Zuwanderung
Ministerin in Schutzweste
Rita Verdonk ist das Gesicht einer neuen, strengen Integrationspolitik in den Niederlanden. Seitdem sie vorschlug, die Burka zu verbieten, steht sie auf Todeslisten islamistischer Terroristen
Verdonk kommt nicht«, sagt die Aktivistin mit dem »Anti Rita«-Shirt: »Sie traut sich nicht!« Sie wirkt allerdings ein wenig enttäuscht angesichts dieses überraschenden Sieges. So einfach – mit ein paar Trillerpfeifen, Spruchbändern und Sprechchören – lässt sich die »eiserne Rita« von ihrem Wahlkampfauftritt in der friesischen Hauptstadt Leeuwarden abhalten?

Frauen in der Burka
Natürlich nicht. Die Ministerin kommt, wenn auch schwer bewacht und durch die Hintertür des schicken Purple Lounge Club. Rita Verdonk, die holländische Integrationsministerin, hat schließlich einen Ruf zu verlieren. Sie ist die beliebteste Politikerin des Landes, weil sie einen neuen, konfrontativen Stil in die Debatte um Integration eingeführt hat. Bevor sie 2003 in das Kabinett des Christdemokraten Balkenende eintrat, kannte sie niemand. Jetzt fügt sich ihre unauffällige Karriere im Justizapparat – sie war stellvertretende Gefängnisdirektorin und Direktorin für Staatssicherheit im Inlandsgeheimdienst – wunderbar zum Image der taffen Politikerin, die einen neuen muskulösen Liberalismus vertritt.
Und langsam breitet sich ihr Ruhm sogar über die Landesgrenzen aus. Der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble nannte Rita Verdonks Integrationspolitik letzte Woche in Brüssel bei einem Innenministertreffen »vorbildlich«. Verdonks hohe Anforderungen an Einwanderer seien »im Prinzip, was wir auch in Deutschland verwirklichen wollen«.
Rita Verdonk ist die Stimme einer verunsicherten Niederlande, dem seine legendäre Tradition der Toleranz fragwürdig geworden ist. Sie sagt Dinge, die sich der nette, umgängliche Durchschnitts-Niederländer nicht zu sagen traut. Kurz nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 traf sie sich mit einer Gruppe von muslimischen Geistlichen. Ein Teilnehmer weigerte sich »aus religiösen Gründen«, ihr die Hand zu geben. Es stellte sich heraus, dass dies die einzigen niederländischen Wörter waren, die er beherrschte. Verdonk beschied dem Geistlichen kühl, er solle sich mit den Landesbräuchen vertraut machen: »Und wenn wir uns in einem Jahr wiedersehen, erwarte ich, dass wir uns auf Niederländisch unterhalten können.«
Vor kurzem gab sie die Parole aus: »Die Zeit des gemütlichen Teetrinkens ist vorbei.« Für solche Töne wird Rita Verdonk weit über das Lager der eigenen Partei – die rechtsliberale VVD – hinaus verehrt. So liegt denn auch ein Hauch von Boxkampf über dem Lokal, als der Moderator lauthals den verspäteten Einzug »unserer Rita« verkündet – »von der manche sagen, sie sei der einzige echte Kerl im Kabinett«. Vier Bodyguards begleiten sie. Nachdem sie im letzten Herbst vorgeschlagen hatte, das Tragen der Burka in Holland zu verbieten, war ihr Name auf Todeslisten aufgetaucht. Ihr Büro in Den Haag wurde von einem gegenüberliegenden Gebäude aus beschossen. Nun lebt die Ministerin unter ständiger Bewachung und trägt manchmal bei öffentlichen Terminen eine kugelsichere Weste. Die beiden Kinder der 50-Jährigen müssen oft die Schule wechseln. Warum sie sich und ihrer Familie ein solches Leben zumute, will der Moderator im Purple Lounge Club wissen. »Idealismus«, gibt sie trocken zurück.
Idealismus? Das klingt merkwürdig von jemandem, der sich gerade durch den gezielten Bruch mit althergebrachten niederländischen Selbstbildern und Idealen einen Namen gemacht hat. Die Niederlande sind zwar immer noch eines der liberalsten Länder der Welt – vom erlaubten Cannabiskonsum über die legale Prostitution und die rechtlich gleichgestellte Schwulenehe bis zur straffreien Sterbehilfe. Kaum ein anderes Land lässt seinen Bürgern so weitgehende Freiheiten bei der individuellen Lebensführung.
