Bürger Sehnsucht nach dem Bürger
Werte, Glaube und Manieren: Begegnung mit sechs Menschen, die sich selbst gern als neue Bürgerliche sehen
Der Über-Bürger ist erkältet. Deshalb empfängt er keinen Besuch. Deshalb schreibt er einen Brief: »Das Gespenst des Bürgers geht um in Europa«, schreibt er uns. »Jedermann spricht vom Bürger, glaubt an seine Existenz, will ihn gesehen haben. Aber das ist nur eine Sehnsucht, die für ein Gefühl des Verlustes spricht. Das Verlangen nach Bürgerlichkeit kann das Bürgertum nicht ersetzen.«
Wolf-Jobst Siedler, ein großer Preußenfreund und ein noch größerer Verleger. Er hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem er das Bürgertum begräbt. Er weiß natürlich, dass es schon immer besonders bürgerlich war, an seiner eigenen Beerdigung teilzunehmen. Er weiß auch, dass es zurzeit einen bürgerlichen Trend gibt, selbst wenn es nichts gibt, was weniger bürgerlich wäre als ein Trend.
Da gibt es Tanzstunden und Tischmanieren , da gibt es den Kanon der Literatur und die Abstiegsangst der Mittelschicht, da gibt es Wertediskussion und Familienpolitik, da gibt es eine bürgerliche Regierung. Und vor allem gibt es viele Leute, die sich selbst freimütig und selbstbewusst als Bürger bezeichnen. Sechs von ihnen sind wir begegnet, auf der Suche nach einer neuen Bürgerlichkeit.
Die Kosmopolitin. Bürgerlichkeit ist manchmal ein Schrank. Nicht so einer wie der schwere braune, der hinter Gina Kehayoff steht. Eher innerlich, geistig, das Bild von einem Schrank.
»Wenn ich das Wort Bürgerlichkeit höre«, sagt Gina Kehayoff, »dann sehe ich einen Schrank, ich sehe ein Haus und schöne Möbel und Abendeinladungen. Und ich denke daran, dass ich nicht viel mitnehmen würde, wenn ich wegginge.«
Gina Kehayoff hat schwarze Haare, hat ein schwarzes Sakko an und schwarze Stiefel, sie hat dunkle, wache Augen und am Arm eine Plastikuhr von Nike. Sie sitzt in ihrem Buchladen, der Fenster hat, die fast bis zum Boden reichen und gar nicht nach München aussehen. Wo Gina Kehayoff ist, so scheint es, ist immer auch ein Stück Paris.
Ihr Vater ist gebürtiger Bulgare, ihre Mutter ist Französin, Gina Kehayoff wurde in München geboren, sie hat einen französischen Pass. »Bürger sein«, sagt sie, »heißt für mich, dass man sich überall zurechtfindet. Hauptsache, es herrschen demokratische Verhältnisse.«
Sie hat früh geheiratet, sie hat studiert, sie hat drei Kinder bekommen, sie hat in Amerika gelebt und in Frankreich und hat dann in München einen Verlag gegründet. »Aber ich finde es nicht wichtig, wo man herkommt oder wo man hingeht«, sagt sie. »Es ist wichtig, wo man gerade ist.«
Es ist dieser abstrakte, universelle Bürgerbegriff, der sich in Deutschland nie wirklich durchgesetzt hat. Die Diskussion um Bürgerlichkeit gibt sich ästhetisch, sie ist aber in ihrem Kern politisch. Es geht, auch im Zeichen von Einwanderung und Islam, um eine kulturell gefärbte nationale Demokratie. Individuelle Freiheit gibt es aber nur jenseits von kulturellen Normen.
Gina Kehayoff sucht nach einer Haarsträhne, die sich gar nicht gelöst hat. Sie spricht von ihrem Mann und sagt: »Ich trete selten als Paar auf«; sie spricht von ihren Kindern und sagt: »Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich immer gearbeitet habe«; und sagt dann den bürgerlichsten Satz überhaupt: »Ich glaube fest an meine Familie.« Und all die bürgerlichen Regeln, die Formen, die Etikette? »Es ist doch angenehm, wenn Menschen sich richtig benehmen«, sagt sie. »Aber die Deutschen wissen das nicht mit dem Herzen, sondern weil es ihnen vorgeschrieben wird. Die Seele ist hier etwas zu eng.«
Diese Seele müssten sie trainieren, sagt sie, sie müssten vieles neu lernen, weil es im Krieg kaputtgegangen sei. So viel Selbstverständliches, so viel Herzensschau. Aber sie sperren diese Seele ein, in den Schrank, den sie Bürgerlichkeit nennen.
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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