50 Klassiker der modernen MusikEine Nebelwand

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? "Atmosphères" vom Komponisten György Ligeti von 

Der Komponist György Ligeti mag Labyrinthe. In seiner Musik kann man hören, wie gerne er sich in unübersichtlichen Wegverästelungen versteigt, wie er es liebt, das Ohr mit verhakten Rhythmen zu verwirren und Motive so zu verknoten, dass keiner mehr durchblickt. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Wobei das Einfache und das Komplizierte in seinen Kompositionen manchmal verblüffend nahe beieinander liegen.

Ligeti kennt sich aus mit Sackgassen. Wenn nichts mehr geht, wenn es scheinbar kein Vor und Zurück mehr gibt, hat er immer noch einen Kniff parat. Die Neue Musik in den fünfziger Jahren hatte sich in eine solche Ausweglosigkeit manövriert: Ein strenges Ordnungsdenken, aus Arnold Schönbergs Erfindung der Zwölftontechnik entwickelt, griff damals auf alle Aspekte des Komponierens über. Man versuchte neben der Tonhöhe auch Tondauer, Klangfarbe oder die Lautstärke mit Reihenstrukuren zu kontrollieren. Die Musik drohte an ihrem Systemzwang zu ersticken. In dieser festgefahrenen Situation erschien György Ligeti mit seinem Orchesterstück Atmosphères. Die Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 1961 geriet zu einer Sensation.

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In Atmosphères tut sich eine mächtige Nebelwand aus Klang auf, die undurchdringlich dicht ist und sich nicht zu bewegen scheint. Wie eine Milchglasscheibe schiebt sie sich vom ersten Takt an vor das Ohr, das vergeblich nach vertrauten Konturen sucht. Weder Rhythmen noch ein metrischer Puls, noch motivische Verlaufsformen sind zu erkennen. Es gibt nur diesen satten, sinnlichen, vollorchestralen Klang, der sich zehn Minuten lang wie eine Wolkenformation im Zeitlupentempo verändert. Er nimmt unterschiedliche Dichtegrade und Farbintensitäten an, wölbt sich zu schrillem Hochton-Gleißen oder grollt dunkel massig in tiefsten Lagen, er vibriert wie aufgeheizte Luft oder verdünnt sich zum lichtschwachen Oszillieren. Man lauscht einem großen Zerstäubungsprozess, als habe sich der ganze Konstruktionsehrgeiz der Serialisten in Dampf aufgelöst.

Aber der Clou der Kompositionen besteht darin, dass Ligeti das Elaborierte keineswegs an das Simple verrät, sondern im Gegenteil die Ausdifferenzierung auf die Spitze treibt – um sie in eine neue Klangqualität umschlagen zu lassen. Die Partitur umfasst 87 Einzelstimmen. Sie offenbart ein unendlich feinfaseriges Motivgewebe. Ligeti spricht von einer "übersättigten polyphonen Struktur". Und das mikroskopische Flirren der Linien erzeugt in seiner Gesamtheit den Eindruck einer statischen, gleichwohl faszinierend schillernden monolithischen Großform. Der Filmregisseur Stanley Kubrick hat den Klang von Atmosphères berühmt gemacht, indem er ihn mit zwei anderen Ligeti-Stücken als Soundtrack in seinem Kinoklassiker 2001 – Odyssee im Weltraum einsetzte.

AtmosphèresGyörgy LigetiBuch
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  • Schlagworte György Ligeti | Weltraum | Erfindung | Komponist | Stanley Kubrick
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