Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat ein neues Buch geschrieben. Dies ist keine Rezension. Das Buch bleibt noch verborgen. Am Montag beginnt der Vorabdruck im Spiegel. Vorher rückt der Blessing Verlag nur ein paar Zeilen der Ankündigung heraus und zeigt im Internet ein Abbild des Umschlags :

FRANK
SCHIRR
MACHER
MINIMUM.

Der Umschlag kommt mit großkalibriger Wucht daher, mehr Magnum als Minimum. Der Dirty Harry des Feuilletons kehrt zurück. Das vorige Buch hatte vom Altern der Gesellschaft gehandelt und war das zweiterfolgreichste Sachbuch des Jahres 2004. Jetzt die Fortsetzung: Der Untertitel lautet Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. Es geht um das knappe Gut der Freundschaft in der alternden Gesellschaft. "Wer im Frühjahr den Sachbuchmarkt dominieren wird, steht wohl fest", hat die Welt im Januar geschrieben. Das Methusalem-Komplott verkaufte sich mehr als 400000-mal, nur der Diätkracher Moppel-Ich lief noch besser. Gewicht zieht. Alter zieht. Freundschaft wird auch ziehen. Die Startauflage ist sechsstellig. Wieder wird man ein Schauspiel erleben, das sonderbar und faszinierend zugleich ist: Der Geist trifft auf die Materie, der Intellektuelle auf den Boulevard. Gibt es einen anderen, der das Schauspiel so inszenieren kann wie Schirrmacher?

Auch dieser Artikel hat seinen Platz in der Inszenierung. Das Medienphänomen Schirrmacher, die Selbstdarstellung einer Kunstfigur – eine solche Analyse ist im Betrieb vorgesehen. Na und? Zu den Aufgaben der Zeitung gehört die Reflexion der öffentlichen Debatte. Immer wieder drängt sich Schirrmacher dieser Debatte auf, treibt er sie in seine Richtung, reitet er sie zu. Das war so, als er im Jahr 2000 auf sechs Seiten den Quellcode der DNA in seinem Feuilleton abdruckte, als unlesbaren Text des Lebens, vollkommen sinnlos und unendlich bedeutungsvoll. Ein dramatischer und anarchischer Akt, der die Grenzen der Zeitung sprengte. Eigentlich war das Kunst. Und das war wiederum so, als er die Deutschen warnte, sie würden älter und niemand mache sich klar, was das bedeute. Er hatte sich die DNA nicht ausgedacht und auch nicht das Altern. Das war alles nicht neu. Aber er hat die Leute dazu gebracht, sich damit zu beschäftigen.

Schirrmacher hat Helfer seines Erfolges. Schon das Methusalem- Buch war im Spiegel vorabgedruckt worden. Und die Bild- Zeitung hatte eine Serie daraus gemacht. Deswegen wurde in der Öffentlichkeit die Verbindung der mächtigen Medienmänner misstrauisch beäugt, Stefan Aust vom Spiegel, Mathias Döpfner von Springer und Frank Schirrmacher von der FAZ. Mal eine Reihe gemeinsamer Interviews, mal eine DVD-Serie in Kooperation, mal eine gemeinsame Filmpräsentation, mal geteilte Exklusivrechte. Das ist ein sonderbares Trio. Die haben festgestellt, dass sie sich mehr nützen können, wenn sie sich nicht schaden. Dass gemeinsame Macht keine geteilte Macht ist, sondern dreifache. Es gab Zeiten, da das undenkbar war. Aber die Macht wird ja überschätzt. Als die gemeinsame Attacke gegen die Rechtschreibreform geritten wurde, da war allerorten von einem Angriff auf die Demokratie und die Politik und die Neutralität der Presse die Rede, und die Aufregung war groß. Größer, als nötig gewesen wäre. Die Attacke verlief im Sande. Im Wahljahr 2005 haben einige Medien alles getan, die Sozialdemokraten wegzuschreiben. Obwohl die Bedingungen für mediale Einflussnahme nie besser waren, ließ sich das Vorhaben nicht ganz verwirklichen. Eine Lektion in medienpolitischer Demut.

Es fällt auf, dass der Machtmensch Schirrmacher sich mit Macht im herkömmlichen Sinne gar nicht sehr beschäftigt. "Politische" Artikel schreibt er nicht. Sein Verhältnis zur Politik ist ein ästhetisches, eines, wie man es vielleicht im George-Kreis pflegte. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, ein Bewunderer Helmut Kohls zu sein. Aber er hat sich in seinen Texten nur mit der Rezeptionsgeschichte der Figur Kohl befasst, nie mit seiner Politik. Und übrigens hat Schirrmacher noch nie einen Artikel über Angela Merkel geschrieben.