In den letzten Jahren ist den Niederländern allerdings der Glaube abhanden gekommen, dass ihre liberale Ordnung sich immer weiter einfach von selbst tragen könne. Ein banges Gefühl macht sich breit, dass die weltberühmte niederländische Liberalität ein sehr voraussetzungsvolles und verletzliches Ding sei. Die Ermordung Theo van Goghs durch Mohammed Bouyeri – einen oberflächlich wohlintegrierten Sohn marokkanischer Einwanderer – führte diese Verletzlichkeit mitten im multikulturellen Amsterdam schmerzhaft vor Augen. Als daraufhin Moscheen und Kirchen brannten, wurde das Land von einer »moralischen Panik« erfasst, wie der Journalist und überzeugte Europäer Geert Mak voller Sorge schrieb. Nach Jahren des Laisser-faire wird das »Scheitern der multikulturellen Gesellschaft« nun oft mit merkwürdiger Lust verkündet.
Rita Verdonks Aufstieg verdankt sich zweifellos dieser Wende. Ihre Politik ist aber zugleich auch ein Versuch, bei aller neuen Härte das gastfreie, warmherzige, konsensorientierte niederländische Modell unter veränderten Bedingungen neu zu begründen. Verdonk spricht sich deutlich gegen Diskriminierung junger Migranten auf dem Arbeitsmarkt aus. Sie hat das fortschrittlichste Modell zur theologischen Ausbildung von Imamen auf den Weg gebracht. Im Land soll ein »Polder-Islam« entstehen, der mit dem niederländischen Gesellschaftsmodell besser zurechtkommt als die rückständigen Glaubensformen, die die Einwanderer mitbringen. Und nun hat sie auch noch eine teure Medienkampagne lanciert, die den kulturellen Reichtum des »bunten Hollands« preist.
Die jüngsten Umfragen geben ihr Recht. Die Nachfolger des 2003 ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn tun sich selbst in ihren einstigen Hochburgen schwer. In Rotterdam wurde Marco Pastors, Fortuyns Intimus und Erbe, kurzerhand aus dem Gemeinderat geschmissen, weil die christdemokratischen Koalitionspartner seine rassistischen Attacken gegen Migranten nicht mehr mittragen mochten. Zwei Wochen vor der Wahl liegen die Populisten in ihrem Stammrevier Rotterdam nun sogar deutlich hinter den Sozialdemokraten. Es scheint, dass den Niederländern ihr Flirt mit den Rechten langsam unheimlich wird und das Pendel wieder zurückschlägt.
So schwer es ihren Gegnern fällt, dies einzugestehen: Rita Verdonk hat kein geringes Verdienst daran. Sie hat die Rechtspopulisten schlichtweg überflüssig gemacht. Auf ihre Initiative haben die Niederlande heute die strikteste Gesetzgebung zu Immigration und Integration in ganz Europa. Das Mindestalter für die Zuwanderung von Ehegatten wurde kurzerhand auf 21 Jahre angehoben. Damit will man den Import von jungen Ehepartnern aus der Türkei und aus Marokko erschweren – eine weit verbreitete Praxis, die als großes Integrationshemmnis gilt. 90 Prozent der in den Niederlanden lebenden Türken und Marokkaner heiraten auch in der zweiten und dritten Generation innerhalb ihrer Gruppe, und zwar meist unvorbereitete, landesunkundige Landsleute. Von diesem März an gilt außerdem ein neues Gesetz, das jeden Zuwanderer verpflichtet, schon im Herkunftsland einen Test seiner Sprachkenntnisse und seines Wissens über die niederländische Gesellschaft und Geschichte zu absolvieren.
Natürlich kommt diese Maßnahme mit allen technischen Finessen daher, wie es sich für das avancierte Land gehört. Sprach- und Videocassetten müssen für eine Schutzgebühr von 350 Euro erworben werden. In der niederländischen Botschaft vor Ort wird dann aus einem Multimediaraum ein niederländischer Sprachcomputer angerufen, der die Prüfung abnimmt. Wer diese besteht und einreisen darf, soll nach einigen Jahren eine weitere, schwerere Sprachprüfung bestehen – andernfalls drohen Geldbußen oder gar der Verlust der permanenten Aufenthaltsgenehmigung.
