Konstruktion Platt machen, fertig

Die Technik fügt Brücken, Hosen und Flugzeuge zusammen. Auch in moderner Fertigung hält sich der Niet enorm hartnäckig

Das Kind, heißt es, muss einen Namen haben. »Der Niet«, sagt Herr Harstorff leichthin. »Das Niet!«, sagt Herr Holtmeier nicht ohne Schärfe. Der Volksmund aus dem Off, arglos: »Die Niete!«

Wiefelstede bei Oldenburg. Ein Hauch von Aggression durchweht das Besprechungszimmer der Brötje Automation GmbH. Der Journalist will wissen, ob diese kleinen, silbernen Objekte auf dem Tisch, diese hübschen Stahl- und Alustifte, heute noch Bedeutung oder gar Zukunft haben. Doch da ist überraschend zunächst eine Begriffsverwirrung. Verbissen diskutieren der Chef Michael Harstorff und sein Vorgänger im Amt, Gerhard Holtmeier, die Gesprächsgrundlage, die doch Grundlage ihres Geschäfts ist. Wie heißt das Kind? Man einigt sich vorläufig darauf, dass »die Niete« unter Fachleuten den Plural bezeichnet und keineswegs, wie der Volksmund meint, den Singular. Wobei der Begriff »die Nieten« vollends unmöglich ist, es sei denn, man redete von »Nieten in Nadelstreifen«.

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Nun ist Brötje, Hersteller von Nietautomaten, Fertigungs- und Montagesystemen, nicht irgendwer. Wer wissen will, ob in 20 Jahren irgendwer noch nietet, muss hier fragen. Der norddeutsche Betrieb ist Lieferant der beiden Branchenriesen Boeing und Airbus. Er ist an der Entwicklung beteiligt, dass der Flugzeugbau immer mehr dem Automobilbau ähnelt. Längst werden bei den großen Flugzeugherstellern keine handgefertigten Unikate mehr konstruiert – auch Flugzeuge werden zunehmend vollautomatisch montiert. Der Tag ist nicht fern, da wird man davon sprechen, dass Flugzeuge vom Band fallen. Brötje, ein Mitglied der Claas-Gruppe (Mähdrescher), konstruiert die dafür benötigten turmhohen Maschinen und Anlagen, die Rumpfsegmente und Verstrebungen, Flügelteile, Fenster- und Türrahmen automatisch, schnell und präzise zusammenbauen – mit Nieten. Immer noch. Oder gerade eben noch?

Die Titanic wurde mit Millionen von Nieten gebaut

Es gibt zahllose »fügetechnische« Methoden, wie man Dinge, die nicht aus einem Stück sind, zusammensetzt. Schweißen und Kleben, Kletten, Schrauben, Nähen und Nageln, Einhängen, Einrenken und Einspreizen. Nieten gehört zu den ältesten Fügetechniken. Schon die Menschen der Bronzezeit wussten, wie es geht: Bauteile durchbohren; Niet durch die Bohrung schieben, bis der »Setzkopf« anschlägt; auf das andere Ende mit dem Hammer einprügeln, bis es platt ist und den »Schließkopf« bildet. So nietete man unter Rittern Rüstungen zusammen. Nicht anders baute man später Dampfmaschinen und Lokomotiven, Brücken und den Eiffelturm. Und erst recht Schiffe. Die Titanic wurde mit Millionen von Nieten gebaut. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass ihr Untergang mit dem miserablen Material, aus dem die Niete bestanden, zusammenhing.

Im vergangenen Jahrhundert wurde das Nieten großer Stahlkonstruktionen weitgehend vom Schweißen abgelöst, doch bis in die sechziger Jahre wuchs, wer fluss- und werftnah wohnte, mit dem Klang der Niethämmer auf. Das Traditionsnieten, bei dem ein Mann den Niet glühend heiß macht, ein zweiter ihn in die Bohrung steckt, einer hält und einer hämmert, ist weitgehend vergessen. Aus optischen Gründen heftet man aber gern noch die halbrunden Nietköpfe auf den Stahl. Dabei war ein stetes Ärgernis, dass man den Niet immer von beiden Seiten bearbeiten muss. Einer haut, der andere hält dagegen. Das ist schwierig bei großen Bauteilen, unmöglich bei geschlossenen Formen wie Kästen oder Röhren. Eine grandiose Erfindung schuf Abhilfe: der Blindniet, der nach dem ersten Markennamen des deutschen Herstellers Emhart auch POP-Niet und vom Volksmund Poppniete genannt wird. Hier besteht der Niet aus einer Hülse und einem Stift, die von einer Seite durch die Bohrungen in die Bauteile gesteckt werden. Hält man die Hülse in der Bohrung und zieht den Stift zurück, wird das Hülsenende aufgeweitet, der Schlusskopf entsteht. Der Stift reißt irgendwann mit einem Geräusch, das angeblich ein bisschen wie »popp« klingt, an seiner Sollbruchstelle ab, fertig ist die Verbindung. 1925 wurde diese Technik in den Flugzeugbau eingeführt.

