Bürger Vergesst nicht Adornos Krawatte

Was ist das heute noch, ein Bürger? Und was könnte neue Bürgerlichkeit bedeuten? Ein Versuch, Ordnung in eine wirre Debatte zu bringen

Es sieht nicht so aus, als ob sich noch jemand daran erinnert, dass einmal ein Schimpfwort war. Heute gibt es wieder Leute, die sich mit Vergnügen als bürgerlich beschreiben und über den tradierten Hass hinwegsetzen, mit dem die 68er den Begriff verfolgt hatten. Alles, was die Politik heute als schätzenswert sieht, wird mit der Vokabel bürgerlich belegt, ob es der Rückzug des Staates ist oder die Eigenverantwortung des Individuums, die Familie oder das gemeinnützige Engagement. Vor allem das Sponsoring von Kulturprojekten, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat, wird gern als Ausweis neuer Bürgerlichkeit genommen, auch wenn es sich nur um Firmen handelt, die Werbezwecke verfolgen.

Trotzdem wäre es falsch, darin nur die politische Rhetorik einer CDU-geführten Regierung zu sehen oder einen Hilferuf des Staates an die träge Gesellschaft. Auch die soziologische Literatur verzeichnet eine Konjunktur des Themas, und Elemente der Debatte sind bis in die Sphäre populärer Sachbücher vorgedrungen. Den Anfang machte vielleicht das Buch, das der äthiopische Prinz Asserate über Manieren verfasste; dann folgte Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens, und wer meinte, darin nur satirischen Abwehrzauber gegen die Gefahr des sozialen Abstiegs zu sehen, wurde durch das robuste Selbstbewusstsein widerlegt, mit dem der Verfassungsrichter Udo di Fabio die bürgerliche Kultur in seinem Buch als Kultur der Freiheit behauptete.

Anzeige

Eine Diskussion voller Denkfehler und Schadenfreude

Gleichzeitig begannen die Medien, dem vermuteten Trend bis in die Lebenspraxis nachzuspüren, und entdeckten eine Verschiebung im Ausgehverhalten weg von Disko-Exzessen hin zu gesetzteren Freizeitvergnügen, auch eine Wiederkehr von Krawatte, Anzug, Abendkleid, Schmuck und kostbarem Porzellan bei privaten Abendeinladungen. In den Familien und bei der Kindererziehung wurde eine neue Freude an Klavierunterricht und anderen Formen der Pädagogik entdeckt, die einstmals der bürgerlichen Produktion höherer Töchter diente. Als Kontrast dazu wurde die entsetzte Wahrnehmung verwahrloster Unterschichten eingesetzt, denen etwas mehr Orientierung an bürgerlichen Idealen zu wünschen wäre – wie es jüngst die Politologen Paul Nolte und Lord Dahrendorf mit überraschendem Dégout in der Zeitschrift Vorgänge getan haben.

Bemerkenswert ist an der Rede über die neue Bürgerlichkeit vor allem die Verwirrung der Begriffe. Um das gröbste Durcheinander zu verhindern, müsste mindestens zwischen dem Bürgertum, dem Bürger und dem Bürgerlichen unterschieden werden und für jeden dieser Begriffe wiederum zwischen einer historischen und einer normativen Verwendung. Das Bürgertum als historische Klasse, um mit dem Einfachsten zu beginnen, existiert nicht mehr; es ist in Deutschland spätestens 1933 erloschen. Weder gibt es – von Ausnahmen abgesehen – Familien, in denen sich Eigentum an Produktionsmitteln vererbt, noch gibt es – und das ist entscheidender – eine Konvention, die an den Erwerb von Produktionsmitteln eine bestimmte Lebensweise und bestimmte Werte knüpft, ohne die der soziale Aufstieg unvollständig wäre. Wer heute reich wird, kann machen, was er will.

