Kino Liebe als DuellSeite 2/2
Dass sie zu mehr nicht imstande sind, ist der eigentliche Skandal dieses Neo-Westerns. Die Tragödie der beiden Homosexuellen besteht ja nicht darin, dass sie in Konflikt zu den Moralvorstellungen der Rednecks geraten, sondern dass sie die herrschenden Konventionen verinnerlicht haben. Deshalb folgt auf ihre Gefühlsausbrüche meist betretenes Schweigen. Deshalb bestehen die Postkarten, mit denen sie ihre »Ausflüge« verabreden, manchmal nur aus zwei Wörtern. Deshalb drehen sie sich zum Abschied, wenn sie für Monate auseinander gehen, nicht noch einmal um.
»Wir machen aus der Liebe keine Party«, singt der Countryrocker Merle Haggard in seiner Hymne auf den Okie from Muskogee, den archetypischen Bewohner des Mittelwestens, »wir tragen unser Haar nicht lang und struppig«. Auch Jack und Ennis sind keine Hippies, sondern Machos, die ihre private sexuelle Revolution vor sich selbst geheim halten wollen. Wie Ennis in einer Hausecke zusammenknickt, um seinen Kummer auszukotzen. Wie Jack seinen Wunsch nach einer gemeinsamen Farm zwanzig Jahre lang unterdrückt und Ennis’ Zurückweisungen einsteckt, als sei die Liebe ein Duell, in dem man keinesfalls zu Boden gehen darf. – Das alles entspricht dem Verhaltenscodex des Einzelkämpfers. An der Treue zu diesem Ideal aber muss ein anderes Ideal, das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, scheitern. »Wir halten uns an die Regeln« heißt es bei Merle Haggard, »und lieben die Freiheit.« Leider liegt die Freiheit manchmal jenseits der Regeln. Und so geht in Brokeback Mountain der Amerikaner an seinem Idealismus zugrunde.
Vielleicht hat der Film deshalb nur drei Oscars bekommen (beste Regie, bestes Drehbuch, bester Soundtrack) statt der in Aussicht gestellten acht – weil die Jury die Botschaft dieses vermeintlichen Antidiskriminierungs-Melodrams doch zu deprimierend fand. Am Ende vergab sie die Auszeichnung für den besten Film an L.A. Crash. Die homosexuelle Liebe unter Cowboys, wie Ang Lee sie schildert, ist die Erneuerung eines alten Freiheitsversprechens zum Zwecke seiner endgültigen Demontage. Auch in dieser Hinsicht funktioniert der Film vollkommen genrekonform. Im Western – das zeigt Ang Lee noch erbarmungsloser als vor ihm Sam Peckinpah, Arthur Penn, Clint Eastwood – kann es keine Sieger geben. Wenn der Held das Dilemma, in dem er steckt, durchschaut, ist es längst zu spät. Dann sitzt er in einem klapprigen Wohnwagen, allein inmitten der trostlosen Prärie, wie in der Falle seiner widersprüchlichen Wünsche. Wenn er nach links schaut, sieht er die Berge, wenn er nach rechts schaut, sieht er die Stadt. Aber er wird nirgendwohin mehr aufbrechen. Als Vorreiter der Zukunft ist er so tot, als hätte man ihn erschossen.
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








aber in Anbetracht des Schweigens ueber diesen Artikel schliesse ich dass die Leser nicht viel Interesse haben an Filmen ueber homosexuelle Liesbesfilme.Die Leute gehen ja nicht nur ins Kino um die kuenstlerischen Aspekte anzusehen sondern auch weil sie an der Geschichte die verfilmt wurde interessiert sind
Der vorliegende Artikel greift einige sehr interessante Aspekte auf. Der Film ist für mich schon allein deshalb herausragend, weil er erstmals die Liebe zwischen zwei Männern zu einem Hauptthema macht, ohne es in der Weise einer jener vielen homo- oder heterosexuellen Liebeskomödien zu tun. So verschaffte mir der Artikel neue Sichtweisen auf "Brokeback Mountain". Vor allem der Balanceakt eines homosexuellen Mannes, sich einerseits nach der Liebe zu einem Mann zu sehnen und sich andererseits genau dadurch in seiner Männlichkeit gefährdet zu fühlen, kann ich nachvollziehen.
