Die versammelten Landwirte und Journalisten im bayerischen Oberding mussten sich vorkommen wie bei der Werbeveranstaltung eines Internet-Providers oder eines Telefonanbieters. Die Ausstattung vor Ort gemeinsam optimieren lautete der Titel. Das Programm versprach "verschiedene zeitgerechte Lösungen wie Standby-Verträge mit Lieferfirmen", effektiv im Dienste einer "Just-in-time-Logistik". Die wiederum "spart nicht nur Geld, sondern garantiert auch einsatzbereites Material".

Das technische Wunderwerk, das Bayerns Verbraucherminister Werner Schnappauf bereits am 12. Januar in der Tierkörperbeseitigungsanlage in Oberding anpries und vorführte, ist eine Tötungsmaschine der Superlative. Bis zu 4000 Hühner in der Stunde können damit per Hand kopfüber in ein Fließband gehängt und durch ein unter Strom gesetztes Wasserbad gezogen werden. Ergänzt wird das Prachtstück durch drei mobile CO2-Einschläferungsanlagen, um Federvieh mit Gas zu ersticken. Mit 500 Hühnern in der Stunde wirken sie wie leistungsschwache Oldtimer neben dem 60000 Euro teuren Wundergerät.

Doch nicht im hochgerüsteten Freistaat, sondern auf der wenig vorbereiteten Insel Rügen herrscht seit dem 15. Februar Katastrophenalarm. Mehr als 3000 tote Vögel schleppten mobile Einsatzkräfte und Bundeswehrsoldaten zur virologischen Untersuchung, über 100 davon wurden bisher positiv auf das gefährliche H5N1-Virus getestet. Auch das mecklenburgische Festland, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Brandenburg meldeten Infektionsfälle.

Die Bilder von Soldaten mit Gasmasken, Schutzanzügen und Schwanenkadavern verbreiten bundesweit Angst. Vogelgrippe-Fälle gibt es nach zahlreichen asiatischen inzwischen in acht europäischen Staaten und, besonders besorgniserregend, auch in Nigeria. Zwar sieht die Weltgesundheitsorganisation bislang "keinen Grund zur Panik", doch immerhin spielt die WHO globale Szenarien mit bis zu 100 Millionen toten Menschen durch und erstellt ein globales Notfall-Gremium.

Es droht der größte Mord an Vögeln seit der chinesischen Kulturrevolution

Der hypothetische Fall der gefährlichen Vermischung menschlicher Grippeviren mit H5N1 ist längst durchdacht. Mehr als ein Viertel aller Deutschen meint, dass die Vogelgrippe sie ängstigt, der Mundschutz-Verkauf boomt im Internet, der Zivilschutz veröffentlicht schon seit Wochen einen Maßnahmenkatalog für den Ernstfall, und Informationsportale, wie www.pandemie.com, spielen mit der normativen Kraft des Fiktiven und antizipieren den Schrecken schon im Namen.

Man muss sich schützen, im Zweifelsfall symbolisch. Mehr als 4000 Hühner aus Rügens Nutztierhaltung fielen bereits der Massentötung zum Opfer. Rein präventiv. Infiziertes Mastgeflügel gibt es in Deutschland – anders als im französischen Departement Ain, wo 400 Puten in einem Mastbetrieb erkrankten – bislang nicht. Auch die Franzosen waren nicht zimperlich. Alle 11000 Puten des betroffenen Betriebs wurden sofort getötet. Weitaus Dramatischeres geschah freilich bereits im Jahr 2003 in den Niederlanden und in Belgien. Etwa 30Millionen Vögel verbrannten, erstickten und verschmorten aufgrund des Verdachts einer H7N7-Geflügelpest-Infektion.

Neu ist dagegen die Angst vor Zugvögeln. Zwar weiß bislang niemand zu sagen, ob die auf Rügen und anderswo tot aufgefundenen Schwäne, Enten, Bussarde und Möwen tatsächlich am H5N1-Virus verendeten, das sie in sich trugen. Doch schon jetzt erscheinen die nur potenziellen Überträger unter üblem Verdacht. Sollte die präventive Tierseuchenbekämpfung weiter Schule machen, so steht auch der größte Wildvogelmord seit der chinesischen Kulturrevolution – damals brachte Mao Millionen als dekadent gebrandmarkte Singvögel zum Schweigen – unmittelbar bevor.