Vogelgrippe Fleisch mit Seele
Seit der Antike fragen wir uns, ob Tiere beseelt sind-und essen sie doch. Lasst sie uns lieben, bevor wir sie schlachten!
Jahrelang hat man tote Vögel links liegen lassen. Man ist vielleicht kurz aufgeschreckt, wenn sie beim Autofahren den Kotflügel schrammten oder im achten Stock gegen die Fensterscheibe knallten. Auf einmal aber werden ihre Kadaver gezählt, weiträumig abgesperrt und im skelettierten Zustand vor die Kameras der Tagesthemen gezerrt.
Der Grund heißt H5N1, ist ein Virus, das aus Asien stammen und dazu das Potenzial haben soll, uns alle hinzuraffen. Die Bilder, die als Beweis für die Vernichtungskraft herhalten müssen, sind aber nicht außergewöhnlich. Tote Vögel gab es immer schon, wird es immer geben, und besonders im Winter ist die Sterblichkeit bei vielen Arten – nicht nur bei Zugvögeln – hoch. Das hängt mit dem Wetter zusammen, mit der Unerfahrenheit junger Vögel bei der Nahrungssuche und natürlich auch mit Krankheiten.
Zurzeit ist aber nirgendwo eine höhere Sterblichkeitsrate festgestellt worden als in den Jahren zuvor. Und Vögel haben ganz allgemein ein großes Reservoir an Influenzaviren entwickelt. Sie tragen die verschiedensten Varianten mit sich herum, die in der Regel für Menschen ungefährlich sind. Es bleiben Tierviren, die in vielen Fällen nicht einmal die Vögel sichtbar schädigen.
Ob das Virus H5N1 nicht schon immer da war, unbemerkt und ohne weiteren Schaden anzurichten, weiß niemand sicher zu sagen – genauso wenig, ob die hier verendeten Vögel mit einer aus Asien kommenden Variante angesteckt wurden oder nicht. Was jedoch ausgelöst wurde, ist eine Angst vor Vögeln. Die vorbeugenden Maßnahmen, die diese Angst nun beruhigen sollen, lassen den Tieren eine Behandlung zukommen, die man beseelten Wesen nicht wünschen mag und die die Frage nach der Seele der Tiere aufwerfen.
Als die Philosophin Ursula Wolf, die heute in Mannheim Ethik lehrt, in der Mitte der achtziger Jahre am Philosophischen Institut der FU Berlin gelegentlich von der Seele der Tiere sprach, erntete sie die verschiedensten Reaktionen. Sie reichten vom zustimmenden Abnicken delphinverliebter Esoteriker über die schon militantere Befürwortung bewusster Vegetarier bis zur obsessiven Ablehnung durch Hardcore-Materialisten, die in der Tradition des russischen Nihilisten Jewgenij Basarow – einer Figur aus Turgenjews Roman Väter und Söhne – mit naturwissenschaftlichem Skalpell nicht mal beim Menschen eine Seele gefunden hatten, geschweige denn bei Tieren.
Keine dieser Positionen soll indessen hier den argumentativen Leitfaden liefern, sondern eine andere. »Warum sollen Tiere denn auch keine Seele haben«, hat der Religionsphilosoph Jacob Taubes einmal in seinem Seminar lapidar angemerkt. Aus Taubes’ Satz sprach weder Überlegenheit noch Spott. Als Paulus- und Kafka-Kenner wusste er um den tieferen Sinn jenes Satzes aus dem Römerbrief, in dem es heißt: »Denn wir wissen, dass alles Geschaffene insgesamt seufzt und sich schmerzlich ängstigt bis jetzt.« Und Taubes war die Unterscheidung von Seele und Geist nicht nur geläufig, sie war sozusagen sein denkerisches Lebenselixier.
- Datum 02.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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