört. Sie sitzt im Café Einstein – nicht ihre Idee – vor einer Tasse Cappuccino und hat nichts von diesen leicht weltfremden jungen Menschen, die sich gewöhnlich in größerer Zahl in einem Physikstudium tummeln und meistens männlich sind. "Ich bin kein solcher Nerd", sagt sie, die gerade das erste Semester an der Berliner Humboldt-Universität hinter sich hat.

Ihre Kleidung verrät eher den Hang zu konservativer Eleganz, mit einem locker umgeworfenen Schal und gedeckten Farben. "Das mit dem Wunderkind finde ich schrecklich, damit kann ich mich nicht identifizieren", sagt sie, ohne kokett zu wirken. Sie sei ein normaler Mensch wie alle anderen, fügt sie hinzu – als ahnte sie, welche Etikettierung in den kommenden Wochen über sie hereinbrechen wird. Kurz zuvor hat die Redaktion der Johannes B. Kerner- Show angerufen. Die Vorstellung, sich vor den Augen der Nation von Kerner über die Heisenbergsche Unschärferelation ausfragen zu lassen, behagt ihr nicht.

Dabei ist ihre Leistung in der Tat außergewöhnlich. Mit zwölf Jahren legt sie ihre Was ist was?- Bücher über das Universum beiseite. Aber anders als die meisten Jugendlichen ist sie jetzt erst recht neugierig auf das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nur kann in ihrer Familie niemand ihr dabei weiterhelfen. Sie beginnt, populärwissenschaftliche Sachbücher zu verschlingen. Nach der Schule holt sie sich in der Kiepertschen Buchhandlung oder in einer Bibliothek Nachschub, denn was sie an Lernstoff liest, reicht ihr nicht. Die Schule macht ihr keinen großen Spaß: "Ich war da so zugetextet mit Französisch und Latein." Mit 16 weiß sie: Fachliteratur muss her, auch wenn ihre Schulmathematikkenntnisse erst auf dem Stand des 17. Jahrhunderts angekommen sind. "Das war schon ein Hammer mit den Differenzialgleichungen", erinnert sie sich.

Nach der Schule tauchte sie für Stunden in die Mathematik ab

Aber sie lässt sich nicht abschrecken, verzieht sich nach der Schule für Stunden in die Quantenwelt, eignet sich das mathematische Grundverständnis an, das sie braucht. Beißt sich durch Operatoren- und Matrizenrechnung. Und beginnt, das Verstandene festzuhalten, nur für sich, um klarer zu sehen in der Welt der Atome, Orbitale und Elementarteilchen.