Die parlamentarische Linke kritisiert Verdonk nur sehr zaghaft. Die Sozialdemokraten haben die Initiative zu den Integrationsprüfungen sogar unterstützt. Man übt zwar Kritik an manchem scharfen Ton, doch in der Sache ist man sich erstaunlich einig: Es ist an der Zeit, über die kulturellen Voraussetzungen einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft zu streiten. Die Stadt Rotterdam hat soeben einen »Bürgerschafts-Code« verabschiedet – ein erstaunliches Dokument der niederländischen Selbstvergewisserung. Darin werden die Bürger verpflichtet, »in der Schule, bei der Arbeit, auf der Straße« Holländisch zu sprechen, Mann und Frau gleich zu behandeln, Andersgläubige, Ungläubige und Homosexuelle zu achten, Kinder gewaltfrei und respektvoll zu erziehen, Extremismus zu bekämpfen und Verantwortung für ihre Stadt zu übernehmen.
Der Initiator des Rotterdam-Codes, der junge Christdemokrat Leonard Geluk, will damit die Debatte um einen »neuen Gesellschaftsvertrag« eröffnen. Dass Rita Verdonk sich seine Ideen sofort zu Eigen gemacht hat und nun davon spricht, den Code für das ganze Land in Kraft zu setzen, ist ihm nicht recht. So ein Vertrag, glaubt Geluk, könne nur Erfolg haben, wenn er zwischen Einheimischen und Einwanderern ausgehandelt werde.
Manche Intellektuellen warnen bereits, dass in den Niederlanden eine Art »liberaler Dschihad« ausgebrochen sei, eine Verteidigung der Freiheit, die selbst illiberale, verbissene Formen annimmt. Die streitlustige Rita Verdonk kann dieser Versuchung nicht immer widerstehen. Aber sie ist durchaus in der Lage, sich selbst zu korrigieren. Ihre neue, zehn Millionen Euro teure Kampagne für das bunte, tolerante Holland hat sie gegen Widerstände von links und rechts durchgesetzt. Die Konservativen finden die Feier der Differenz falsch, die Linken halten sie zwar für richtig, aber unglaubwürdig, weil Verdonk dahintersteckt.
Die Niederlande tasten nach einem neuen Ton in der Integrationsdebatte – ähnlich wie Deutschland. Wenn das Land nach dem Abschied von der falschen Toleranz den Verlockungen des geistigen Provinzialismus und des liberalen Eiferertums widersteht, könnte es tatsächlich Vorbild werden.
Rita Verdonk
Von Seit 2003 erste niederländische Ministerin für Integration im Kabinett Balkenende
1955 in Utrecht geboren
1975 bis 1983 Studium der Soziologie und Kriminologie an der Katholischen Universität Nijmegen
1988 bis 1992 stellvertretende Gefängnisdirektorin in Rotterdam
1996 bis 1999 Abteilungsleiterin im niederländischen Inlandsgeheimdienst
Seit 2002 Mitglied der rechtsliberalen Partei VVD
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 02.03.2006 Nr.10
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Wenn aehnliche Richtlinien im gesamten EU Gebiet erstellt wuerden koennte man endlich mal die Probleme die durch ungesteuerte Einwanderung entstanden sind loesen.Man wird nicht drum hinkommen endlich was zu tun dass Hand und Fuss hat.
Darum geht es: schliesslich hat z.B. Deutschland, um mal ein Land zu nennen, nicht gerade eine sehr lange Tradition der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens.
Wenn dazu Massnahmen erforderlich sind wie, Zuwanderung des Ehepartners erst ab 21, Sprach- und Kenntnistest schon im Ursprungsland, inclusive spaeterer Nachpruefung, so sollte jeder sein Ideologiekaeppchen abnehmen, zum Zwecke des Fortbestehens unserer freiheitlichen Gesellschaft!
Frau Verdonk hat recht, Menschen abzukanzeln, die ihr aus religioesen Gruenden nicht die Hand geben!
Wir muessen ehrlich sein: wenn unser Gesellschaftssystem ueberleben will, so muessen deutlichere Grenzen gezogen werden, auf die sich Immigranten dann entsprechend einstellen sollen und muessen!
Das Land, in dem ich mich aufhalte, schraenkt die Freiheiten meines Verhaltens ein und nicht ich bestimme die Leitlinien des oeffentlichen Verkehrs!
Ein Mann, der angetrunken in Mekka einer Frau hinterherpfeift, wird mit erheblicher Strafe rechnen muessen, was bei uns allabendlich tausendfach geschieht (auch durch Muslime)!
