Vogelgrippe Fleisch mit SeeleSeite 4/4

Zwischen diesen beiden Haltungen bewegt sich Gaitas auch autobiografische Erzählung, in deren Verlauf die ursprünglichen Gewaltverhältnisse nie suspendiert werden. Die Schäferhündin Gipsy tötet die Katze Tosca – und hat sich dabei was gedacht? »Ihr ging gar nichts durch den Kopf. Und genau das, nehme ich an, ist ein zentraler Aspekt dessen, was es heißt, ein Tier zu sein.«

Für Gaita bedeutet dies aber nicht eine Abwertung des Tieres. Er bestreitet auch nicht, dass Tiere eventuell ein Bewusstsein haben. Nur ist es für den tatsächlichen Umgang mit einer Spinne für Gaita unerheblich, ob physiologisch feststeht, dass Spinnen Schmerz empfinden, oder ob sie es nicht tun. Seine These ist, »dass unsere Ethik auf einem Verständnis von Individualität beruht, das selbst unbegründet ist und weder durch Vernunft noch Verdienst gerechtfertigt, das hervorgegangen ist aus unserer Bezogenheit auf unsere Mitmenschen und vertieft wird durch die Liebe«.

Es geht Gaita um Formen zwischenmenschlichen Umgangs. Um die zu verstehen, hilft eine reduktionistische naturwissenschaftliche oder soziologische Betrachtung nicht – im Gegenteil. Die von der populären Evolutionstheorie nahe gelegte Anschauung, Gefühle und Verhaltensweisen bei Tier und Mensch als ähnlich anzusehen und auf biologische Ursachen zurückzuführen, verstellt den Blick auf die spezifischen Probleme menschlichen Verhaltens.

Die Sphären von Mensch und Tier sind spätestens seit der industriellen Revolution nicht mehr getrennt. Riesige Tierpopulationen werden geboren, leben und sterben unter der Aufsicht des Menschen und zu seinen Bedingungen. Es gibt keine nennenswerte Bedrohung von wilden Tieren. Es ist allerdings so, dass wir mit den Tieren auch die Krankheiten züchten, die dann auf uns zurückschlagen. Was wir mit den Tieren tun, das ernten wir früher oder später.

Fleisch essen oder nicht?, das ist nicht die Frage. Die Frage ist, wie wir mit den Tieren umgehen, bevor wir sie möglicherweise am Ende essen. Ob wir sie zwingen, zeitlebens Material zu sein – Rohstoff unserer Nahrungsmittelproduktion. Oder ob wir sie Tier sein lassen, solange sie leben. Das ist möglich. Es war immer möglich.

 
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