Das untergegangene Bürgertum hat aber Spaltprodukte hinterlassen, die noch heute hochwirksam sind. Das sind der Bürger und das Bürgerliche und was sich mit ihnen verbindet. Dazu gehört die kapitalistische Wirtschaftsweise, vor allem aber die bürgerliche Demokratie, die von dem Bürgertum einst gegen Adel und Monarchie ertrotzt wurde. Sie ist das eigentliche verteidigenswerte Gut und der Grund dafür, warum sich mit der Rede vom Bürger ein normativer Anspruch, ein politischer Appell verbinden kann. In der Demokratie kommt nämlich der Bürger zweimal vor, als Erwerbsbürger (der französische Bourgeois) und als Staatsbürger (der Citoyen). Forderungen nach sozialer Verantwortung und gemeinnützigem Engagement können sich, streng genommen, nur an den Staatsbürger wenden. Da aber der Staatsbürger, historisch gesehen, einmal aus dem Erwerbsbürger hervorgegangen ist, konnte die modische Illusion entstehen, dass der Kapitalist noch heute als eigentlicher Träger des Gemeinwohls anzusehen ist. Daher der Jubel, wenn Unternehmer als Sponsoren öffentlicher Kultur auftreten: als sei damit der Erwerbsbürger endlich wieder im Staatsbürger aufgegangen.

Private Stiftungen und Zuwendungen für die Kultur sind auch kein exklusiv bürgerliches, sondern genauso gut ein feudales oder neofeudales Merkmal; und nirgends lässt sich das besser beobachten als bei den Spenden für die Hamburger Elbphilharmonie, von denen 30 Millionen das Unternehmerpaar Greve, 10 Millionen der Versandhauschef Michael Otto, weitere 10 Millionen die Hermann-Reemtsma-Stiftung, aber gerade einmal 83000 Euro aus der Tiefe der Bevölkerung aufgewendet wurden. Das ist eine Struktur öffentlichen Engagements, wie sie auch den Feudalstaaten Lateinamerikas geläufig ist.

Im Übrigen hat in einer Demokratie jeder als Staatsbürger zu gelten, unabhängig von Einkommen, Wirtschaftstätigkeit oder Herkunft. Es wäre in höchstem Maße undemokratisch, gemeinnützige Forderungen und Hoffnungen auf eine Klasse zu beschränken, die damit als eigentliche Trägerschicht des Staates privilegiert und über alle anderen erhoben würde. Das wäre, wenn man die Rede von der neuen Bürgerlichkeit in dieser Weise politisch nehmen sollte, ein ernster Denkfehler.

Und er wäre umso bedrohlicher, als sich in die Rede von der neuen Bürgerlichkeit nicht selten ein schadenfroher Ton mischt, der den eigenen Aufstieg als Sieg und den Abstieg anderer als Niederlage feiern will. Der Trend (wenn er denn existiert) würde das Ende jener sozialen Mimikri bedeuten, die den alten Eliten einst nahe legte, sich eher proletarisch zu verkleiden als bürgerlich aufzutrumpfen. Das aber hieße, dass sich vor allem ein neues Einverständnis mit sozialen Spannungen und Unterschieden ankündigt und damit das Gegenteil dessen, was sich als politische Hoffnung mit der neuen Bürgerlichkeit verbinden ließe. Das ganze Tralala wäre nur die rhetorische Begleitmusik zu Prozessen der Ausgrenzung und Entsolidarisierung, die der Gesellschaft als ganzer kaum gut tun können und jedenfalls den Bürger im Erwerbssinne wieder vom Staatsbürger im Sinne politischer oder gesellschaftlicher Verantwortung entfernen.

Es gibt aber noch ein Spaltprodukt, das vom historischen Bürgertum geblieben ist: das Bürgerliche im Sinne tradierter Werte und Lebensweisen. Auch dies kommt zweifach vor, als etwas tatsächlich Vorhandenes und als etwas, das man fordern kann, weil man davon einen stabilisierenden Einfluss auf die Gesellschaft erwartet: zum Beispiel den Familiensinn, der die öffentlichen Kassen von der Altenpflege entlasten könnte.

Das tatsächlich vorhandene Bürgerliche dagegen ist, selbst wenn man es nicht bloß als triviales Etikett für Krawatte und Couchtisch nehmen will, nur mehr eine Herkunftsreminiszenz. Es sind Sprech- und Denkweisen, ein Stolz und eine Bescheidenheit, die ohne Anzug, Krawatten oder Sitzecken auskommen können, aber in ehemals bürgerlichen Familien mit einer ähnlichen Zähigkeit überliefert werden wie im Adel. Das heißt, es handelt sich um soziales Brauchtum, das sich von seinen wirtschaftlichen Entstehungsbedingungen vollständig emanzipiert hat.

