Bürger Vergesst nicht Adornos KrawatteSeite 3/3
Kindertrotz gegen die Elterngeneration der 68er
Indes, wenn man nach dem Ursprung der Begriffsverwirrung forscht, die hinter der Rede von der neuen Bürgerlichkeit steckt, wird man ebenfalls auf die 68er stoßen. Was die Protestbürger als bürgerlich denunzierten, enthielt schon das komplette Sammelsurium weder logisch noch historisch zusammengehöriger Sachverhalte. Alles, was nach 1968 als überholt, rückständig, faschistisch oder einfach nur als umständlich und unsympathisch galt, wurde damals bürgerlich genannt. Bürgerlich waren die Ehe, die Familie, die Krawatte, die Höflichkeit, der Glaube an wissenschaftliche Objektivität oder den Sinn privaten Engagements. Manches spricht sogar dafür, dass man die Rede von der neuen Bürgerlichkeit nur verstehen kann, wenn man sie auf den ideologisch verzerrten Begriff von damals bezieht.
Es wäre allerdings auch in hohem Maße enttäuschend. Das Neue daran würde sich als bloßer Widerspruch und Gegenentwurf entzaubern, als Kindertrotz gegen die übermächtige Elterngeneration von 1968. Aber eine Aufmunterung ließe sich aus der entschlossenen Umwertung doch auch beziehen: dass die bürgerliche Freude an der steten Revision, mit anderen Worten, das Institut der Kritik vital geblieben ist. Diesen Gedanken müsste man stark machen gegen jene, die mit der Rede von der neuen Bürgerlichkeit gern einen Abschied von der kritischen Dreinrede verbinden würden. Denn nur wenn dieser Abschied gelingen würde, wäre es auch mit der bürgerlichen Gesellschaft endgültig vorbei.
Lesen Sie hier eine weitere Analyse der deutschen Seele von Jens Jessen - über den Spießer.
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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macht diese Debatte? Neue Buergerlichkeit? was ist nicht in Ordnung mit der 'alten Buergerlichkeit'? Diese angeblich so wirre Debatte gibt es doch nur in dieser Zeitung.
Statt sich um das zu kuemmern, was wichtig, spricht man lieber ueber das, was, was, was????
Der engagierte, aber abgesicherte, der Willige und dann doch einfaeltige Spiesser: ach, muss die Welt nicht besser sein?
In euren Haenden liegt es, den Gutverdienenden, den Gemaessigten, ihr fuehlt es doch auch: erhebt euch, euren..., ja schreibt, erhebt euch,ihr, denen, doch soviel Glueck beschieden, erhebt euch endlich!!!!
Was der "äthiopische Prinz Asserate über Manieren" verfasste ist mir herzlich gleichgueltig!
Ob mein Hemd aus der Hose haengt auch, ich weiss kaum, was ein Fischmesser ist,
aber ich weiss, wir muessen um die Zukunft der Menschheit kaempfen und da sind ihre Artikel eher stoerend als behilflich!
Mir scheint, der Begriff Bürgerlichkeit wurde zweifach okkupiert.
Zum einen von den Erben jener Leute, die seinerzeit die Gegner der 68-er gewesen sind und die nun eine späte Rache nehmen an ihren Lieblingsfeinden. Ätsch, wir sind noch da und Ihr habt Fertig! Diese Leute, nenne wir sie Alt-Bourgeoisie, führen heute (zum Teil wieder) das große Wort in der Gesellschaft. Sie sind quasi in die Rolle der Aristokratie des späten 19. Jahrhunderts geschlüpft und setzen ihre Duftmarken vor allem in der Politik und der Wirtschaft. Der Rückzug des Staates, die Eigenverantwortung des Individuums (als Preis dieser Freiheit), die Familie im traditionellen Sinne, das gemeinnützige Engagement und insbesondere das Sponsoring von Kulturprojekten dienen diesen Menschen als Projektionsfläche für ihre ganz persönliche Definition der Bürgerlichkeit. Es ist übrigens ein Fehler anzunehmen, es gäbe unter diesen Leuten keine Familien, in denen sich Eigentum an Produktionsmitteln vererbt. Die Klasse der Bürger, von denen hier die Rede ist, besteht fast ausschließlich aus solchen Menschen. Man darf unter dem Wort Produktionsmittel natürlich nicht allein den guten alten Webstuhl verstehen. Ein Verlag ist nichts anderes. Er produziert öffentliche Meinung, ein heute durchaus wertvolles Gut. Eine unhaltbare Mär ist es, dass diese Klasse keiner Konvention unterworfen wäre. Ihre Lebensweise und ihre Werte werden lediglich so weiträumig propagiert, dass man sie für allgemeingültig halten könnte. Aus geschichtlicher Erfahrung heraus legt das Adels-Bürgertum heute wenig Wert auf die vordergründige Abgrenzung zum übrigen Volk. Es gibt vielmehr jedem der zuhören will zu verstehen, dass das Leben des Bourgeoisie für jeden Leistungswilligen machbar sei.
Zum Anderen wurde der Begriff vereinnahmt von denen, die ihn zu ihm aufgestiegen sind. Nennen wir sie ruhig Neubürger, die Nachfahren jener Proleten, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrer Verbürgerlichung das Ziel all ihrer Anstrengungen gesehen haben. Sie bilden das Pendant zu jenem Leistungsträger der sich im 19. Jahrhundert (per Heirat oder Spitzenleistung) den Zutritt zur untergehenden Adelsgesellschaft erkämpft hatte. Er befindet sich momentan ein wenig in der Defensive. Muss er doch erkennen, dass er auf Grund historischer Ungerechtigkeiten (wer nichts erheirat und nichts ererbt...) der erste sein könnte, dem im Abstiegskampf die Puste ausgeht. Dieser Mensch fühlt sich wie einer, der auf einem geklauten Stuhl sitzt und ist allein deswegen seinem Alt-Bourgeoisen Mitbürger gegenüber im Nachteil. Dieser nämlich hat das gute Gefühl, rechtmäßiger Erbe eines Begriffes zu sein, den jener zu Unrecht okkupiert hat.
