fussball Die Klinsmann-Debatte
Nach dem 1:4 der Nationalmannschaft in Italien kennt Fußball-Deutschland nur ein Thema: Haben wir den richtigen Trainer? Auch in der ZEIT-Redaktion wird erbittert gestritten
Pro von Moritz Müller-Wirth
Bundestrainer: Lothar Matthäus
Tor: Oliver Kahn
Abwehr: Carsten Ramelow, Christian Wörns, Jens Nowotny, Thomas Linke (reaktiviert)
Mittelfeld: Michael Ballack, Dietmar Hamann, Fabian Ernst, Torsten Frings
Angriff: Thomas Brdaric, Carsten Jancker
Co-Trainer: Holger Osieck
Team-Manager: Andreas Brehme
Torwart-Trainer: Sepp Maier
Sport-Direktor: Matthias Sammer
Jugend-Koordinator: Berti Vogts
U-21: Horst Hrubesch
Kommunikationsdirektor: Alfred Draxler
Mannschaftspsychologe: Johannes B. Kerner
Muss man über die Verdienste von Jürgen Klinsmann mehr Worte verlieren?
Contra von Henning Sussebach
Lieber Kollege, vielen Dank für die eindrucksvolle Powerpoint-Präsentation zur Linken. Super Mittelfeld! Wenn noch Dieter Eilts hinzukommt, könnte es klappen gegen Costa Rica.
Na gut, Lothar Matthäus als Bundestrainer schreckt wirklich ab – doch wenn etwas noch schlimmer sein kann, heißt das ja nicht, dass alles gut ist. Deshalb mal ein paar Fakten gegen die klinsmännischen Konjunktive:
Südkorea – Deutschland 3:1
Slowakei – Deutschland 2:0
Türkei – Deutschland 2:1
Italien – Deutschland 4:1
Anwesend bei der WM-Trainertagung in Düsseldorf, Deutschland: Alberto Parreira (Brasilien), Marcello Lippi (Italien), Marco van Basten (Holland), Sven-Göran Eriksson (England), Raymond Domenech (Frankreich)
Abwesend: Jürgen Klinsmann (Kalifornien)
Sepp Herberger: »Der Ball ist rund.«
Jürgen Klinsmann: »Die Planung steht, ist in sich geschlossen und überzeugend. Es wird keine Konsequenzen geben.«
Taktik gegen Italien: wie gegen Thailand
Selbst Michael Ballack, von Natur aus eher treuer Trainervasall, hat sich nach dem 1:4 gegen Italien unters Kronzeugenschutzprogramm der ernüchterten Nation begeben und ausgesagt: »Wir müssen mehr taktisch mit dem Blick auf den Gegner arbeiten.« Machen »wir« aber nicht. Die begonnenen Reformen (Verjüngung, Offensive, rote Trikots wg. vermeintlicher Aggressivität) werden kompromisslos durchgezogen – da ist Klinsmann deutscher als MatthäusMaierVogts. Dafür haben wir jetzt die erste Nationalelf, die besser mailen als schießen kann.
Der Mann soll sich um die Abwehr sorgen, nicht um die Farbe der Hemden. Ja: Zurück zu den Graswurzeln! Dann scheiden wir auch lieber mit Klinsmann in der Vorrunde aus als mit Matthäus im Achtelfinale.
Diskutieren Sie mit: Ist die Hetze gegen Klinsmann gerechtfertigt?
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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An die Zeit-Redaktion
So ist das. Die Bildzeitung setzt die Themen. Die vormals seriösen Blätter humpeln hinter her. Nun hat die Medienschwindsucht auch die Zeitredaktion erfaßt.
Der interessierte Leser fragt sich: "Wann widmet sich die Redaktion dem Zugenkuss von Britney und Madonna? Wann kommt das Interview mit Heiner Lauterbach? Wann lauern Zeitredakteure hinter Discotüren auf die Freundin von Prinz Poldi?"
Was als Ausnahmezustand begann, scheint Normalität zu werden. Die große Koalition der Seichtigkeit feiert die Fortsetzung des Karnevals außerhalb der Narrenzeit.
Rinderwahnsinn, Schweinepest und Vogelgrippe scheinen doch ihre Wirkung auf die Menschen nicht zu verfehlen.
Erst wollen Politiker die Bundeswehr wegen eines Fußballturniers (!) im Inland einsetzen, nun stimmt die Presselandschaft in den Chor des Realitätsverlustes ein.
Es ist wahr. Schilda liegt in Deutschland. Auch wenn nicht die Bürger, sondern der Schnee die Dächer abträgt. Noch haben die Bürger dieses Landes Glück. Denn sie haben noch lange nicht die Regierung, die sie verdienen.
Und doch ist der Fußball ein wunderbares Spiegelbild für dieses Land: Der Chef weilt bei der Präsentation seines Unternehmens im Ausland. Der Stellvertreter meldet sich krank. Der Stellvertreter des Stellvertreters steht nur dumm rum. Die Eigentümer des Unternehmes lassen sich protzige Stadien in die Städte klotzen und müssen um die Eintrittskarten betteln.
Wenn Aktionäre gemäß dem Spruch von Hans-Hermann Abs dumm und frech sind, dann ist auf diesem Wertemaßstab für Fußballfans kein Platz mehr und für die Bevölkerung dieses Landes, die diesem Treiben zuschaut, muß ein Maßstab erst gefunden werden. Der außenstehende Betrachter muß Deutschland für das Gelobte Land halten, dessen Glückseligkeit nur noch von ein paar Dressmen auf dem grünen Rasen getrübt wird.
Diskutiert ruhig weiter, liebe Zeit-Redakteure. Beteiligt Euch an dem lebhaften Possenspiel. Laßt Euch wie die Schafe durch die Medienlandschaft treiben. Rennt der Stimmung hinterher. Aber wundert Euch nicht, wenn Ihr mit dem Boulevard in die Glamourseiten der Yellowpress gesteckt werdet.
Was waren das noch für Zeiten, als "Die Zeit" zu den großen Fragen der Zeit Wegmarken setzte, mit Standpunkten Orientierungshilfen gab. Heute reicht die Kraft allenfalls noch zur geistigen Verbrüderung mit Reinhold Beckmann & Co.
korfstroem
Ok wenigstens haben wir noch Humor ?
Die gesammte Deutsche-mannschaft ist in einen Formtief...
Tröstlich, auch wenn Deutschland in der Vorrunde fliegt wird wenigstens der Trainer grinsen. Und da er dann sofort ins sonnige Kalifornien abdüst steht er wenigstens nicht im Regen.
Hier kommt es noch besser:
Die ersten 6 Spiele unter dem Teamchef Franz Beckenbauer 1984/1985:
Deutschland - Argentinien 1:3
Deutschland - Ungarn 0:1
Deutschland - Bulgarien 4:1 (Ausrutscher!)
Deutschland - England 0:3
Mexico - Deutschland 2:0
Russland - Deutschland 1:0
Ergebnis: Vizeweltmeister 1986
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