@norbert1: Heterosexuelle interessieren sich nicht für das Liebesleben Homosexueller - aber sie lesen Artikel über sie? oder sind Sie schwul? Außerdem, wie bitte soll man daraus eine "heterosexuelle" (konventionelle?) Geschichte machen? Es müsste ja immer eine gesellschaftlich vorbelastete Beziehung sein, also zB. alte Frau mit jungem Mann (wie in Harold & Maude). Und außerdem sind viele Forscher der Ansicht, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung bisexuell ist...
So heißt die Filmkritik von Helmut Hollerweger zu "Brokeback Mountain".
"Zum einen inszeniert Ang Lee diese tragische Beziehung als universell gültige Liebesbeziehung, in deren Verlauf es dem Zuseher zunehmend unwichtig erscheint, ob diese nun homosexuell oder heterosexuell ist. ................."
Weiters beschreibt er:
"Die wunderbaren Lanschaftsaufnahmen,..........die emtoionale Dichte,............den elegischen, sehr atmosphärischen Soundtrack........."
"Und wie einst der Name ROSEBUD, der mythische Schlitten aus der Kindheit in Orson Welles "Citizen Kane" wird "Brokeback Mountain" schließlich zu einem sehnsuchtsvollen Ort, der nur Wunschraum geblieben ist."
Dem ist eigentlich (fast) nichts mehr hinzuzufügen.
Hervorheben möchte ich noch die schauspielerische Leistung von Heath Ledger, der den wortkargen Farmarbeiter Ennis del Mar spielt. Diese eingezogenen Schultern, der misstrauische Blick, die knappen Aussagen in verballhorntem Dialekt (engl. Orginialfassung) stellen die Innenwelt des Protagonisten anschaulich dar. Einer, der das Durchhalten des Unvermeidlichen verinnerlichte, der wenig vom Leben erwartet, und noch weniger braucht ("Wer wenig hat, braucht wenig"). Keiner, der die Gesellschaft verändern möchte. Ein stiller tragischer Held, der nicht ausdrücken kann, was mit ihm passiert ist.
Das ist ganz großartiges Schauspiel. Und großes Gefühlskino. Vielleicht sind mehr Menschen daran interessiert, als man den Kommentaren entnehmen kann.
Vielleicht sind viele einfach von der Umsetzung dieser Story "überwältigt". Auch ich tat mir schwer, einen Kommentar zu verfassen. Im Gefühl will ich diesen Film wirken lassen. Nicht im Kopf.
So würde ich ihn auch empfehlen. Einfach spüren.
Und unbedingt die engl. Originalfassung ansehen!
gibt sich der Artikel. Tatsache ist, dass sich die 90 Prozent Heterosexuellen nicht fuer das Liebesleben von 10 Prozent Homosexuellen interessieren. Die Konflikte, die in Brokeback Mountain angesprochen werden, kann man auch auf heterosexueller Basis darstellen.
Es mag schwierig sein ein Genre zu definieren und Beispiele zuzuordnen, aber nur weil in dem Film zwei Cowboys vorkommen und auch die Ikonographie (romantisch-ironisch) benutzt wird, damit sicherlich auch etwas zu "Männerbildern" sagt (die sich homosexuelle Männer schon längst "angeeignet" haben), ist er noch kein Western oder ein Kommentar in erster Linie DARAUF ... sonst wären es z.B. "Hud" und "Oklahoma" auch. Ich würde ihn als (Beziehungs-)Drama kategorisieren, und daß die homosexuelle Affäre fast genau wie eine heterosexuelle behandelt wurde, ist eine zweischneidige Sache.