Leser-Kommentare
    • kalich
    • 08.03.2006 um 13:43 Uhr

    Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion „Wissen“,

    mit Erstaunen haben wir den Artikel „Platt machen, fertig“ der Ausgabe 10/2006 gelesen, um so mehr, als diese Rubrik für uns bislang den Status seriöser, gut recherchierter und verständlich aufbereiteter Vermittlung von Wissen inne hatte.
    Als langjährige Leser und Abonnenten drücken wir hiermit unser Unverständnis über die in Inhalt und Ausdrucksform inakzeptable Verflachung einer innovativen und durch deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen auch im internationalen Maßstab dominierten Fertigungstechnik aus.
    Beginnend mit der fehlerhaften Verfahrensdarstellung des Blindnietens begibt sich dieser Beitrag, sowohl durch die über den saloppen Umgangston hinausgehenden verbalen Entgleisungen des Verfassers, als auch die Vielzahl unkorrekter bzw. falscher fachlicher Begriffe und Aussagen auf ein für „DIE ZEIT“ unwürdiges Niveau.
    Exemplarisch sind aus unserer Sicht nachfolgende Kommentare dazu unerlässlich:
    Im Gegensatz zum konventionellen Nieten wird im Automobilbau das in Verfahren und Eigenschaften vollkommen eigenständige Stanznieten eingesetzt. Dies erfolgt bei Taktzeiten von ca. 1sec., nahezu geräuschlos und wird seit 1991 bis heute in einer Vielzahl unterschiedlicher Fahrzeugmodelle, auch in Kombination mit dem strukturellen Kleben als Hybridfügen erfolgreich angewendet. Der Stanzniet wird dabei nicht als „Angstniet“, sondern vornehmlich zur Fixierung der Fügeteile bis zur Klebstoffaushärtung und zur Aufnahme hoher statischer Lasten eingesetzt. Das Maß der Dinge beim Kleben sind 191,7 Meter Klebnaht (7th International Car Body Benchmarking Plattform 2005, Bad Nauheim) in der aktuellen Mercedes S-Klasse (BR221). Selbstverständlich ist auch das Schweißen von Stahl-Aluminium-Verbindungen praxisrelevant möglich.
    Unter Federführung der Europäischen Forschungsgesellschaft für Blechverarbeitung e.V. und dem Deutschen Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. wurde in Zusammenarbeit von Anwendern, Systemherstellern, sowie Werkstofflieferanten und Forschungseinrichtungen der Stand der Technik in Form von Merkblättern dargelegt, wo z.B. die Definition des Clinchens als „Fügen durch Umformen ...ohne Zusatz- oder Hilfsstoffe“ nachzulesen ist. Darin hätte Herr Strassmann das für den Artikel relevante Fachwissen und kompetente Ansprechpartner für die jeweiligen Verfahren vorgefunden (www.efb.de und www.dvs-ev.de).
    Alternativ dazu laden wir Herrn Strassmann herzlich zur Teilnahme am „Dresdner Fügetechnischen Kolloquium 2006“ (www.tu-dresden.de) vom 23. bis 24.03. 2006 an die Professur Fügetechnik und Montage der Technischen Universität Dresden ein, anlässlich dessen wir Ihm gerne Verfahren und Anlagen vorführen, sowie zugehöriges Hintergrundwissen vermitteln; denn - „Fügen verbindet“!
    Als wissenschaftliche Mitarbeiter der Professur Fügetechnik und Montage im Institut für Produktionstechnik der Technischen Universität Dresden verbleiben wir
    mit freundlichen Grüßen

    Dipl.-Ing. Jan Kalich
    Dipl.-Ing. Fritz Liebrecht
    Dipl.-Ing. Steffen Six
    01062 Dresden

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  • Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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