Dieses Bürgerliche ist zunächst etwas gänzlich Unpolitisches, es taugt zu nichts und schmälert, da es voller Skrupel und Verbote steckt, eher den Erwerbssinn und die Lebenstüchtigkeit. Es hat aber, kurz vor seinem endgültigen Erlöschen, doch noch eine beachtliche politische Wirkung gezeigt. Es steckte in den Protesten der 68er-Generation ebenso wie in den Gründungsmotiven der grünen Partei. Es war der Kern des Aufbegehrens, der moralische Prinzipien nicht der Opportunität und ökologisches Überleben nicht kurzfristigem Wohlstand opfern wollte. Es waren bürgerlicher Stolz und bürgerliche Bescheidenheit, die das Eigeninteresse hinter die Interessen des Gemeinwohls und der Zukunft stellten. Und wer die Protagonisten von 68 oder die politische Trägerschicht der Grünen heute einmal durchmustert, wird überall auf jenes Herkunftsbürgertum stoßen, dem zwar Besitz, nicht aber Bildung, Verantwortungssinn und intellektuelle Reflexe ihrer Ursprungsklasse abhanden gekommen sind.

Dagegen spricht nicht, dass sich diese bundesdeutsche Linke in einer dezidiert antibürgerlichen Rhetorik gefiel. Im Gegenteil ist die Kritik am Bürgertum das hervorstechende Merkmal des bürgerlichen Intellektuellen von Anbeginn. Im Sturm und Drang des 18. Jahrhunderts wie im politischen Vormärz des 19. agitierten Bürger gegen das Bürgertum, es waren Schiller und Heine, Marx und Nietzsche, Adorno und Horkheimer allesamt Bürger, die das Instrument der Kritik gebrauchten. Mit einigem Recht hat man die Kritik als das eigentliche dynamische Moment des Bürgertums bezeichnet.

Kindertrotz gegen die Elterngeneration der 68er

Indes, wenn man nach dem Ursprung der Begriffsverwirrung forscht, die hinter der Rede von der neuen Bürgerlichkeit steckt, wird man ebenfalls auf die 68er stoßen. Was die Protestbürger als bürgerlich denunzierten, enthielt schon das komplette Sammelsurium weder logisch noch historisch zusammengehöriger Sachverhalte. Alles, was nach 1968 als überholt, rückständig, faschistisch oder einfach nur als umständlich und unsympathisch galt, wurde damals bürgerlich genannt. Bürgerlich waren die Ehe, die Familie, die Krawatte, die Höflichkeit, der Glaube an wissenschaftliche Objektivität oder den Sinn privaten Engagements. Manches spricht sogar dafür, dass man die Rede von der neuen Bürgerlichkeit nur verstehen kann, wenn man sie auf den ideologisch verzerrten Begriff von damals bezieht.

Es wäre allerdings auch in hohem Maße enttäuschend. Das Neue daran würde sich als bloßer Widerspruch und Gegenentwurf entzaubern, als Kindertrotz gegen die übermächtige Elterngeneration von 1968. Aber eine Aufmunterung ließe sich aus der entschlossenen Umwertung doch auch beziehen: dass die bürgerliche Freude an der steten Revision, mit anderen Worten, das Institut der Kritik vital geblieben ist. Diesen Gedanken müsste man stark machen gegen jene, die mit der Rede von der neuen Bürgerlichkeit gern einen Abschied von der kritischen Dreinrede verbinden würden. Denn nur wenn dieser Abschied gelingen würde, wäre es auch mit der bürgerlichen Gesellschaft endgültig vorbei.

Lesen Sie hier eine weitere Analyse der deutschen Seele von Jens Jessen - über den Spießer.

 
Leser-Kommentare
  1. macht diese Debatte? Neue Buergerlichkeit? was ist nicht in Ordnung mit der 'alten Buergerlichkeit'? Diese angeblich so wirre Debatte gibt es doch nur in dieser Zeitung.

    • Anonym
    • 11.03.2006 um 17:11 Uhr

    Statt sich um das zu kuemmern, was wichtig, spricht man lieber ueber das, was, was, was????

    Der engagierte, aber abgesicherte, der Willige und dann doch einfaeltige Spiesser: ach, muss die Welt nicht besser sein?

    In euren Haenden liegt es, den Gutverdienenden, den Gemaessigten, ihr fuehlt es doch auch: erhebt euch, euren..., ja schreibt, erhebt euch,ihr, denen, doch soviel Glueck beschieden, erhebt euch endlich!!!!

    • Anonym
    • 11.03.2006 um 14:32 Uhr

    Was der "äthiopische Prinz Asserate über Manieren" verfasste ist mir herzlich gleichgueltig!

