kino Der Teufel lebt in der Provinz

Der Film »Requiem« von Hans-Christian Schmid erzählt unspektakulär und beklemmend vom Martyrium einer Epileptikerin, der der Satan ausgetrieben wird

Trägt ein Film den Titel dann sind Trauer und Tragik im Spiel. von Hans-Christian Schmid aber ist weniger die Messe für eine sterbende Seele als ein Abgesang auf die Provinzfamilie als kleinbürgerliche Hölle mit von Deep Purple als Choral. Es ist eine Westdeutschland-Parabel im Retrosound der Siebziger, die Geschichte einer Gottesvergiftung.

Vom Geist der großstädtischen Studentenrevolten kein bisschen behaucht, liegt das namenlose Dorf auf dem schwäbischen Land unter göttlicher Aufsicht: Hier herrscht der Geist der Bibel; im Schlafzimmer hängt das Kruzifix, der Vikar streichelt die Seelen. Das Licht der Aufklärung hat durch keinen Spalt ins Handwerkerhaus Klingler gefunden. Und diese provinzielle Dorfenge, die Atmosphäre des Vernagelten, spürbar zu machen gelingt dem Film von Anbeginn an.

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Tochter Klingler, die Michaela, ist ein unscheinbares Mädchen Anfang zwanzig, das nach einem Leben in Krankheit und Krankenhaus endlich den ersehnten Studienplatz für Pädagogik an der Universität Tübingen und damit eine Lizenz zur Befreiung erhält, trotz ihrer »Sache«. Die »Sache«, das sind epileptische Anfälle, für Mutter Klingler die Anwesenheit des Teufels. Die junge Frau im Erstsemester bezieht ein Zimmer im Wohnheim St. Irmgard und erlebt wochentags die bis dahin unbekannte Wonne einer Busenfreundschaft mit Kommilitonin Hanna. Wochenends kehrt sie in die Heimat und den kalten Schoß des Katholizismus zurück, der ihr von Mal zu Mal weniger Zuwendung verheißt. Vergeblich ringt sie um die Liebe der strenggläubigen Mutter, die in ihrer ganzen leib- und lustvergessenen Verbiesterung von Imogen Kogge wunderbar unsinnlich und ausgeblutet gespielt wird.

Liebe findet Michaela vor allem beim grundgütigen Naturwissenschaftler Stefan, wenn sie sich küssen oder er ihre Seminararbeit tippt oder beide romantisch auf dem Neckar rudern. Michaela beginnt aufzublühen, gewinnt an Statur, feiert Partys, trägt Stiefel und Rock, und auf der Tanzfläche erlebt sie Ekstase. Postwendend folgt der Rückfall in die Epilepsie, in Zappelei, Stimmenhören und Düsternis, ein Rückfall auch in die Angst, von Gott und der Familie verlassen zu werden. Als Michaela bei der Wallfahrt zur heiligen Katharina in einem norditalienischen Pilgerort den Rosenkranz nicht mehr berühren kann und ihn am folgenden Heiligabend im Kampf gegen die Dämonen gar zerreißt, ist es, als durchtrenne sie die Nabelschnur zur Mutter und zum Herrn. »Warum lässt mir Gott mein Glück nicht?«, wird sie den jungen Pfarrer Borchert (Jens Harzer) verzweifelt fragen, der vom Gedanken an die Austreibung der Besessenheit immer besessener wird. Michaela kann nicht mehr beten. Ihr Körper reagiert epileptisch auf alles, was mit dem christlichen Glauben und seinen Insignien zu tun hat. Freud stellte für diese krank machende Wirkung der Religion den Begriff »ekklesiogene Neurose« zur Verfügung.

Die große Kunstfertigkeit von Requiem liegt in der Diskretion, mit der das Neurotische behandelt wird. Mit der Kraft der Andeutung fängt Hans-Christian Schmid die existenzielle Verlorenheit seiner Heldin ein. Man sieht die innerlich und äußerlich Leidende im Moment des Zerbrechens meist von hinten oder, wenn sie wimmernd in sich versinkt, von der Seite. Züge von Besessenheit kündigen sich an, wenn sie versucht, einfache Hausarbeiten oder das Studium oder sich selbst zu meistern. Dieses verschüchterte, die Hände vor dem Bauch zusammenpressende Wesen zeichnet die in Basel engagierte 27-jährige Theaterschauspielerin Sandra Hüller in ihrer Weltfremdheit, in ihrem unumkehrbaren Ritt in die Apokalypse subtil – und gewann dafür zu Recht den Silbernen Bären der Berlinale.

Viel eher als das Spektakel einer Teufelsaustreibung mit geiferndem Mund, gespannten Sehnen und geschwollenen Adern bebildert Requiem die Phänomenologie einer Ratlosigkeit. Alle meinen es gut, und alle sind überfordert, der soziale Halt zerbricht. Es geht Regisseur Hans-Christian Schmid nicht um die Exzesse des Exorzierens. Er entwickelt die Epileptikerin, die der Welt allmählich verloren geht, als dreifaches Opfer: der Eltern, der Medizin, der Religion. Wie vor acht Jahren in 23, im Fall des Computerhackers Karl Koch, interessiert er sich für den scheinbaren Irrsinn, der dem gesellschaftlich Normalen nicht mehr entspricht. Dass das Drehbuch auf der wahren Begebenheit des Lebens und Sterbens der noch heute als Märtyrerin verehrten Studentin Anneliese Michel basiert, macht den Film beklemmend.

Einmal, gegen Ende, wenn Michaela mit der Freundin im Auto sitzt, kommt die Kamera ihrem Gesicht ganz nah. Sie schweigt, und im Schweigen meint man den Wahnsinn wüten zu sehen, die verklärte, fast schon arrogante Verstiegenheit einer jungen Frau, die glaubt, sie sei die Nachfolgerin der heiligen Katharina und nehme das Leid der Menschheit auf sich. Dieser Wahn, im Dienst einer höheren Sache zu leiden, im Dienst der Wahrheit schlechthin zu stehen, ist die Provinzvariante eines Fundamentalismus evangelikaler Christen oder radikaler Islamisten.

Requiem kommt gerade recht in einer Zeit, in der sich die Kulturen zu refundamentalisieren beginnen, in der missionarischer Eifer diskursive Vernunft verdrängt und Verblendung die Menschen in Freund und Feind, Gläubige und Ungläubige spaltet. Still spiegelt der Film einen Rückfall in die religiöse Reaktion und kontert den erschreckend naiven Feldzug des Guten gegen das Prinzip der Differenz.

 
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