Wer sich in seiner Wahlheimat nicht verständigen kann, ist nur zur Hälfte oder gar nicht dort angekommen, wo er gerade lebt. Sprache erschließt Wege zur Orientierung im Alltag und vor allem zum Kontakt mit anderen Menschen. Wer sich nicht verständigen kann, wird nicht den Kontakt zur heimischen Bevölkerung suchen. Und vielleicht ebenso entscheidend ist: derjenige wird auch nicht als Gesprächspartner gesucht werden. Deshalb ist es unbedingt zu begrüßen, die Ansätze aus den Niederlanden, das integrative Moment der Sprache zu nutzen und für Einwanderer verpflichtend zu machen, auch in Deutschland in die Wege zu leiten.
"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Dieses Wort gilt auch für die über Jahrzehnte hinweg falsche, blauäugige und naive Immigrationspolitik, nicht nur bei uns.
Jetzt ist das Erwachen (endlich)groß. Immer noch tun sich grüne, auch manche rote Politiker hierzulande schwer damit, ihre Politik als gescheitert anzusehen.
Erst wenn der/die eine oder andere auf "Todeslisten" auftaucht o.ä., geht ihnen ein Lichtlein auf.
Es geht nun wahrhaftig nicht mehr nur darum, den Ultrarechten hierzulande den "Wind aus den Segeln" zu nehmen. Es geht schlicht um den Erhalt unserer grundlegendsten Freiheiten, mit denen wir aufgewachsen sind und die doch alles andere als selbstverständlich sind.
Alle Immigranten sind eingeladen, "diese" unsere Gesellschaft mit uns zu teilen. Wollen sie das nicht, sollten sie in ihre angestammte Heimat zurückkehren.
"Verdonk spricht sich deutlich gegen Diskriminierung junger Migranten auf dem Arbeitsmarkt aus. Sie hat das fortschrittlichste Modell zur theologischen Ausbildung von Imamen auf den Weg gebracht."
und Sie gibt auch noch Geld für die Integration aus.
Normalerweise sollte man mit ein wenig Ahnung von Politik erkennen, dass dies genau die Maßnahmen Rot-Grüner Politik sind, die die Phase völliger Gleichgültigkeit der Kohl-Regierung abgelöst hat. Insofern, wer die Holländerin lobt, lobt in gewisserweise auch Rot-Grün, auch wenn diese in ihren Itegrationsmaßnahmen nur halbherzig vorgegangen sind, und die damit großen Versäumnisse der Kohlära nicht aufheben konnten.
Also, bissl denken, bevor dümmlich auf Rot-Grün geschimpft wird, denn es gibt keinen Multi-Kulti-Wahn, den man mit Rot-Grün verbinden kann. Schilly hat für die maximale Reduzierung von
Es ist nicht diskriminierend wenn fuer alle Einwanderer die gleichen Bedingungen gelten und das sollte das Ziel einer Einwanderungs Politik sein.
Ich habe den Artikel über Rita Verdonk mit Verwunderung gelesen. In der politischen Linken in den Niederlanden gibt es zur Zeit wohl kaum eine Politikerin, die dermaßen verhasst ist. Der Autor der ZEIT nimmt gegenüber ihrer Politik eine relativ unkritische Haltung ein. Wer einmal in Amsterdam gelebt hat, wird merken, wieviele westliche Ausländer dort leben und ebenfalls kein Wort niederländisch sprechen und auch keine Anzeichen zeigen, es bald lernen zu wollen. Dieser Personentypus ist offenkundig nicht Adressat von Verdonks Politik und wird einen solchen Sprachtest leicht umgehen können. Mich wundert, wo in diesem Artikel die liberale Tradition, derer die ZEIT doch verhaftet ist, widerzufinden ist. Es scheint, als wünsche sich der Autor insgeheim Frau Verdonk - oder ihr Programm - an Merkels Kabinettstisch.
Damals war es ein Farbiger und ein Führer, der das Stadion verließ.
Wenn ein Nazi sich so gegenüber einem Farbigen oder Juden bei einem offiziellen Treffen geben würde, ginge ein Aufschrei durch Europa. Ein Moslem aber kann sich scheinbar alles erlauben und wir biedern uns dafür auch noch an und versuchen ihn mit viel Geld zu integrieren.
Wie tief können wir eigentlich noch sinken, dass wir ein solches verhalten auf unserem (europäischen) Boden dulden.
Haben wir eigentlich aus unserer (deutschen) Geschichte gar nichts gelernt?
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