    Ob mein Hemd aus der Hose haengt auch, ich weiss kaum, was ein Fischmesser ist,

    aber ich weiss, wir muessen um die Zukunft der Menschheit kaempfen und da sind ihre Artikel eher stoerend als behilflich!

  2. Mir scheint, der Begriff „Bürgerlichkeit“ wurde zweifach okkupiert.

    Zum einen von den Erben jener Leute, die seinerzeit die Gegner der 68-er gewesen sind und die nun eine späte Rache nehmen an ihren Lieblingsfeinden. „Ätsch, wir sind noch da und Ihr habt Fertig!“ Diese Leute, nenne wir sie Alt-Bourgeoisie, führen heute (zum Teil wieder) das große Wort in der Gesellschaft. Sie sind quasi in die Rolle der Aristokratie des späten 19. Jahrhunderts geschlüpft und setzen ihre Duftmarken vor allem in der Politik und der Wirtschaft. Der Rückzug des Staates, die Eigenverantwortung des Individuums (als Preis dieser Freiheit), die Familie im traditionellen Sinne, das gemeinnützige Engagement und insbesondere das Sponsoring von Kulturprojekten dienen diesen Menschen als Projektionsfläche für ihre ganz persönliche Definition der Bürgerlichkeit. Es ist übrigens ein Fehler anzunehmen, es gäbe unter diesen Leuten keine „Familien, in denen sich Eigentum an Produktionsmitteln vererbt“. Die Klasse der Bürger, von denen hier die Rede ist, besteht fast ausschließlich aus solchen Menschen. Man darf unter dem Wort „Produktionsmittel“ natürlich nicht allein den guten alten Webstuhl verstehen. Ein Verlag ist nichts anderes. Er produziert öffentliche Meinung, ein heute durchaus wertvolles Gut. Eine unhaltbare Mär ist es, dass diese Klasse keiner Konvention unterworfen wäre. Ihre Lebensweise und ihre Werte werden lediglich so weiträumig propagiert, dass man sie für allgemeingültig halten könnte. Aus geschichtlicher Erfahrung heraus legt das Adels-Bürgertum heute wenig Wert auf die vordergründige Abgrenzung zum übrigen „Volk“. Es gibt vielmehr jedem der zuhören will zu verstehen, dass das Leben des Bourgeoisie für jeden Leistungswilligen machbar sei.

    Zum Anderen wurde der Begriff vereinnahmt von denen, die ihn zu ihm „aufgestiegen“ sind. Nennen wir sie ruhig „Neubürger“, die Nachfahren jener Proleten, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrer Verbürgerlichung das Ziel all ihrer Anstrengungen gesehen haben. Sie bilden das Pendant zu jenem „Leistungsträger“ der sich im 19. Jahrhundert (per Heirat oder Spitzenleistung) den Zutritt zur untergehenden Adelsgesellschaft erkämpft hatte. Er befindet sich momentan ein wenig in der Defensive. Muss er doch erkennen, dass er auf Grund historischer Ungerechtigkeiten (wer nichts erheirat’ und nichts ererbt...) der erste sein könnte, dem im Abstiegskampf die Puste ausgeht. Dieser Mensch fühlt sich wie einer, der auf einem geklauten Stuhl sitzt und ist allein deswegen seinem Alt-Bourgeoisen Mitbürger gegenüber im Nachteil. Dieser nämlich hat das gute Gefühl, rechtmäßiger Erbe eines Begriffes zu sein, den jener zu Unrecht okkupiert hat.

    Die Verwirrung der Begriffe resultiert vermutlich weniger aus dem Durcheinander von Bürgertum, Bürger und Bürgerlichkeit, wie Jens Jessen meint. Sie resultiert vielmehr aus der Tatsache, dass die beiden oben genannten Gruppen die Geschichte ganz verschieden erlebt haben und also ganz verschieden interpretieren. Das geht so weit, dass die eine Gruppe vollkommen verzichtet auf die „wissenschaftliche Durchleuchtung“ des Phänomens (siehe Kommentar der Herren kb26919 und Stenkamp). „Ich fühle (mich als solcher), also bin ich: ein Bürger.“ Egal, wieso. Die typische Reaktion eines auf Grund mangelnder Erfahrung und ungenügender Denk-Bereitschaft unsicheren Menschen. „Brauchtum“ nennt Jens Jessen diese Art, mit dem Okkupationsgut Bürgerlichkeit umzugehen. Wie auch immer: Übrig bleibt von der augenblicklichen Feuilleton-Debatte nicht viel mehr als ein Streit um die Deutungshoheit eines Begriffes (in all seinen Formen). Eines Begriffes, der gerade wieder aus der Versenkung auftaucht, weil sich Geschichte wider Erwarten ab und zu doch in ausgelatschten Schuhen bewegt. Was lehrt uns das? Nichts. Höchstens, dass man darauf achten sollte, wem man auf dem Weg nach oben bzw. vorn alles begegnet. Es könnte sein, man trifft ihn beim Abstieg respektive Rückweg wieder. Aber das, nicht wahr, ist ja ein ganz alter Hut.

