Kino : Liebe als Duell

In dem Neo-Western "Brokeback Mountain" erneuert Ang Lee das amerikanische Freiheitsversprechen. Dafür bekam er drei Oscars. Acht hätte er verdient.

Der meistgepriesene Film der Saison ist vielleicht auch der am gründlichsten missverstandene. Von einer "bahnbrechenden", "revolutionären" Liebesgeschichte schwärmten die amerikanischen Kritiker, von einem schwulen Western, der gegen die Grundregeln des machistischen Genres verstoße. In Wahrheit ist Brokeback Mountain nicht Antithese, sondern Renaissance des Westerns. Er lässt den Mythos vom starken Naturburschen wieder aufleben. Er weckt die alte Sehnsucht nach einem frontier- Dasein jenseits der auf Konvention gebauten Städte. Er feiert die menschenleere Landschaft der Rocky Mountains und sympathisiert mit dem Typus des Außenseiters, der nur in der Weltabgeschiedenheit des Outbacks glücklich wird, in den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft jedoch verkümmert wie ein eingesperrter Wolf. – So bildet Ang Lee die zentralen Topoi des Genres beinahe sklavisch nach. Zugleich aber unterläuft er sie durch einen genialen Trick: Der taiwanesische Regisseur inszeniert die schwule Liebe als Gipfel des Nonkonformismus und erklärt sie damit zur naturgemäßen Passion des Westernhelden.

Brokeback Mountain handelt von zwei klassischen Vertretern dieser legendären Spezies: wortkargen, heimatlosen Prärierittern, die mit Pferden besser klarkommen als mit Menschen, die bei Regen mühelos ein Lagerfeuer anzünden, aber nur schwer ein Tischgespräch in Gang halten können, und deren gegenseitiges Begehren vielleicht der authentischste Ausdruck ihres Cowboytums ist. "Not the marrying sort" nennt man im Englischen Männer wie Jack Twist und Ennis del Mar, "zum Heiraten ungeeignet". Diese Eigenschaft teilen die beiden mit allen großen Westernhelden, von Billy the Kid bis Butch Cassidy, von den John-Wayne-Sheriffs bis zu den Clint-Eastwood-Gangstern. Denn Heirat bedeutet für den Cowboy Kapitulation: Rückzug ins Wohnzimmer, Abschied vom Abenteuer. Liebe unter Männern jedoch birgt die Chance zur Apotheose: Rebellion gegen ein Tabu, das auch in der Wildnis gilt, Eroberung eines Freiraums, der auf der Landkarte der Neuen Welt nicht verzeichnet ist.

Die Geschichte beginnt 1963, irgendwo in den Bergen von Wyoming, und Ang Lee malt die sich anbahnende Romanze in hoffnungsvollen Farben. Der Rodeo-Reiter Jack (Jake Gyllenhaal) und der bärbeißige Farmarbeiter Ennis (Heath Ledger) sind in die Rockies gezogen, um Schafe zu hüten. Der Wald ist sehr grün, der Himmel sehr blau und das Wasser der Gebirgsbäche, wie könnte es anders sein, glasklar. Wenn die Kamera dem Blick der lonesome cowboys zum Horizont folgt, zeigt sie uns ein Marlboro-Idyll, das den einzigen Makel hat, ein bisschen zu viel Helligkeit und Optimismus auszustrahlen. Diese Helden auf ihren herrlichen Pferden, wie sie in den perfekten Tag hineingaloppieren! Doch Ang Lee wäre nicht Ang Lee, würde er das Klischeehafte nicht umgehend ins Subversive wenden. So erweist sich der heitere Anfang bald als trügerische Kulisse für einen kurzen Sommer der Anarchie, auf den die lebenslange Tragödie der Selbstverleugnung folgt.

Der Brokeback Mountain als Fata Morgana des amerikanischen Glücksversprechens: Wunderbar leicht entwickelt Ang Lee aus der archaischen Arbeit des Viehhütens die raue Verbundenheit zweier Westerner und aus ihrer Kumpanei eine Leidenschaft. Sie sind beide Underdogs, sie ernähren sich von Dosenbohnen, schießen heimlich einen Elch, spielen falsch Mundharmonika, heulen den Mond an. Und eines Nachts – die Whiskyflaschen sind leer, das Lagerfeuer ist runtergebrannt – kriecht Ennis zähneklappernd zu Jack ins Zelt. Dort ereignet sich die anrührendste Szene in der Geschichte des Genres, wobei es den grandiosen Darstellern gelingt, Cowboys als Liebende zu zeigen, ohne sie in ihrer Kantigkeit zu beschädigen: Nach der ersten Berührung fürchtet man als Zuschauer minutenlang, sie könnte doch noch in Mord ausarten. Denn der Sex, nach dem diese Männer gieren, steht in krassem Kontrast zu ihrem Selbstbild. Deshalb sind ihre Umarmungen ein jähes Umsichschlagen. Deshalb grenzen die Zärtlichkeiten, die sie einander zufügen, oft an Vergewaltigung.

Die Art, wie Jack und Ennis sich lieben, als handele es sich um eine Prügelei, ist jedoch mehr als eine Anspielung auf die Gepflogenheiten des Revolvermilieus. Es ist ein Hadern mit den eigenen Emotionen, Wut auf diese verbotene Liebe, gemischt mit dem Zorn darüber, dass sie keine Zukunft hat. "Das war eine einmalige Sache", sagt Ennis am Morgen. "Geht keinen was an", bekräftigt Jack. Darauf Ennis, mit drohendem Unterton: "Ich bin nicht schwul." Jack: "Ich auch nicht."

Wie zum Beweis werden sie später zwei hübsche Frauen heiraten, Kinder in die Welt setzen, das alte puritanische Spiel von der heilen Kleinstadtfamilie spielen. Aber heimlich werden sie zum Fischen in die Rocky Mountains fliehen, alle Jubeljahre einmal, um sie selbst zu sein. Dann fangen sie sich gegenseitig mit dem Lasso. Dann springen sie nackt von einem hohen Felsen in einen eiskalten See. Als traurige Nachfahren des white nobel savage, wie ihn James Fenimore Cooper erträumte, verabreichen sie sich die große Freiheit in homöopathischen Dosen.