Hauptschule Lücken füllen

Fünf Jahre Englisch und kaum etwas gelernt: Ein Besuch in einer Berliner Hauptschule

Metin starrer Blick hängt an der Tafel. sagt er stockend und ohne jede Betonung. Fertig. Metin sinkt auf seinen Stuhl zurück und grinst triumphierend. »Sehr schön«, sagt seine Lehrerin. Gut, hat Metin ausgesprochen, als hätte er es nie zuvor gehört, mit H am Anfang, und bis auf eine Lücke für seinen Namen und bis auf die Zahl steht ohnehin alles an der Tafel. Aber, wie seine Lehrerin nach der Stunde sagt, heutzutage müsse man mit wenig zufrieden sein. Vor allem an einer Hauptschule. Vor allem in Kreuzberg. Auch wenn ihre Neuntklässler schon seit mindestens fünf Jahren Englisch haben. »Sind wir mal ehrlich«, sagt Marion Hillert, eine kleine Frau mit dunklen Haaren, und packt ihr Englischbuch ein. »Wenn die Schüler die Schule verlassen, können sie im Grunde wenig.«

Die Carl-Friedrich-Zelter-Schule ist ein gepflegter Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, gerade einen Kilometer entfernt von Berlins neuer Mitte am Potsdamer Platz. Bei den Vergleichsarbeiten des Senats lag die Hauptschule im vergangenen Jahr in sämtlichen Bereichen leicht über dem Landesschnitt. Sicher keine Vorzeigeschule. Aber auch keine Problemanstalt. Man muss nur ein paar Minuten mit Mehmet und seinen Klassenkameraden im Englischunterricht verbringen, um zu wissen: Das schulische Scheitern ist Alltag an Deutschlands Hauptschulen. Nur merken es die Schüler kaum noch, weil viele ihrer Lehrer keine Ansprüche mehr an sie stellen. Umso alarmierender sind die Daten der neuen Schulstudie Desi. Beim Hörverstehen erreichen zwei Drittel der Neuntklässler an den Hauptschulen nicht einmal die erste Kompetenzstufe, das heißt, sie können kaum einen gesprochenen Satz Englisch verstehen. Ebenso niederschmetternd sind die Ergebnisse im Fach Deutsch: Mehr als die Hälfte der Hauptschüler können die einfachsten grammatischen Fehler in einem Text nicht identifizieren – was die Voraussetzung für das Erreichen der untersten Kompetenzstufe wäre (siehe Interview).

Marion Hillert erklärt ihren Schülern die Übung mit dem Einsetzen auf Deutsch. »Wenn ich denen Reden auf Englisch halte, verstehen sie ja doch nur die Hälfte«, sagt sie. Ihre englischen Sätze beschränken sich daher auf Phrasen wie: »Open your books.« Ein echtes Gespräch mit ihren Schülern auf Englisch? »Wo denken Sie hin?«, sagt Hillert. »Ich bin schon froh, wenn ich ihnen für die Abschlussprüfung einen gewissen Automatismus beibringen kann.« Darum liebe sie Einsetzungsübungen. »Ich denke immer, da bleibt noch am meisten hängen.

Bestimmt meint Marion Hillert es nur gut. Doch wenn man Konrad Schröder von ihren Einsetzungsübungen erzählt, packt ihn die Wut. »Woher soll denn die Gesprächsfähigkeit der Jugendlichen kommen, wenn die Lehrerin sie nicht einübt? Das ist wieder die typische deutsche Unterrichtskultur: grammatisierend, verschriftlichte Mündlichkeit, die keine ist.« Schröder ist Professor für Anglistik an der Universität Augsburg und war für die englischsprachigen Teile der Desi-Studie zuständig. Das schwache Abschneiden der Hauptschüler habe ihn nicht so sehr schockiert, sagt er, damit habe er gerechnet. »Richtig schlimm waren die Untersuchungen zur Stundengestaltung. Die belegen, dass ein richtiges, offenes Unterrichtsgespräch kaum stattfindet.« Insofern sei der Englischunterricht an der Carl-Friedrich-Zelter-Schule durchaus »archetypisch. Da ist kein reicher Input, der die Schüler nach oben zieht.«