    • Anonym
    • 11.03.2006 um 17:48 Uhr

    Schreibt bei euch nicht am liebsten,wer einen Adelstitel, wer Bundeskanzler,

    wart ihr nicht feige, als es um dem den Kinderschaender Mohammed ging,

    hab ich nicht immer wieder darauf hingewiesen: Mohmammed ist sicher nicht heilig, eher ein Kinderschaender!!??

    Spiessig: ihr seid nicht spiessig sondern feige!, bisher!!

  3. Für mich ist der Versuch von Jens Jessen, Ordnung in die Bürger-Debatte zu bringen, nur unvollkommen geblieben, wenn nicht sogar gescheitert. Mit wohlklingenden, gewölbten Worten unterstellt Jessen zunächst den Untergang des Bürgertum an sich und gleichzeitig die Existenz von Überbleibseln in Form von „Spaltprodukten“, die heute noch hochwirksam sind. Abgesehen von dem fehlinterpretierbaren Begriff "Spaltprodukt" ist diese Situationsbeschreibung unlogisch: Versteht man Bürgertum als umschreibenden Begriff für eine strukturierte soziale Großgruppe, deren Untergruppen sich durch ein gruppenspezifisches Ethos sowie durch eine gewisse Homogenität von Normen, Haltungen und Handlungen auszeichnen, dann sind die Bürger die sozialen Akteure eben dieses komplexen sozialen Konstruktes. Die Bürgerlichkeit beschreibt dann die Menge aller Dritten durch die Akteure des Bürgertums vermittelten Attribute. Vielfach werden Bürgertum und Bürgerlichkeit auch gleichgesetzt. Gleichwohl ist es dann logisch, daß mit dem Bürgertum dann gleichzeitig die Bürgerlichkeit und die Bürger, als Träger bürgerlicher Attribute, verschwinden.

    Jessen läßt ein weiteres Mal die notwendige Genauigkeit vermissen, wenn er sich abschließend auf die Protagonisten bürgerlicher Kritik, quasi als Zeugen seiner Thesen, bei seiner diachronen Betrachtung beruft. Er nennt Schiller und Heine, Marx und Nietzsche sowie Adorno und Horkheimer in einem Atemzug. Der junge Schiller macht mit seinen „Die Räuber“ als Dramatiker des Sturm und Drang (bis 1787) Furore. Heinrich Heine ist hingegen ein „romantisierender“ Vertreter des Vormärz. Als Berufsschriftsteller ist er dem romantischen Zeitgeist verpflichtet. Er übt aber auch in literarisch-philosophischen Essays Gesellschaftskritik. Schiller und Heine sind eher Dichter als Philosophen. Zu letzteren Gattung sind allerdings Marx und Nitzsche zu rechnen. Alle vier sind Repräsentanten der Weltliteratur. Sie sind Erfinder originärer Ideen, wenn auch, bei Marx und Nietzsche, geprägt durch Kant und Hegel. Die Protagonisten der Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie, Adorno und Horkheimer, fallen nun insofern aus diesem Kreis, als daß sie sich wesentlich auf vorgefertigte Theorien von Marx und Engels stützen, die sie lediglich auf anti-bürgerlich trimmen. Dabei definieren sie Bürgertum als die Bürgerlichkeit nationalsozialistischer Prägung, das es zu bekämpfen gilt. Da das Verfallsdatum ihrer Theorie offensichtlich erreicht ist, kann man bei diesen beiden wohl nicht von Literaten von Weltruf sprechen. In Anlehnung an Thomas Mann „Betrachtungen eines Unpolitischen“ würde ich sie in die Kategorie „Zivilisationsliterat“ einordnen. Die genannten Zeugen sind somit hinsichtlich ihrer literarischen Einordnung als auch hinsichtlich ihrer Bedeutung inkompatibel.

    Nabucco

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service