Scharfe Wortgefechte sind bei Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress nichts Ungewöhnliches. Spektakulär waren vor zwei Wochen aber die Ziele, die sich eine Reihe Abgeordneter beider Parteien für ihre verbalen Attacken ausgesucht hatte: die sonst umjubelten High-Tech-Firmen Microsoft, Yahoo!, Cisco und Google. "Ihre abstoßenden Aktionen in China sind eine Schande", polterte etwa der demokratische Abgeordnete Tom Lantos. "Ich verstehe einfach nicht, wie Ihre Geschäftsführer nachts ruhig schlafen können!" BILD

Die Anhörung drehte sich um ein haariges und für die Branche entscheidendes Problem der Internet-Wirtschaft: die wachsende Zahl persönlicher Daten, die Online-Firmen über ihre Kunden sammeln, und den möglichen Missbrauch dieser Daten. Was die Washingtoner Politiker so erboste, war ein Missbrauch dieser Daten durch die chinesische Regierung. Kritiker werfen Google, Yahoo! und Konsorten vor, dass ihre Ableger im Reich der Mitte allzu freundlich mit dem Regime kooperierten, persönliche Daten an Zensoren und die Polizei weitergäben. Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen war die Verhaftung und Verurteilung des chinesischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Shi Tao im vergangenen April erst möglich geworden, als die Suchmaschinenfirma Yahoo! Daten über dessen Internet-Nutzung an die Behörden weiterreichte. "Sie haben sich wie Funktionäre der chinesischen Regierung benommen!", schimpfte bei der Kongressanhörung Jim Leach, ein Republikaner.

So aufgebracht die Washingtoner Abgeordneten über das Betragen amerikanischer Firmen in China auch sein mögen: Ungehinderte und bisweilen fragwürdige Zugriffe von Behörden auf die wachsenden Datenberge privater Internet- und Telekommunikationsfirmen sind längst in vielen Ländern ein Problem. Und ausgerechnet amerikanische Behörden haben in den vergangenen Jahren kräftig hinzugelernt, wie sie von der Datensammelwut privater Firmen profitieren können. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte die Bush-Regierung eine Reihe neuer Überwachungsgesetze durchgepeitscht, allen voran den so genannten Patriot Act. Er enthielt eine lange Wunschliste der Geheimdienste und Polizeibehörden, von zusätzlichen Abhörrechten bis zum Abfangen privater EMails. Doch eine der wichtigsten Neuerungen war, dass Behörden von nun an private, kommerziell betriebene Datenbanken für ihre Ermittlungszwecke nutzen konnten, in vielen Fällen ganz ohne Durchsuchungsbefehl und ganz ohne Dokumentation, Rechenschaftspflichten oder auch nur eine Mitteilung an die derart bespitzelten Bürger.

Doch während in der verschüchterten Zeit nach dem 11. September 2001 die Regierung lange freie Hand bei solchen Dingen hatte, regt sich inzwischen bei vielen Amerikanern ein traditioneller politischer Reflex: das tief sitzende Misstrauen vor der Macht und den Übergriffen des Staates, eine ausgeprägte Vorliebe für eine geschützte Privatsphäre.

Seit Monaten macht eine Fülle von Affären vielen US-Bürgern klar, wie weit das Datensammeln schon gegangen ist. Da verlor eine Reihe von Kreditkartenfirmen durch Fahrlässigkeit interne "Dossiers" über ihre Kunden – typischerweise 20seitige Berichte über Einkommen und Familienstand, Konsumverhalten und politische Orientierung, Geschäftspartner und Arbeitgeber, persönliche Probleme und sexuelle Vorlieben. Da wurden schätzungsweise zehn Millionen Amerikaner im vergangenen Jahr zu Opfern so genannter Identitätsdiebstähle: Kriminelle nutzten die Informationen aus solchen Datenbanken, um sich als die Opfer selber auszugeben, in ihrem Namen einzukaufen und Verträge abzuschließen. Die bange Frage vieler staatsskeptischer Amerikaner: Wenn sogar Hacker und Internet-Betrüger so einfach Zugang zu dieser Datenfülle erhalten können, werden dann nicht Polizei, Steuerbehörden und Geheimdienste erst recht komplett im Bilde sein?

Bei einem Gerichtsverfahren im November wurde der Täter Robert Petrick schließlich auf spektakuläre Weise überführt – weil er vor dem Mord an seiner Frau die Worte "Nacken" und "brechen" auf der Web-Seite von Google nachgeschlagen hatte. Die Aufklärung des Falls war zwar eine gute Sache, doch einer breiten Öffentlichkeit wurde dadurch erst bewusst, dass Google und andere Internet-Firmen sämtliche Anfragen und Suchergebnisse sammeln und auf unbestimmte Zeit aufbewahren.

Hinter den meisten Geschäftsmodellen der heute erfolgreichen Internet-Firmen wie Amazon, Google, Yahoo! oder Skype steht sogar die Erwartung, dass sie künftig immer detailliertere Informationen über ihre Kundschaft sammeln können – um ihnen nämlich maßgeschneiderte Produkte zu verkaufen oder gezielte Werbung vorzusetzen.

Immer kompletter werden die privaten Datenbanken. Die Anbieter der unterschiedlichsten Internet-Seiten halten fest, was Konsumenten kaufen oder nur anschauen. Internet-Suchmaschinen wie Google und Yahoo! versuchen, sich aus den Anfragen und den E-Mail-, Diskussions- und Einkaufsgewohnheiten ihrer Besucher ein möglichst komplettes Bild über deren Vorlieben zu verschaffen. Mobiltelefonbetreiber können die Aufenthaltsorte ihrer Nutzer nachvollziehen, und es gilt als großes Wachstumsgeschäft, ihnen ortsabhängig gezielte Nachrichten, Informationen und Werbemeldungen bereitzustellen.