Die Lehrer vieler Hauptschulen, scheint es, haben sich mit dem Scheitern ihrer Schüler abgefunden. »Bei der Mehrheit stehen wir auf verlorenem Posten«, sagt Hillerts Kollege Manfred Zörkler. Entscheidend sei, ob die Eltern bereit seien mitzuhelfen. So wundert es auch kaum einen, wenn von 24 Schülern im Klassenbuch nur 16 in den Tischreihen hocken. »Das ist die normale Quote«, sagt Zörkler »Vier sieht man nie oder selten.« Selbst was das Fehlen anbelangt, liegt die Carl-Friedrich-Zelter-Schule im Landesschnitt, dank ihres »konsequenten Vorgehens gegen Schwänzer«, wie Schulleiter Robert Hasse sagt.

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein: Schüler ohne Zukunft, frustrierte Lehrer und eine Studie, die dem Versagen einer ganzen Schulform den objektiven Stempel aufdrückt. Doch Desi enthält auch gute Nachrichten für Lehrer wie Marion Hillert, deren Schüler zu fast 80 Prozent nicht deutsch zu Hause sprechen. Schließlich belegen die Daten, dass Einwanderern das Erlernen der Fremdsprache Englisch leichter fällt als ihren deutschen Kameraden – wohl gerade weil sie mit Deutsch bereits eine Fremdsprache meistern müssen (siehe Interview). Ein Potenzial, das die meisten Lehrer mit ihrem konversationsfeindlichen Englischunterricht ungenutzt lassen, wie Konrad Schröder beklagt. »Dabei ließe sich doch genau daraus eine Menge machen!« Vergleicht man Jugendliche aus derselben sozialen Schicht, schneiden Einwanderer auch an Hauptschulen deutlich besser ab als ihre deutschen Klassenkameraden.

Überhaupt, wenn man genau hinsieht, findet man an der Carl-Friedrich-Zelter-Schule eine Menge Beispiele, die Mut machen. Da ist der neue junge Schulleiter, der »höchstens fünf bis sieben Prozent« seiner Schüler verloren geben will und der die Vergleichsarbeiten als Ansporn nimmt, um besser zu werden. Der mit Anzug und Krawatte herumläuft, wie der Direktor eines Gymnasiums, um seinen Schülern zu signalisieren: Diese Schule ist mir nicht gleichgültig. Ihr seid mir nicht gleichgültig.

Man kann sich aber auch in die Deutschstunde ebenjenes Herrn Zörklers setzen und den Schülern zuhören, wie sie ihre Aufsätze über das erste Bewerbungsgespräch ihres Lebens vortragen. Das Praktikum im Frühjahr steht an. Ein Junge aus der ersten Reihe liest: »Da bin isch gefragt, ob die misch brauchen können.« Herr Zörkler, graue Haare und Schnauzbart, dröhnt: »HABE gefragt.« Der Nächste: »Isch wollte bei der Einzelhandelskaufmann arbeiten.« Herr Zörkler: »ALS Einzelhandelskaufmann.« Leyla liest: »Als die Zeit knapp wurde, bin ich schließlich in die Arkaden am Potsdamer Platz gegangen und habe mich erkundigt, ob sie im Nanu-Nanu eine Praktikantin brauchen können.« Punkt. Leyla ist Araberin. Und in Deutsch Herr Zörklers beste Schülerin.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    "Vergleicht man Jugendliche aus derselben sozialen Schicht, schneiden Einwanderer auch an Hauptschulen deutlich besser ab als ihre deutschen Klassenkameraden."

    Kein Wunder, von den begabten deutschen Schülern geht auch keiner an die Hauptschule, während hingegegen Ausländerkinder, auch wenn sie begabt sind, eher an die Hauptschule kommen.

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