Oscar-Verleihung Schwule, Säufer, Transsexuelle

Der Oscar 2006 – lebensnah

Von der diesjährigen Oscar-Verleihung fühlt sich Hollywoods konservativer Flügel leicht überfordert. Eine oder zwei Outlaw-, Exoten- oder Freakrollen hat es unter den Nominierten immer mal wieder gegeben. Aber diesmal? Man muss sich nur vorstellen, wie es aussähe, wenn sich das Personal der Filme zu einer kleinen Party träfe: Zwei Cowboys würden auf dem Sofa knutschen (Brokeback Mountain), eine Transsexuelle (Transamerica) würde angeregt mit einem sturzbetrunkenen schwulen Schriftsteller (Capote) diskutieren, während ein stirnrunzelnder Fernsehmoderator (Good Night, and Good Luck) kettenrauchend den Raum einqualmen und die Frau eines alkoholkranken Countrysängers (Walk the Line) vergeblich versuchen würde, ihren Mann und all die anderen Anwesenden vom Trinken abzuhalten. Von draußen würde ein rassistischer Polizist (L.A. Crash) drohen, die Tür einzutreten und die ganze Bande zu verdreschen.

Nicht genug, dass die nominierten Filme das konservative Selbstverständnis ihres Landes attackieren. Auch ihre Produktionsweise will nicht ins Bild einer Oscar-Verleihung passen, die bis vor kurzem von den großen Studios und ihren aufwändigen Werbekampagnen geprägt wurde. Außer Steven Spielbergs Politthriller München wurden alle nominierten Filme dieses Jahres von Immobilienhändlern, Football-Team-Besitzern und Internet-Millionären, sprich unabhängig finanziert. Das Hollywood-Establishment hingegen hat in den entscheidenden Oscar-Kategorien nichts mehr zu melden. Lediglich in den technischen Kategorien werden Spektakelfilme wie Star Wars III – Die Rache der Sith, Die Chroniken von Narnia, King Kong oder Harry Potter und der Feuerkelch ein paar Preise abräumen.

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Wer hätte je gedacht, dass sich der populärste Filmpreis der Welt einmal so weit vom Populismus der Branche entfernen würde? Prompt tauchte in den amerikanischen Medien schon das Schreckgespenst eines elitären Oscars auf, der jeden Kontakt zum Publikum verloren habe. Ang Lees Favorit Brokeback Mountain sei von gerade mal 18 Menschen gesehen worden , höhnte der Kolumnist Charles Krauthammer auf Fox News . In der Sache kann man ihm gar nicht widersprechen. Tatsächlich haben die fünf Produktionen, die um die Auszeichnung für den besten Film konkurrieren, zusammengenommen das schlechteste Einspielergebnis seit 20 Oscar-Jahren. Allein David Dobkins Sommerhit Wedding Crashers steckt sie alle in die Tasche.

Aber was wäre die Alternative gewesen? Das Hochzeitskomödchen auch noch zu nominieren? Die zehnte Pixelkrieger-Armee auszuzeichnen oder einen Darsteller, der doch wieder nur allein vor dem green screen herumgefuchtelt hat?

Nein, die diesjährige Oscar-Verteilung ist die einzig mögliche Reaktion auf Hollywoods kreative Krise. Auf den inhaltlichen Bankrott eines Studiosystems, das sich darauf versteift hat, die Heerscharen der Teenies mit Sex, Klamauk und Remakes in die Megaplexe zu ziehen, und das ansonsten einem geistlosen Special-Effects-Fetischismus erlegen ist. Deshalb muss man dem Oscar eines lassen: Er ist immer noch aus altem Hollywood-Holz geschnitzt – aus menschlichen Dramen, großer Schauspielerkür, aus Tränen, Emotion, Verausgabung. Da hat es doch etwas sehr Sympathisches, dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences den von ihrer eigenen Einfallslosigkeit gelähmten Branchenriesen in diesem Jahr einen kleinen, höchst lebendigen Stoßtrupp aus Schwulen, Transsexuellen und Säufern entgegenschickt.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Tja.

    ...fehlen einem die Worte.

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