Die Verwirrung der Begriffe resultiert vermutlich weniger aus dem Durcheinander von Bürgertum, Bürger und Bürgerlichkeit, wie Jens Jessen meint. Sie resultiert vielmehr aus der Tatsache, dass die beiden oben genannten Gruppen die Geschichte ganz verschieden erlebt haben und also ganz verschieden interpretieren. Das geht so weit, dass die eine Gruppe vollkommen verzichtet auf die wissenschaftliche Durchleuchtung des Phänomens (siehe Kommentar der Herren kb26919 und Stenkamp). Ich fühle (mich als solcher), also bin ich: ein Bürger. Egal, wieso. Die typische Reaktion eines auf Grund mangelnder Erfahrung und ungenügender Denk-Bereitschaft unsicheren Menschen. Brauchtum nennt Jens Jessen diese Art, mit dem Okkupationsgut Bürgerlichkeit umzugehen. Wie auch immer: Übrig bleibt von der augenblicklichen Feuilleton-Debatte nicht viel mehr als ein Streit um die Deutungshoheit eines Begriffes (in all seinen Formen). Eines Begriffes, der gerade wieder aus der Versenkung auftaucht, weil sich Geschichte wider Erwarten ab und zu doch in ausgelatschten Schuhen bewegt. Was lehrt uns das? Nichts. Höchstens, dass man darauf achten sollte, wem man auf dem Weg nach oben bzw. vorn alles begegnet. Es könnte sein, man trifft ihn beim Abstieg respektive Rückweg wieder. Aber das, nicht wahr, ist ja ein ganz alter Hut.
Schreibt bei euch nicht am liebsten,wer einen Adelstitel, wer Bundeskanzler,
wart ihr nicht feige, als es um dem den Kinderschaender Mohammed ging,
hab ich nicht immer wieder darauf hingewiesen: Mohmammed ist sicher nicht heilig, eher ein Kinderschaender!!??
Spiessig: ihr seid nicht spiessig sondern feige!, bisher!!
Für mich ist der Versuch von Jens Jessen, Ordnung in die Bürger-Debatte zu bringen, nur unvollkommen geblieben, wenn nicht sogar gescheitert. Mit wohlklingenden, gewölbten Worten unterstellt Jessen zunächst den Untergang des Bürgertum an sich und gleichzeitig die Existenz von Überbleibseln in Form von Spaltprodukten, die heute noch hochwirksam sind. Abgesehen von dem fehlinterpretierbaren Begriff "Spaltprodukt" ist diese Situationsbeschreibung unlogisch: Versteht man Bürgertum als umschreibenden Begriff für eine strukturierte soziale Großgruppe, deren Untergruppen sich durch ein gruppenspezifisches Ethos sowie durch eine gewisse Homogenität von Normen, Haltungen und Handlungen auszeichnen, dann sind die Bürger die sozialen Akteure eben dieses komplexen sozialen Konstruktes. Die Bürgerlichkeit beschreibt dann die Menge aller Dritten durch die Akteure des Bürgertums vermittelten Attribute. Vielfach werden Bürgertum und Bürgerlichkeit auch gleichgesetzt. Gleichwohl ist es dann logisch, daß mit dem Bürgertum dann gleichzeitig die Bürgerlichkeit und die Bürger, als Träger bürgerlicher Attribute, verschwinden.
Jessen läßt ein weiteres Mal die notwendige Genauigkeit vermissen, wenn er sich abschließend auf die Protagonisten bürgerlicher Kritik, quasi als Zeugen seiner Thesen, bei seiner diachronen Betrachtung beruft. Er nennt Schiller und Heine, Marx und Nietzsche sowie Adorno und Horkheimer in einem Atemzug. Der junge Schiller macht mit seinen Die Räuber als Dramatiker des Sturm und Drang (bis 1787) Furore. Heinrich Heine ist hingegen ein romantisierender Vertreter des Vormärz. Als Berufsschriftsteller ist er dem romantischen Zeitgeist verpflichtet. Er übt aber auch in literarisch-philosophischen Essays Gesellschaftskritik. Schiller und Heine sind eher Dichter als Philosophen. Zu letzteren Gattung sind allerdings Marx und Nitzsche zu rechnen. Alle vier sind Repräsentanten der Weltliteratur. Sie sind Erfinder originärer Ideen, wenn auch, bei Marx und Nietzsche, geprägt durch Kant und Hegel. Die Protagonisten der Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie, Adorno und Horkheimer, fallen nun insofern aus diesem Kreis, als daß sie sich wesentlich auf vorgefertigte Theorien von Marx und Engels stützen, die sie lediglich auf anti-bürgerlich trimmen. Dabei definieren sie Bürgertum als die Bürgerlichkeit nationalsozialistischer Prägung, das es zu bekämpfen gilt. Da das Verfallsdatum ihrer Theorie offensichtlich erreicht ist, kann man bei diesen beiden wohl nicht von Literaten von Weltruf sprechen. In Anlehnung an Thomas Mann Betrachtungen eines Unpolitischen würde ich sie in die Kategorie Zivilisationsliterat einordnen. Die genannten Zeugen sind somit hinsichtlich ihrer literarischen Einordnung als auch hinsichtlich ihrer Bedeutung inkompatibel.
Nabucco
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