Es gibt keine "richtigen" Interpretationen, insofern auch keine "Mißverständnisse" im absoluten Sinne, es gibt nur mehr oder weniger große Diskrepanzen zwischen dem Gemeinten und dem Verstandenen. Die (überwiegend) homosexuellen Männer in dem Kino, in dem ich den Film gesehen habe, lachten lauthals über die Tränen der weiblichen Figuren im Film, so wie die (heterosexuellen?) Männer in "Match Point". Im Gegensatz zu "Match Point" schiehn mir das aber nicht die intendierte Reaktion zu sein.
Es sollte sich rumgesprochen haben, daß nicht allein der Regisseur für einen Film verantwortlich ist, es kommen Instanzen in Frage wie literarische Vorlage, Drehbuchautoren, Produzenten, Testpublika etc., ein komplexer Prozess, in jedem Einzelfall verschieden. Ich kann im vorliegenden Fall zu was zur Vorlage sagen: die wurde in Dialog und Handlung fast 1:1 umgesetzt, aber es wurden ein Schlüsselszene aus der Jugend von Twist weggelassen und sehr viel ergänzt - alles Szenen, die Familien positiver und versönlicher erscheinen lassen, also von wegen "subversiv". Positiv interpretiert schließt der Film Familie und Homosexualität nicht aus, negativ interpretiert ist Homosexualität nur eine unreife, verantwortungslose Spielwelt, die biologisch und gesellschaftlich nicht integrationsfähig ist. Ang Lee ist auch nicht immer "subversiv": "Sense und Sensibility" war das in keiner Weise, außer dem unenglischen, undamenhaften und unzeitgemäßen Gefühlsausbruch der Protagonistin am Ende, der aber wohl auf Persönlichkeit und Interpretation von Hauptdarstellerin und Drehbuchadaptorin Emma Thompson zurückführen müssen. Die Vorlage erklärt wenig und kommentiert gar nicht, ist aber schonungsloser, unromantischer und ungeschönter im Tenor. Ob irgendeine Allgemeingültigkeit damit beansprucht wird ist in keinem Fall ersichtlich. Die Geschichte ist übrigens nicht von einem Westernautor, nicht von einem homosexuellen Mann, sondern von einer Frau (Annie Proulx).
Egal wie häufig Homosexualität, Bisexualität etc. ist oder unter anderen Bedingungen wäre (woran soll man das festmachen, außer am tatsächlichen Handeln, und da sind es 10%, in nahezu allen bekannten Gesellschaften) sollte es sich rumgesprochen haben, daß solche Schubladen ziemlich grob sind (bei dem Film fragt man sich, ob weibliche Zuschauer, deren Männer bestimmte Praktiken präferieren nun meinen, er müsse schwul sein ... oder alle schwule Männer damit glücklich sind, wie der Sex im Film dargestellt wurde ...), und auch, daß "homoscocial" und "homosexual" nicht dasselbe sind. Nicht alle homosexuellen Männer sind Frauenhasser und nicht alle Frauenhasser oder in "Männerberufen" arbeitenden Jungs sind schwul.
Schön fotografiert ist er, gut gespielt, teils erotisch (sogar für eine heterosexuelle Frau - und damit meine ich nicht die heterosexuellen Szenen :-)), anrührend ... aber auch zeimlich kitschig und ideologisch unausgegoren. Außer dem Bible Belt in den USA wird der Film niemand schockieren ... aber zu vielen gedanklichen oder emotionalen Einsichten trägt er auch nicht gerade bei ... Keine Zeitverschwendung, aber auch außer, daß er das Thema Homosexualität mal wieder ins Mainstreamkino und in ein Mainstreamgenre mit einigermaßen Erfolg gebracht hat, auch nicht gerade eine filmhistorische Denkwürdigkeit.
'gesellschaftlich vorbelastete' Szenarien gibt es zur Genuege im nicht-sexuellen Bereich. Dass 50% der Menschen AC/DC sind, halte ich fuer eine unhaltbare Vermutung. Im taeglichen Leben gibt es dafuer keine Anzeichen. Moeglicherweise eine Erklaerungshilfe fuer eigene Vorlieben 'vorbelasteter' Wissenschaftler.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren